In Brasilien ist eine der letzten Indianergruppen gesichtet worden, die ohne jeden Kontakt zur westlichen Zivilisation lebt.1
Eben.
Das Echo auf diese Meldung ist enorm gross. Keiner ist sich zu fein, ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Und zwar nicht etwa, weil es überraschend ist, einen Indiostamm zu entdecken, den man bisher noch nicht kannte. Man würde ja gemeinhin annehmen, was auf der Erde kriecht und grösser als eine Hausmaus ist würde man alles kennen.
Der Mythos des “edlen Wilden” taucht einmal mehr auf. Der “bessere” Mensch. Der Übermensch ist plötzlich wieder entdeckt. Das einzige Volk, das “richtig” lebt. Und es will geschützt werden. Man schottet es ab, nicht einmal Flugzeuge sollen mehr drüber fliegen dürfen. Purste Naturromantik. Dann kommt noch ziemlich viel Esoterik mit hinein. Nebst heidnischem Paganismus und einem Schuss Gaia-Hypothese.
Das ist eine ungesunde Mischung. Doch anhand dieses Beispiels erkennt man faszinierend gut, wie unbeliebt die Zivilisation ist. Oft nicht im alltäglichen Leben, aber im Kopf drin. (Auf die Zahnbürste, die Cornflakes und die Tampons zu verzichten, wäre dann doch etwas zu ungenehm. Was auch der Grund ist, wieso all diese Zivilisationskritiker nicht schon längst im Flieger nach Sibirien, Kongo oder Bangladesh sitzen. - Allerdings ist Zivilisationskritik durchaus tödlich, wenn man die aktuelle Masernepidemie bedenkt.)
Und jetzt - man will ja das Beste für die Übermenschen - mag man ihnen nicht einmal die Zivilisation gönnen. Keine Frage, dass man sie ihnen nicht aufzwingen darf - das ist eine zwingende Folge des Liberalismus - aber sie ihnen mit allen Mitteln vorzuenthalten, ist doch ein wenig heuchlerisch bis sadistisch. Besonders, weil sie niemand gefragt hat, was sie wollen. Vielleicht möchten sie ja eigentlich durchaus Zugang zu medizinischer Versorgung, Schulbildung und sauberem Wasser.
Aber gut, lassen wir die Leute dort an Malaria leiden. Karies soll ja auch ganz amüsant sein. Abgesehen davon, dass man sich mal das Bein aufschürft, notdürftig ein paar Kräuter in die Wunde schmeisst, am nächsten Morgen eine Fliege Eier drin legt, man in nächster Zukunft dann den weissen Maden beim Essen zuschauen kann, bis schliesslich die Blutvergiftung da ist oder das Bein ganz einfach amputiert wird.
Mehr Zivilisationslob gibt’s zu finden bei Yaab und Ali.
Zivilisationskritik - gewürzt mit Verschwörungstheorien - beim politblog.
Sunday, June 1, 2008 at 21:45
Monday, June 2, 2008 at 16:28
Sorry, aber du wirst hier dafür zivilisationsromantisch. Es ist nun einmal so, dass die guten Leute einen psychischen Kollaps erleiden würden, wenn plötzlich die grosse Welt einbricht. Und es gibt auch genug Leute, die das ausnützen würden. Oft werden diese Völker dann drogenabhängig.
Sie haben ja auch mit Pfeilen auf den Helikopter geschossen, als wäre er ein dunkler Gott.
Meinetwegen können sie in die moderne Gesellschaft. Aber offensichtlich geht es ihnen gut genug, dass sie ihre Lebensweise verteidigen.
Ausserdem ist deine Vorstellung vom wilden Leben genauso falsch wie die des edlen Wilden. Wenn wir davon ausgehen, dass sie auf jungsteinzeitlichem Stand sind, geht es ihnen schon ziemlich gut.
Doch Fakt ist bloss: Wir wissen es nicht! Oder hast du sie getroffen? Nein. Also rüge nicht die Vorstellungen anderer Leute, sondern prüfe deine. Sie sind ebenso voreingenommen wie die deiner politischen Gegner.
Monday, June 2, 2008 at 18:10
Nein, ich bin nicht dafür, dass wir die Leute dazu zwingen, sich in die Zivilisation zu begeben. Aber wenn sie wollen, dann dürfen wir sie daran nicht hindern.
Dass sie auf Helikopter schiessen, heisst nicht, dass es ihnen gut geht. Es heisst bloss, dass sie sich vor ihm fürchten, resp. einen “Feind” darin sehen.
Klar, sie sind nicht am Verhungern und sind glücklich in ihrem Stamm. Aber dass sie ihre Lebensweise wählen würden, wenn sie beide kennen würden, das wage ich doch zu bezweifeln.
Wo ist denn meine Vorstellung des “wilden Lebens” falsch? Sanitärinstallationen haben sie nicht, moderne Medizin haben sie nicht, die Lebenserwartung ist ziemlich tief, Krankheiten sind nichts seltenes. (Drogen kennen sie übrigens auch.)
Klar wissen wir nichts über das Leben dieser Leute, aber grundlegend anders als das anderer Indios wird es kaum sein.
Ich weiss nicht, ich möchte jedenfalls nicht in jungsteinzeitliche Zeiten zurück. Auch wenn’s den Leuten damals gut ging. Das Leben war einfach verflucht hart damals.
Wednesday, June 4, 2008 at 1:39
Der vorliegende Artikel muss eindeutig als Interpretation der absoluten eigenen Unwissenheit verstanden werden, da er ein paar Stichwörter aus den Presseberichten zu einem schnellen unüberlegten Text verbindet. Der Autor möge sich zuerst darüber im Klaren werden, was Zivilisation bedeutet. Dann möge er sich die geographische Situation betrachten. Und am Ende wäre ein Blick auf die sozialökonomischen Faktoren des Ursprungslandes der indigenen Gruppe ebenfalls keine schlechte Wahl. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist dieses Nomadenvolk auf der Flucht.
Sie in die Zivilisation zu bringen würde im praktischen Sinne bedeuten: Einen Trupp Holzfäller abzusetzen, die eine Schneise für einen Hubschrauber oder ein Kleinflugzeug in den Urwald fräsen. Sie mehrere einhundert Kilometer umzusiedeln und sie massiv in Quarantäne zu halten. Sie faktisch aus ihrem Lebensraum zu deportieren! Oder wollt ihr ihnen die heile Welt per Satellitenfernsehen in den Urwald bringen? Einziger Kontakt wären evtl. andere Indios mit Schutzmasken, etc. Ein einfacher Schnupfen würde die Hälfte dahinraffen. Welch’ famose Vorstellung, diese Menschen darauf vorzubreiten, sich entscheiden zu müssen.
So ist es in den letzen drei Dekaden passiert, so würde es wieder passieren. Am Ende leben sie in der Nähe einer Stadt mit all dieser tollen Zivilisation. Und mit einer extremen Selbstmordrate innerhalb des Stammes - vornehmlich unter männlichen Jugendlichen und jungen Männern.
Der Autor - ich erwähnte es bereits - bezieht sich mit diesem schlecht oder gar nicht recherchierten Artikel vermutlich auf Berichte der deutschen Presselandschaft. Mir ist es zu aufwändig, die Indiopolitik der Regierung, der Gouverneure Amazoniens, der Indianerbehörde Funai und der obersten Gesundheitsbehörde (nicht des Gesundheitsministeriums) in Brasilien im Detail zu erläutern.
Eines ist den vorgenannten Gruppen und Entscheidungsträgern jedoch klar. Von sich auf andere zu schliessen, wie es der Autor hier tut, war schon immer verkehrt. Weil weder der Autor in seiner technologisierten Welt noch die Mehrheit der Herren in Brasília den Horizont besitzen können, das Leben dieser Menschen auch nur ansatzweise nachzuvollziehen. Und wenn man es doch tut, dann mit der ganzen Überheblichkeit eines “Übermenschen”.
Der existente Frieden fernab unserer Probleme: Ein Gesellschaftssystem, in dem Zeit keine Rolle spielt, Geld keine Rolle spielt, wo jedoch Ehre, Aufrichtigkeit und gegenseitige Verantwortung die Grundpfeiler eines zivilisierten und friedlichen Zusammenlebens darstellen. Wo die Natur Gott manifestiert und wo der Kreislauf des Lebens auch noch so verstanden wird. Wer dies zerstören will, scheint wohl ein wenig neidisch zu sein.
Ich persönlich bin daher gegen die ‘Domestizierung ‘ von Indios. Sie würden einiges gewinnen, aber viel mehr verlieren. Es gibt aber etwas, was ein jeder von uns tun kann: wir können von ihnen lernen! Die Babaren, die Wilden, das sind nämlich wir ganz allein.
Beste Grüsse aus Brasilien, Dietmar
Wednesday, June 4, 2008 at 16:49
Ich schrieb ja, man sollte den Indios die Wahlfreiheit lassen - was gleichbedeutend ist mit: Sie werden weiterhin im Dschungel leben und wir werden ihnen nicht in die Quere kommen.
Vielleicht ist es auch so, dass angesichts der Armut in Südamerika diese Indios im Dschungel besser dran sind als in den “Vororten” eines Stadtkolosses. Doch in ein paar Jahrzehnten mag die Situation ganz anders aussehen - jedenfalls wenn wir in Betracht ziehen, dass Brasilien sich dem westeuropäischen Standard annähern wird.
Dann driftest du leider in die - an dieser Stelle von mir kritisierte - Naturromantik ab.
Frieden: Obwohl es mehrere Indiostämme gibt, bei denen Kannibalismus zum guten Ton gehört.
Zeit: Den halben Tag mit Essenssuche verbringen? Würde dir das Spass machen?
Geld: Was ist das Pendant bei den Indios? Deren Zahlungs- und Tauschmittel? Halluzinogene Blätter?
Natur: Tja, die Natur ist vor allem hart und brutal. Dazu haben viele Indios in ihrer Vergangenheit dutzende von Spezies ausgerottet. Erst mit der Zeit hat sich dann zwischen Mensch und Umwelt ein Gleichgewicht eingependelt.
Was also könnten wir von den Indios lernen?
Wednesday, June 4, 2008 at 17:50
Die Indios haben doch durch ihre Flucht vor der “Zivilisation” - andere nennen es Vertreibung durch Holzfäller, Maschinen, etc. - doch bereits eine eindeutige Willenserklärung abgegeben. Was gibt es da hinzuzufügen.
Frieden: Keiner der mir bekannten Indiostämme nutzt Kannibalismus zur Nahrungsversorgung. Es gibt allerdings sehr seltene religiöse Rituale, wo einzelne und sehr spezielle Teile des Feindes zeremoniell verzehrt werden.
Zeit: Du gehst den ganzen Tag arbeiten, um das Geld für dein Essen zu verdienen. Wie ich übrigens auch. Der sich selbst versorgende Kleinbauer verbringt 15 Stunden auf dem Feld um sich zu ernähren. Indios sind Jäger, Sammler und bauen u.a. Maniok an.
Geld: Es gibt kein Pendant. Es ist einfach nicht notwendig, auch wenn du es vielleicht nicht verstehen kannst.
Natur: Hier will ich Fakten lesen. Welche Indios haben was wann und wo ausgerottet. Die westliche Zivilisation hat die Indios von Nord- bis Südamerika ausgerottet, hat die Ureinwohner Australiens dezimiert, etc. Das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur extistiert eben gerade nur noch bei den Naturvölkern. Sie töten z.B. nur das, was sie brauchen. Sie nutzen die Natur ohne sie zu zerstören. Das hat nichts mit Romantik zu tun sondern mit effizienter Ausnutzung der natürlichen Ressourcen.
Lernen: Vielfältiges, besonders im Bereich der Soziologie und Naturheilkunde.
Übrigens sind die sanitären Einrichtungen extrem ausgeklügelt. Die Exkremente werden z.B. als Dünger verwendet und genau dort platziert, wo es benötigt wird, noch nicht einmal hier wird etwas verschwendet. Auch haben sie Friedhöfe, spezielle Waschplätze, Aufteilung bei Haus- und Feldarbeit, Kindererziehung und Wissensübermittlung.
Holluzinogene werden entgegen der westlichen Verwendung nicht als Flucht vor dem Alltag verwendet, sondern sind auch ein Teil der Spiritualität und vor allem nur wenigen Mitglieder des Stammes vorbehalten.
Ich habe wirklich keinen blassen Schimmer, welche Quellen du für deine Einschätzungen verwendest oder ob du hier nicht 60er-70er Jahre Exploitions und Karl May - Filme miteinander vermischst. Versuche es doch einfach einmal mit der Realität. In meinem Magazin habe ich eine ganze Reihe von deutschsprachigen Dokumentationen aufgelistet, die auch regelmässig wieder im Fernsehen ausgestrahlt werden. Zudem sei dir die gängige Fachliteratur empfohlen. Vielleicht sollten wir danach weiterdiskutieren, vorher hat es meines Erachtens keinen Sinn, da jede deiner “fulminanten Thesen” schlichtweg Lichtjahre am tatsächlichen Leben dieser Menschen vorbeigeht.
Beste Grüsse aus Brasilien, Dietmar
Wednesday, June 4, 2008 at 19:32
Tja, ich als “naiver” Beobachter würde sagen, dass Dietmar die besseren Argumente hat, B. Während du deine abgeändert wiederholst, hat er sie schon lange auseinandergepflückt …
Wednesday, June 4, 2008 at 20:02
Würden sie vor einer Coke flüchten? Einer Malarimpfung? - Dazu sollte man die Gründe in Betracht ziehen, wieso sie vor der Zivilisation geflüchtet sind. Klar, ihr Lebensraum wurde zerstört. Doch hielten sie die Maschinen nicht vielleicht für Dämonen oder dergleichen?
Frieden: Genau. Mord ist es immer noch.
Zeit: Ja. Ich bin eigentlich zufrieden damit, dass ich aus meiner ganzen Arbeitszeit noch Geld für Freizeit und Luxusgüter - die ich mag, wahrhaftig mag - rausholen kann.
Geld: Geld ist zuerst einmal ein Tauschmittel. Um Transaktionen wie Manik gegen Pfeilgift zu erleichtern. Mit Geld braucht es keine doppelte Übereinstimmung (Ich will das, was mein Tauschpartner anbietet, mein Tauschpartner will das, was ich ihm anbiete.), um das Tauschgeschäft zu ermöglichen. Indios brauchen kein Geld. Die können noch direkt tauschen. Evtl. mittels Muschelschalen. Wir können auf Geld nicht verzichten, ausser wir verzichten auf sämtliche Technik etc.
Natur: Die Maori haben zum Beispiel die Moas ausgerottet: http://de.wikipedia.org/wiki/Moa#Moas_und_Menschen
Lernen: Bezüglich Medizin: Ja, es gibt teils sehr potente Wirkstoffe in Regendwaldpflanzen, die die Indios womöglich benutzen. Dieses Potenzial gelte es tatsächlich zu nutzen. Bezüglich Soziologie: Ich wäre dankbar für nähere Erläuterungen.
Was wäre, wenn Spiritualität grundsätzlich eine Realitätsflucht darstellen würde?
Und ich habe keine Ahnung, welche meiner Einschätzungen du meinst.
Ich sage ja bloss, ich finde es gut, dass Mord bei uns verboten ist, unsere Medizin uns eine Lebensspanne von 80 Jahren bei völliger Gesundheit ermöglichen kann, wir vergleichsweise viel wissen, ich so viel Verschiedenes tun kann und mich nicht nur um den Essensanbau kümmern muss, ich höchstens geistige Strapazen durchleiden muss und nachts butterweich liegen kann.
Ja, ich ziehe all diese Dinge dem Dschungelleben vor. Besonders der Aspekt der Freiheit (des Denkens) wiegt schwer.
Das ist mein Punkt.
Wednesday, June 4, 2008 at 20:04
Düsterkeit:
Mein Argument, dass ich weder an einer Schürfwunde, noch an Malaria, noch an Darmerkrankungen sterbe, hat er immer noch nicht zerpflückt.
Wednesday, June 4, 2008 at 21:16
Eine Impfung gegen Malaria gibt es nicht. Allerdings ist ja erwiesen, dass die Malaria von den Europäern bei der Kolonisierung um 17. Jahrhundert eingeschleppt wurde und sich mittlerweile im gesamten Tropengürtel Amerikas ausgebreitet hat. Auch etwas, was die “Zivilisation” ihnen als Geschenk mitgebracht hat. Heute sterben weit mehr Indios an Cholera und Tuberkulose - ebenfalls europäischen oder afrikanischen Ursprungs. Du willst sie also jetzt vor dem schützen, was du ihnen selbst angetan hast. Perfekte Rechtfertigung für den Fortschritt, der die alleinige Weisheit darzustellen scheint.
Betrachte die Welt doch mal aus ihren Augen. Sauberes Wasser, Klare Luft, Natur, Früchte, Tiere, alles im Einklang. Nun wird das Wasser von Goldsuchern (die übrigens sogar die Pocken Anfang des 19. Jahrhunderts in den Amazonas gebracht haben) mit Quecksilber verunreinigt, Holzfäller roden ganze Landstriche und ziehen Strassen durch die Jagdgebiete. Zeige den Indios die Welt, wo für eine schwarze Flüssigkeit irgendwo unter der Erde tausende von Menschen sterben müssen, Milliarden an Geld in den Krieg investiert werden, während nur ein paar Kilometer weiter die Menschen in Massen verhungern. Das ist Zivilisation? Du selbst bezeichnest dich als zivilisiert? Ich nicht. Der moderne Mensch ist nicht zivilisiert. Aber das hat Einstein schon einmal treffend beschrieben.
Wenn es dort noch etwas gibt, dann ist es Verteilungsgerechtigkeit. Wenn Hunger angesagt ist, dann hungern alle. Aber das ist immer nur dann der Fall, wenn sie schnell vertrieben werden und sich an anderer Ort und Stelle ihr Leben in Hast neu aufbauen müssen. Spiritualität ist keine Realitätsflucht, es ist die Kunst, den Geist zu öffnen und diese Erfahrungen in das Leben im praktischen Sinne einzubauen. Es darf daher auch keinesfalls mit normalen Drogenkonsum verglichen werden, weil es sogar auch Trancezustände gibt, bei denen keinerlei Substanzen verwendet werden. Für einen zivilisierten Mitteleuropäer (auch für mich) sehr schwer zu verstehen.
Mord ist dort auch verboten und wird i.d.R. mit Verbannung = dem Tod bestraft. Ist das unzivilisiert? Na, dann sind solche Länder wie die USA auch unzivilisiert. Kriege zwischen einzelnen Stämmen gab es immer, territoriale Streitigkeiten eben. In der modernen zivilisierten Welt passiert sowas natürlich nicht … ausser das es von Nord nach Süd und von Ost nach West lodert ist doch alles ok. Aber ich vergass: das sind zivilisierte Kriege.
Lebenserwartung: Geh mal in ein Pflegeheim im zivilierten Europa, dann reden wir nochmal darüber. Dort zumindest stirbt niemand einsam, nur weil die Kinder und Enkel keine Zeit haben. Sie wissen auch jede Menge, halt einfach nur andere Dinge, die für sie wichtig sind. Integralrechnung interessiert sie halt nicht. Mancher Mensch wird 80 und hat weniger vom Leben als ein Indio, der nur 40 wurde. Oder bekommt vor Stress mit 50 den ersten Bypass, mit 60 einen Herzinfarkt, mit 65 ein künstliches Hüftgelenk, mit 70 einen Schlaganfall und stirbt dann nach weiteren 15 Jahren einsamen Vegetieren und Bettnässen endlich, weil irgendjemand aus Erbarmen den Stecker zieht. Schöne zivilisierte Welt.
HappaHappa: Genau, du musst dich um Essensanbau nicht kümmern. Das machen ja (glücklicherweise) andere für dich. Würde es die aber nicht geben, sei es die Feldarbeiter oder die Mc Donalds Verkäuferinnen, die Arbeiter in den Fleischfabriken bis zur Kassiererin bei Aldi - nach ein paar Tagen würdest du in der zivilisierten Welt mächtigen Kohldampf schieben. Es gibt auch in deiner Welt jede Menge Menschen, die tag ein tagaus nichts anderes tun, als für dich Essen ranzuschaffen. I know, du dankst es ihnen mit geistigen Strapazen.
Butterweich liegen: Mir gefallen persönlich Hängematten sehr gut. Leider habe ich durch zwei Jahrzehnte Bildschirmarbeit meine Wirbelsäule so verknackst, dass ich nicht lange darin schlafen kann. Ist aber besser als jede othopädische Matratze (wenn man nicht vorbelastet ist).
Dschungelleben: Es zwingt dich ja keiner dazu. Du hast DEINE Annehmlichkeiten des “modernen Lebens” - sie haben andere. Sie kennen keinen Wecker, sie kennen keinen Stau, keinen Terminstress, kein Kopfweh vom vielen Denken - und sie haben trotzdem einen geregelten Tagesablauf, mit viel Zeit für sich selbst. Eigentlich Beneidenswert, wenn man nicht - wie ich übrigens auch - auf die Annehmlichkeiten des “modernen Lebens” verzichten will.
Die Freiheit des Denkens: Das meinst du mit Sicherheit nicht. Du meinst das Verarbeiten von Wissen, das Analysieren von Problemen, die geistigen Versuche der Weiterentwicklung.
Oder meinst du, dass sie die Wahl haben sollten? Sich alles ansehen und danach entscheiden? Mal ein bisschen Ellenbogengesellschaft checken, eine Prise Rassismus schnuppern, dem Hunger ein bisschen frönen und der Überflussgesellschaft einen Besuch abstatten. Sich von Religionen bekehren lassen, die Sexualität tabuisieren und die natürlichen Ressourcen als beliebig austauschbares Gut verstehen lernen.
Mehr als 500 Jahre nach Cabral und selbst 100 Jahre nach Cândido Rondon haben sie es geschafft, sich von all dem fernzuhalten. Und du willst ihnen nun schnellstmöglich beibringen, warum Coke besser ist als Pepsi und warum man mit UMTS viel mehr Leute kennenlernen kann …
Beste Grüsse aus dem modernen Brasilien, Dietmar
Wednesday, June 4, 2008 at 21:45
Ich spreche übrigens nicht nur von südamerikanischen Indios.
Du vergleichst allen Ernstes die guten Aspekte des Indiodaseins mit den schlechten Aspekten des Westens? Das ist… “interessant”.
Verteilungsgerechtigkeit? Findest du es besser, wenn alle hungern, anstatt bloss ein Teil?
Sie öffnen ihren Geist… Für Dinge, die es nicht gibt. Ich nenne das Realitätsflucht.
Ach, Mord ist verboten, aber dem Kerl vom andern Stamm den Schädel einzuschlagen, um dann dessen Hirn zu essen, ist erlaubt? Scheinbar ist Mord doch nicht verboten. Nicht in dem allgemeinen Sinn wie hier im Westen.
Ach, übrigens, der Westen führt keine Territorialkriege mehr. Wir führen allgemein sehr wenig Kriege. Und der Grossteil dieser Kriege sind gar mit humanitärem Auftrag.
Wie nett, du vergleichst wieder Negativbeispiele des Westens mit Positivbeispielen der Indios.
Mit dem Geld, das sie dafür bekommen, dass sie mich mit Essen beliefern, kaufen sie sich aber noch diverse andere Dinge als bloss Nahrung. Das ist der grosse Unterschied.
Dschungelleben: Alles mögliche hat alle möglichen Vorteile. Wir können uns glücklicherweise frei für den einen oder andern Lebensstil entscheiden, die Indios nicht.
Doch, ich meine die Freiheit des Denkens. Hier kannst du denken, was du willst. Übers ganze Spektrum. Das garantiert dir freier Informationszugang und Meinungsfreiheit.
Jeder soll die Wahl haben. Jeder.
Wednesday, June 4, 2008 at 21:52
Ich möchte dir noch kurz erklären, worum es mir bei meinem Post eigentlich ging:
Die Romantisierung der Indios als “bessere” Menschen. Doch bei dieser Schönfärberei werden Dinge wie Ritualmorde, Kannibalismus, Krankheiten etc. ausser Acht gelassen.
Die Zivilisationskritik, wo der Fokus auf Kriege gelegt wird, Dinge wie Sozialversicherungen, Heizungen und technische und medizinische Errungenschaften aber völlig ausser Acht gelassen werden.
Thursday, June 5, 2008 at 0:40
Bezgl. dem Mord eine letzte Anmerkung: Er erschlägt ihn nicht um sein Hirn zu essen. Er erschlägt ihm im Kampf - im Krieg sozusagen. Wenn er dann im Kampf seinen Gegner tötet, kommt es u.U. danach zu einem solchen Ritual. Aber der geplante Verzehr ist keinesfalls Motivation. Hier bitte die Dinge nicht durcheinander bringen. Allerdings weiss ich gar nicht, welcher Stamm dies überhaupt noch praktiziert. Wenn, dann sind dies Einzelfälle.
Auf den Rest deines ersten Kommentars gehe ich nicht ein, du willst es anscheinend nicht verstehen.
Zu deiner Intention: Du zitierst am Anfang deines Artikels die NZZ. Wo werden darin die Indios romantisiert und wo werden sie als bessere Menschen dargestellt. Es geht um den Schutz der Indios und um die Bewahrung der Kultur. Du begehst mit deinem Artikel eine massive Fehlinterpretation, wenn ich mir dies jetzt nochmal so genau überlege. Thema verfehlt. Setzen. Sechs. Aber das darf mein Bloggen ja schon mal passieren. Du siehst, es gibt Leute, die sich trotzdem damit auseinandersetzen.
Zum Schutz der Indios in Brasilien: Meirelles macht dabei eine vortreffliche Arbeit mit sehr viel Fingerspitzengefühl. Leicht ist es nicht. Eine Konfrontation mit der Zivilisation kommt (heute vielleicht weniger wie früher) einer Vernichtung, mindestens jedoch einer massiven Dezimierung gleich. Dein Vorschlag der freien Entscheidung (und damit der vorherigen Präsentation der zivilisierten westlichen Welt) würde zu einem Genozid führen. Was nachweislich an anderen Fällen schon passiert ist. Ganze Völker, Sprachen, Kulturen wurden gänzlich vernichtet, bei manchen haben gerade einmal ein paar Dutzend von ehemals ein paar Tausend überlebt.
Willst du als freiheitlich denkender, liberaler Mensch, der die Rechte der anderen achtet und für sie nur das Beste erhofft, ihnen - also den “unkontaktierten” Ureinwohnern Südamerikas - wirklich helfen? Dann fordere deine Leser auf, sich dafür einzusetzen, dass sie in Ruhe gelassen werden, wie die Jahrhunderte zuvor!
Und dies hat nichts damit zu tun, dass sie nach deiner Meinung nach “romantisch verklärt” als “bessere Menschen” dargestellt werden, sondern alleine damit, dass sie anders und einzigartig sind - ein Erbe der Menschheit sozusagen, welches es zu bewahren gilt und welches nur aus der Ferne zu beobachten ist.
Letztmalig beste Grüsse aus Brasilien, Dietmar
Thursday, June 5, 2008 at 2:25
[...] Blog Der Misanthrop diskutierte ich zudem im Kommentarbereich des Artikels Zivilisation und Marburg-Fieber zudem über Recht und Unrecht sowie Sinn und Unsinn einer bewussten Kontaktierung mit dem [...]
Thursday, June 5, 2008 at 16:43
Benjamin, mir fällt auf, dass du einfach nur “Bullshit” schwadronierst (im Sinn der Definition des gleichnamigen Buches). Um für deine Ideale zu kämpfen, schreibst du über etwas, wovon du keine echte Ahnung hast. Deine Vorstellungen stammen nur aus Popkultur und Vorurteilen, während der olle Dietmar wenigstens einigermassen vor Ort zu sein scheint.
Eine Frage an den guten Dietmar: Was ist mit philosophischen Ideen? ist es nicht so, dass sie immer noch auf einem primitiv-paganistischen Stand sind? (Ich kann es ja nicht wissen)
Thursday, June 5, 2008 at 16:45
Nein, in der NZZ werden die Indios nicht romantisiert, doch dies habe ich mit keinem Wort gesagt. Es gibt jedoch genügend Sites, wo genau dies geschieht. Unter anderem im politblog.net.
Ebenso wenig habe ich gesagt, man solle den Indios die Zivilisation zeigen. Ich sagte nur, man solle ihr Territorium nicht einzäunen und ihnen damit die Möglichkeiten nehmen, auf die Zivilisation zuzugehen. Des weiteren fand ich die Forderung lächerlich, man solle mit dem Flugzeug nicht mehr über das Indiogebiet fliegen.
Ich habe mehrmals auch gesagt, man solle die Indios in Ruhe lassen.
Nein, die Forderung, man solle die Indios in Ruhe lassen, dass hat mit Naturromantik nichts zu tun. Diese Forderung unterstütze auch ich.
Doch mir ginge es nicht zentral um die Indios und deren Schutz, sondern um die Einstellung mancher Gruppierungen - die mitten unter uns leben - der Zivilisation und dem Westen gegenüber und deren Darstellung der Indios als “Übermenschen”.
Explizit: Wenn du forderst, dass man die Indios in Ruhe lassen soll, dann schliesse ich mich dir an. Wenn du sagst, die Indios seien besser als wir, dann widerspreche ich dir vehement.
Thursday, June 5, 2008 at 16:51
Düsterkeit, hast du meinen Post gelesen und verstanden, die Polemik darin erkannt?
Dann hast du sicherlich erkannt, dass sich meine Kritik eher gegen Leute vom Schlage Verschwörungstheoretiker, Ökofanatiker, Zivilisationsgegner, Antiamerikaner, Esoteriker und Übermenschentumtheoretiker richtete.
Die Indios waren nur der Aufhänger, quasi der Bezug zu einer aktuellen Begebenheit.
Thursday, June 5, 2008 at 16:52
Sorry, ihr beide, vielleicht lasse ich nächstes Mal die Anspielungen und die Polemik weg, damit meine Posts einfacher zu verstehen sind.
Thursday, June 5, 2008 at 17:11
Eben, das meine ich! Du musst hier unbedingt ein Thema nehmen, von dem du wenig verstehst, zumindest weniger als Dietmar, denn der lebt immerhin in Brasilien und scheint auch mehr zu wissen, jedenfalls klingt seine Darstellung nicht wie aus einem schlechten Horrorfilm. Und warum? Bloss, um uns wiedermal deine Meinung zu präsentieren, die ich zwar oft, aber nicht immer teile.
Die Indios sind für dich nur ein Aufhänger, sie interessieren dich nicht wirklich und du beschäftigst dich auch eher lustlos damit, ärgerst dich nur über “Romantisierung” und torpedierst von dieser Schlagwortswarte aus fast jedes eintreffende Argument.
Thursday, June 5, 2008 at 17:58
Gut, dann reden wird jetzt wenigstens vom selben.
Da es allerdings genau diese Indio-Debatte war, die mich auf dieses Thema gebracht hat - das mit den Indios nur am Rande zu tun hat - war es naheliegend, auch mit den Indios diesen Post zu beginnen.
Daneben hab’ ich hier selten mal was anderes getan, als meine Meinung zu präsentieren. Dies nur so als Nebenanmerkung.
Nun, der Unterschied zwischen uns beiden liegt hier halt darin, dass ich es in Ordnung finde, die Indios als Aufhänger zu benutzen, du jedoch nicht.
Vielleicht willst du mich jetzt von deiner Ansicht überzeugen, das liegt an dir.
Wir werden sehen.
Thursday, June 5, 2008 at 18:46
Also ich - kein ausgesprochener Indiofreund - werde ja tagtäglich damit konfrontiert. Diese Mär vom besseren Menschen kann ich nicht nachvollziehen. Wer behauptet sowas? Jede Lebensform, jede Kultur hat Vor- und Nachteile. Indios in der Zivilisation ist ein schmales Pflaster. Ich habe einiges darüber berichtet (nicht nur bei mir im Magazin, auch in anderen Online-Medien) … von Indios, die Videodokumentationen drehen - von Indios, die studieren wollen - von Indios, die Mitarbeiter von Kraftwerken als Geiseln nehmen oder sogar mit Messern angreifen. In Brasilien werden Indios toleriert jedoch kaum akzeptiert. Die vorherrschende Meinung ist: sie sollen im Busch bleiben oder sich komplett integrieren (assimilieren). Der von den vielen Indiogruppen versuchte Spagat, die Zivilisation anzunehmen und dabei die eigene Kultur und Identität zu bewahren scheitert eigentlich immer.
Die Indianervölker im amazonischen Regenwald werden tatsächlich eingezäunt. Aber nicht durch einen Zaun oder eine Mauer. Es ist z.B. eine Schneise im Wald, eine Strasse. Stell’ dir vor, du lebst seit 50 Jahren im Wald und auf einmal kommst du an eine Stelle, wo soweit das Auge reicht, von links nach rechts der Wald verschwunden ist - 10 Meter breit und danach geht der Wald wieder wie gewohnt weiter. Und im Sand sind komische Spuren - keine Tiere, keine menschlichen Füsse - nicht aus IHRER Welt. Rund 150 Kilometer oberhalb von Manaus dauerte es fast 1 Jahrzehnt, bis die Indios diesen Feldweg im Wald überschritten - und nur weil er schon fast wieder zugewachsen war. Dies nur als Anekdote.
Also, Indiovölker mögen für manche Romantiker die heile Welt vom besseren Menschen verkörpern, für andere sind sie primitive Wilde, für wieder andere eine schützenswerte Spezie aus naturhistorischem Hintergrund. Und wieder andere sehen darin eine Wissensdatenbank der Naturheilkunde (insbesondere die Pharmakonzerne).
Wenn man einen Artikel mit einem Zitat beginnt, dann bezieht man sich mit seinem nachfolgenden Text darauf. Folglich muss ich den Artikel gar nicht vollständig lesen, denn du kommentierst ihn ja. Erst nachdem ich die Divergenz festgestellt habe, bin ich auf die Seite und war erstaunt, dass er gar nicht das aussagt, was du durch das Zitat ja im Endeffekt suggerierst. Die anderen beiden Links am Ende habe ich bis jetzt nicht gelesen. Da sie ausserhalb des Artikels stehen, sind sie für mich nur Backlinks … dies als weiterer Exkurs bezügl. Artikelaufbau. Nicht jeder weiss, wie du denkst und kann es auf Anhieb nachvollziehen.
Aber darauf wollte ich ja gar nicht hinaus. Wollte ja eigentlich nur eine an mich gerichtete Frage beantworten. Es ist mit Sicherheit eine Form von Naturreligion mit “Geistwesen”, die alle mit der Natur und dem täglichen Leben zusammenhängen (Gott des Feuers, der Pflanzen, der Jagd, des Todes, etc.). Und diese Geistwesen sind allgegenwärtig, sind für schlechte Träume oder einen guten Fang beim Fischen verantwortlich. Sie können provoziert und besänftigt werden. “Weise und erfahrene” Mitglieder des Stammes, die von ihnen gelernt haben, die Natur zu nutzen (z.B. in der Heilkunde) können dann entsprechende Rituale durchführen - die Schamanen eben, die u.U. sogar Kontakt mit ihnen aufnehmen können. Diese Interkommunikation mit den Geistwesen schafft Zuversicht, Vertrauen. Mit Sicherheit scheint es primitiv zu sein, sich mit Asche einzuschmieren oder aus Knochen zu lesen, aber wie primitiv mag es jemanden in 1000 Jahren vorkommen, dass heute ein Mann in einer komischen Uniform einer ganzen Gruppe zu Orgelmusik jeweils einzeln ein weisses Plätzchen auf die Zunge legt und dabei komische Armbewegungen macht??? Meiner Auffassung nach hat die christliche Religion nur noch den Zweck, die Angst vorm Tod zu nehmen, während die Naturreligionen im Leben helfen.
Philosophisches äussert sich hierbei übrigens auch nur Nonverbal. Manche Sprachen bestehen nur aus 500 bis 1000 Wörtern, Begriffe für Liebe, Gott, etc. gibt es gar nicht. Aber die Philosophie, die Natur zu achten, zu respektieren, mit ihr im Einklang und vor allem als Teil von ihr zu leben und sie zu ehren - dies ist eine fest verankerte Grundeinstellung, die man durchaus als philosophisch bezeichnen kann. Oder aber auch als Vision, alles für die Nachwelt,für zukünftige Generationen zu bewahren. Und da muss ich sagen, da haben sie uns etwas voraus.
Das alles endlich ist - dies wissen sie genauso wie wir. Nur handeln sie dementsprechend - wir nicht. Und da kommen wir wieder zu dem Ansatz, wer denn nun primitiv ist … aber immer eine Frage, wie man bestimmte Wörter definiert. Wenn man sich aber überlegt, dass sie eventuell schon vor 10.000 Jahren auf diesem Stand waren, dann waren sie uns lange Zeit voraus.
Beste Grüsse aus Brasilien, Dietmar