[Anmerkung von Benjamin B.:
Da ich annehme, dass sich früher oder später mein Blogwichtel hierher verirren wird, und weil das Wichteln anonym abläuft, so dass ich (noch) nicht die geringste Ahnung habe, wer [na gut, einer von dieser Liste hier ist es] mein Wichtel ist, möchte ich mich an dieser Stelle beim Blogwichtel bedanken. Ich habe mich köstlich amüsiert.] [Edit: hollemann - Blogwichteln: Alle Beiträge]
Es ist spät in der Nacht vor Heilig Abend. Die Welt draußen kommt
langsam zur Ruhe. Die weihnachtliche Geschäftigkeit lässt nach.
Schneeflocken tanzen draußen vor dem Fenster im Beat der Musik, die
aus dem CD-Spieler erschallt. Schnelle Musik. Schnelle besinnliche
Musik. Schnelle besinnliche Weihnachtsmusik. Mit fettem Bass.
Schnelle besinnliche basslastige Weihnachtsmusik. Nach Weihnachten
wird besinnlich einfach gestrichen. Fett bleibt. Praktische Musik.
Praktisches Weihnachten.
Der eine Protagonist dieser Weihnachtsgeschichte sitzt am
Schreibtisch vor seinem Computer und tut das, was er am besten kann:
er guckt sich die Gesellschaft an und bloggt. Der andere Protagonist
dieser Weihnachtsgeschichte bemüht sich und seine Bauchkugel elegant
durch den Schornstein zu bewegen, um wie üblich pünktlich um diese
Zeit seinen Job zu tun. Der ihm zu dieser fortgeschrittenen
Jahreszeit gerade wieder ziemlich stark aus dem Halse hängt. Bildlich
gesprochen. Sonst hat der zweite Protagonist keine Halsprobleme zur
Zeit. Wäre noch schöner.
Der erste Protagonist guckt schon seit einiger Zeit ziemlich
entgeistert in Richtung des Kamins aus dem auch schon seit einiger
Zeit ziemlich viel Dreck zu Boden rieselt, es unheimlich kratzt, dann
lautstark geflucht wird und schlussendlich mit einem „Autsch,
verdammt noch mal ist das eng hier!”, ein riesiger kugeliger Mann in
einem rotweißen altmodischen Dress, das man auch Mantel und
abschließenden schwarzen Hosen mit schweren Stiefeln an den Füßen
nennen könnte zu Boden fliegt. „Mist! Ich könnte echt Osterhasen
grillen! Welcher Architektenidiot hat eigentlich bestimmt, dass
Kamine in der heutigen Zeit nur noch im XS-Format gebaut werden
dürfen?”, flucht der ungebetene Gast „Scheiß Job! Ich hänge den an
den Nagel. Das ist das letzte Mal dieses Jahr. Soll sich doch ein
anderer Depp durch diese Twiggy-Röhren zwängen. Ich höre auf.
Schluss.”, und schließt mit einem internationalen
unmissverständlichen „Basta!” Dabei steht er auf, klopft sich den
angestaubten Mantel wieder sauber, richtet seinen ZZ-Top-Bart und
guckt finster wie ein Harley-Davidson-Fahrer beim Anblick von
frischem Taubenschiss auf seinen chromummantelten Blinker. Sehr
finster also. Um nicht zu sagen m e g a finster.
Der erste Protagonist dieser Weihnachtsgeschichte guckt immer noch.
Entgeistert. Und solange er das tut, können wir ihn ab jetzt Benjamin
B. nennen, in der Blogsphäre nicht nur zur Weihnachtszeit bekannt als
«Der Misanthrop». „Wer bist Du denn?”, fragt er etwas verstört den
zweiten Protagonisten dieser Weihnachtsgeschichte, der wiederum
routiniert mit deutlich ironischem Unterton zurück fragt, „Na? Wonach
sehe ich denn aus?”
„Du siehst aus wie der Weihnachtsmann. Aber den gibt es nicht.”, und
mit etwas Verzögerung trotzig „und bei mir hier schon gar
nicht!” „Klar, und für so’n doofen abgedroschenen Spruch habe ich
mich gerade durch diesen Barbie-Kamin gequält. Papperlapapp.
Verbrenne Dir bloß nicht die Zunge. (Don’t burn your tounge by the
way!) Lass Dir mal was Neues einfallen!”, befiehlt der dicke Mann und
grummelt weiter: „Gott! Wie oft ich diesen Spruch schon gehört habe.
Den hat sich mein Handy schon ungefragt als Klingelton adoptiert.
Fällt Euch Menschenkindern eigentlich auch noch irgendwann was Neues
ein im Zusammenhang mit mir und meiner Profession?” Und äfft in
Sekundenschnelle in 34 Sprachen, 89 Dialekten und 99 verschiedenen
Stimmen den Satz „Den Weihnachtsmann gibt’s doch gar nicht!” nach,
bevor er sich entnervt in den einzigen freien Sessel im Raum wirft,
die Füsse von sich streckt und ziemlich unzufrieden drein guckt.
Benjamin B. tut an dieser Stelle das, was er mit unglaublicher
Präszision nach jahrelanger Übung und tausendfacher Ausführung aus
dem effeff beherrscht. Er schleicht in die Küche, öffnet den
Kühlschrank, entnimmt gewohnheitsgemäß erst ein, dann in Erinnerung
der besonderen Umstände ein zweites Bier, öffnet beide mit einem und
dann mit einem zweiten «plopp» mit dem multitaskingfähigen
Flaschenöffner weil der nämlich gleichzeitig auch Feuerzeug ist,
schleicht zurück in das Zimmer, reicht dem ungeladenen Gast ein Bier,
der direkt deutlich versöhnlicher zu gucken scheint, gammelt sich
zurück auf seinen Bürostuhl, sagt ungerührt „Prost erst ma’! War
übrigens ‘ne coole Nummer vorhin, die mit dem Kamin.”, guckt auf
seinen Gast und hat keinen blassen Schimmer, was hier gerade in
seinen vier Wänden abgeht. „Was …”, und das «was» betont er ziemlich
lang, „was machst Du hier eigentlich?”
Der Weihnachtsmann, gerade dabei selber genüsslich einen langen
Schluck zu nehmen, denn er ist ja kein Kostverächter, muss anlässlich
dieser Frage laut los lachen und schafft es gerade noch, den
flüssigen Inhalt vor Amüsement nicht an die Wand zu prusten.
Begeistert wischt er sich mit seiner großen Hand den Mund ab, sieht
auf seinen ratlos guckenden neuen Trinkkumpan und grollt in seine
Richtung „Ja, mein Junge. Was macht der Weihnachtsmann eigentlich
hier bei Dir? Deine Verdrängungsmechanismen funktionieren perfekt,
wie?” Und weiter, „Ehrlich gesagt, ich war müde, die letzten Tage und
Stunden waren ja doch sehr anstrengend. Außerdem hatte ich Durst,
gewaltigen Bierdurst und ich weiß, bei Dir ist da immer was zu holen.
Und nebenbei gesagt, muss ich dringend mal auf’s Klo. Ich darf doch?”
Sprach’s, steht auf und verschwindet in den Flur, die Toilettentür
ist schon seit fünf Sekunden längst wieder von innen verriegelt, als
Benjamin B. fasziniert endlich murmelt „Klar doch! Zweite Tür links.
Aber bitte im Sitzen pinkeln.”
Kurze Zeit später, Benjamin B. sitzt immer noch leicht verdutzt auf
seinem Stuhl, während ihm seine Synapsen im Masterbrain aufgeregt
melden: „DAS muss ich bloggen. Ich muss das UNBEDINGT bloggen. Das
glaubt mir doch keine Sau da draußen. Das ist ja der Hammer! Der
Weihnachtsmann. Hier bei mir. Live, in Farbe, mein Bier trinkend. Auf
meiner Toilette sitzend. WAHNSINN!”, und überschlägt im Geiste schon,
was ihm wohl die Toilettenbrille vom Weihnachtsmann benutzt auf ebay
bringen würde. „Nee, das kann nicht machen. So etwas glaubt mir ja
wirklich keiner.”, ruft er sich zur Raison und schüttelt den Kopf.
Mehr noch aus dem Gefühl der Verwirrung heraus, denn aus einem Gefühl
der Verneinung.
Als der Weihnachtsmann sichtlich entspannt zurück ins Zimmer kehrt,
nuschelt er fröhlich in seinen Bart, „Ich wünschte, ich könnte Dir
jetzt den Tipp geben, die Klobrille, auf der gerade Weihnachtsmann
saß, bei ebay anzubieten. Aber im Ernst, mein Sohn: ich fürchte, das
glaubt Dir eh keiner. Damit machst Du Dich nur lächerlich. Die Leute
glauben eben nicht mehr an mich. Ist so. Leider.” Benjamin B. guckt
entsetzt und ertappt und nestelt unruhig an seinem Bier herum. Der
Weihnachtsmann, inzwischen sich recht heimelig und wohl fühlend,
setzt sich wieder in den Stuhl, trinkt einen Schluck und sinniert in
den Raum „Es ist schon eine Crux mit diesen Menschen. Siehe mal! Die
letzten vier Wochen haben sie alle auf Teufel komm raus, die vielen
von ihnen ungeliebten nicht gebrauchten Weihnachtsgeschenke vom
letzten Jahr bei ebay verkauft. Und die anderen haben wiederum wie
blöd auf ebay Weihnachtsgeschenke für dieses Jahr eingekauft. Die die
Beschenkten dann nächstes Jahr wieder wie blöd auf ebay vekloppen.
Und das alles nur, weil sie nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben
und denken, sie müssten immer alles selber regeln auf dieser Welt.
Verdammt!”
Der Weihnachtsmann stiert resigniert auf den Boden und schüttelt sein
weißes Haupt. „Dabei geht es doch zu Weihnachten um etwas ganz
anderes. Es geht doch darum, dass die Menschen sich einfach mal
wieder in die Augen schauen. Sich gegenseitig etwas Nettes wünschen.
Sich Zeit füreinander nehmen. Dankbar sind, dass sie sich überhaupt
haben. Und sich die Zeit nehmen an … ja, einfach mal wieder an Wunder
glauben. Die doch nur dann wahr werden können, wenn man an sie
glaubt! Zum Beispiel an den Weihnachtsmann.”
„So, wie Du zum Beispiel, lieber Benjamin B., wenn Du nicht an Wunder
glauben würdest, könnte ich heute Abend gar nicht hier bei Dir sein.”
„Ach.”, murmelt Benjamin B. sprachlos und platt vor soviel Logik.
„Könnte was dran sein …” Langsam gewöhnt er sich an seinen
merkwürdigen Besuch von dem er doch in Kindertagen immer geträumt
hatte, den er von weitem angehimmelt hatte, an den er Briefe mit
riesenlangen Wunschzetteln mit massenhaft Rechtschreibfehlern
geschrieben hatte und insgeheim immer gehofft hatte, den
Weihnachtsmann nur ein einziges Mal in der Nacht zu begegnen, wenn er
dann immer pünktlich auf die Minute die Geschenke brachte. Bis dann
eines Tages, ja was, was war eigentlich passiert, dass der unbedingte
Glaube an den Weihnachtsmann irgendwann verloren gegangen war? „Noch
‘nen Bier?”, fragte Benjamin B. etwas schuldbewusst den vor ihm
sitzenden Weihnachtsmann, der ihm sehr offen und herzlich ins Gesicht
blickt, dass Benjamin ganz warm dabei ums Herz wird, und fröhlich nickt.
…
Der erste Protagonist dieser Weihnachtsgeschichte wacht am Morgen des
24. Dezember ungewohnt leicht verkatert für diesen besonderen Tag auf
und erinnert sich an einen etwas eigenartigen Traum mit dem
Weihnachtsmann, der ihm darin offensichtlich in der Nacht einen
Besuch abgestattet hatte. „Merkwürdig …”, murmelt er, „aus dem Alter
bin ich ja nun wirklich raus.”, und schleicht in sein Wohnzimmer, um
erst mal seinen Rechner anzuschalten um «da draußen» nach dem Rechten
zu sehen. Abrupt bleibt er stehen, als er die Batterien Bierflaschen
um seinen Bürostuhl aber auch um den Sessel herum stehen sieht. „Hä?
Ich hatte doch gestern gar keinen Besuch?!”, sagt der erste
Protagonist dieser Weihnachtsgeschichte zu sich und kratzt sich
verwundert am Kopf. Dann schleicht er dringlich ins Bad. Als er den
Toilettendeckel hochklappen will, greift er ins Leere. Die gesamte
Toilettenbrille ist weg! Abmontiert Am Ablaufrohr hängt ein Zettel
auf dem steht in großen Buchstaben offensichtlich verfasst vom
zweiten Protagonisten dieser Weihnachtsgeschichte: „Weißt Du was? Ich
verkaufe die Klobrille jetzt selber auf ebay mit dem Vermerk: „Vom
Weihnachtsmann benutzt! Ich hoffe, Du bist mir nicht böse. Wer weiß,
vielleicht glaubt noch jemand an mich da draußen? Du weißt es ja am
besten: Wunder können nur wahr werden, wenn man an sie glaubt.”
Und das war darunter gekliert stand, sollte wohl „Fröhliche
Weihnachten lieber Benjamin B.! Der Weihnachtsmann.” heißen.
Anmerkung vom Blogwichtel: Diese Geschichte ist reine Fiktion. Ob
Benjamin B. jemals in seinem Leben ein Bier zu sich genommen hat, ist
nicht überliefert. Auch nicht, ob er weiß wie man ein Feuerzeug
bedient. Nicht bekannt ist gleichfalls, ob der Weihnachtsmann
tatsächlich noch durch XS-Kamine passen würde. Ich habe da so meine
Zweifel. Fakt ist nur eines: Benjamin B. fehlt jetzt eine
Toilettenbrille!
Monday, December 3, 2007 at 22:08
[...] Der Misanthrop [...]
Tuesday, December 4, 2007 at 13:40
Auch mal schön, die Mittagspause mit so einem feinen Wichtelgeschenk zu verbringen
Tuesday, December 4, 2007 at 13:55
Stimmt, und so ein weihnachtliches Blogwichtel! Ich frage mich nur, womit der Weihnchtsmann wohl surft?
Tuesday, December 4, 2007 at 18:18
ich hätt aber lieber die tafel auf e-bay ersteigert!
Tuesday, December 4, 2007 at 22:49
Wenn man denn in der Mittagspause an den PC könnte, doch auch zu Beginn des Feierabends liest sich die Geschichte äusserst genüsslich.
Tuesday, December 4, 2007 at 23:12
Die Geschichte gefällt mir sehr. Und die Schrift auf der Tafel kommt mir irgendwie bekannt vor
Wednesday, December 5, 2007 at 17:12
So, das werde ich mir heute Abend beim prasselnden Kaminfeuer in aller Ruhe durchlesen! Die Wichteline hat ja eine enorme Ausdauer!
Wednesday, December 5, 2007 at 22:26
Kaminfeuer… Klingt verlockend…
Thursday, December 6, 2007 at 0:53
Kamin? Herr Spontiv?!! Passen Sie bloss auf, nicht dass es nachher gegrillten Weihnachtsmann gibt. ,-)
Thursday, December 13, 2007 at 14:48
Monday, December 17, 2007 at 22:02