Volatile Wählermassen. Das Stichwort der gestrigen Hochrechnungen und Wahlanalysen. Zwar kristallisierte sich bereits vor etlichen Wochen heraus, zu wessen Gunsten sich die Machtverhältnisse im Bundeshaus verschieben würden. Dass vor allem zwei Themen, Ausländerproblematik und Klimawandel, das Volk bewegen, konnte man ohne grossen Aufwand zu betreiben auf dem eidgenössischen Sorgenbarometer ablesen. Gerade der Hype um Al Gore und die brandheisse Diskussion um gewalttätige jugendliche Ausländer hätten den Verlierern der diesjährigen Parlamentswahlen zeigen müssen, mit welchen Themen man Wähler gewinnen kann. Um zu erkennen, dass die Wähler jene Leute, resp. Parteien nach Bern schicken würden, die sich ihren Sorgen annehmen, da bräuchte man bloss 1 und 1 zusammen zu zählen. Doch Kenntnisse der Mathematik und ein Gespür für die siedende Volksseele scheinen keine Voraussetzung für Parteisekretäre und -präsidenten zu sein.
Statt dies sich und der Partei einzugestehen, greifen nun in den Nachwehen der Wahlen viele Parteivertreter zu kruden Ausflüchten. ‘Unerwartet’ sei das Resultat. Man müsse nun ‘über die Bücher’. Kein Kommentator konnte sich jedoch dazu durchringen, dass man vielleicht etwas falsch gemacht hätte oder gar am Volk vorbei gesprochen hätte. Doch genau dies müssten die Parteien begreifen, die Wahlen sind ein demokratischer Entscheid. Dies heisst auch, dass diejenigen ins Parlament gewählt worden sind, die das Volk und seine Anliegen am besten repräsentieren. 15 Millionen Wahlkampffranken mögen für einen guten Auftritt sorgen, Wähler lassen sich jedoch damit keine kaufen. Somit ist es völlig irrelevant, sich nach deren Ursprung zu erkundigen. Massive Realitätsverweigerung zeigt sich auch bei den Freisinnigen. Man gibt sich schockiert. Man habe doch überzeugende Sachpolitik gemacht, wird moniert. Tut mir leid für euch, doch Sachpolitik interessiert vielleicht ein paar verstaubte Altherren. Heute wird mit Emotionen Politik gemacht. Selbst der Kniefall von Warschau war ein grandioses Beispiel dafür, dass Politiker nicht nüchtern und trocken politische Entscheide abwägen sollen, sondern das Herz des einfachen Mannes treffen dürfen. Willy Brandt machte dies, auch Kennedy, als er in West-Berliner konstatierte, er sei ein Berliner.
Unter dem Schlussstrich bleibt nicht mehr viel übrig. Ein nervenraubender Wahlkampf, nationales Gestöhn und die Angst vor negativen Schlagzeilen in Auslandsmedien. Wie gross die Unkenntnis der wenigen betreffenden ausländischen Journalisten jedoch zumeist war, dieser Problematik hat sich dann jedoch keine nationale Zeitung angenommen. Die völlig richtige Feststellung, dass die eidgenössische Politik international kein Thema ist, dann eher schon bernische Zimtweggen, ging in der allgemeinen Hysterie unter.
Schlussendlich wird man sich einzig und allein wegen der Schäfchenplakate an die Parlamentswahlen 2007 erinnern. Irgendwann wird man dann auch den dazugehörigen Kontext vergessen haben und rückblickend nur noch an ein paar süsse Schäfchen denken.
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Monday, October 22, 2007 at 22:42
Eine kleine Rückmeldung: Ich finde viele genannten Punkte spannend und treffend. Leider finde ich den roten Faden nicht so. Um was geht es dir eigentlich? Hier ein Tipp: Mit einer Leadzeile am Anfang schaffst du dir selbst einen Ramen, der dir hilft, dass der Rest deines Textes den “roten Faden” verfolgt.
War nicht böse gemeint. Dachte bloss, dass jeder von einer Rückmeldung ein wenig profitieren kann
Monday, October 22, 2007 at 23:55
Danke für den Comment. Um ehrlich zu sein, mit dem roten Faden hab ich’s in den letzten Tagen nicht allzu sehr.
Obiger Text verfolgt auch kein bestimmtes Ziel, ich habe einen Haufen Gedanken genommen und sie in einen Topf geworfen. Ich hatte mehr oder weniger keine Lust auf irgendeine Struktur, sondern liess mich von den Wendungen und Ausschweifungen mitreissen, die meine Gedanken vollzogen haben.
Somit kann ich dir leider nicht sagen, um was es mir genau geht. Vermutlich wollte ich meiner Wut über all die nichtssagenden und verschwommenen Statements der Politiker Ausdruck verleihen?