Die Forderung der Medienvertreter nach einer lückenlosen Internetüberwachung im Kampf gegen Filesharing von urheberrechtlich geschützten Inhalten ist bei der EU abgeblitzt. Der maßgebliche Industrieausschuss des Parlaments stimmte am Montagabend in Straßburg zwar für das Herzstück der Telekommunikationsgesetz-Reform, eine Verankerung der konservativen Vorschläge der Medienlobby wurde allerdings vorerst abgelehnt.1
Doch das ist nicht alles. User und Provider hätten bei Verstössen gegen das Urheberrecht massiv härter bestraft werden sollen. Die Provider hätten dazu den gesamten Internetverkehr überwachen und filtern sollen und, wenn nötig, Internet-Zugänge kappen sollen.
1. Totale Überwachung im Internet? Sind wir wieder zurück im Stasiland, oder wie? Paranoia, welcome back!
Auf jeden Fall wären hier sehr viele extrem sensible Daten gesammelt worden. Und wer würde garantieren, dass nicht Schmierfinke oder andere Verbrecher diese Daten in die Hände bekommen? Selbst wenn man sicher stellen könnte, dass dies nicht passieren würde: Will ich, dass Herr Staat weiss, welche Seiten ich so ansurfe?
2. Die Musikindustrie. Rückständig wie eh und je hat sie immer noch nicht begriffen, dass sie endlich den Sprung ins 21. Jahrhundert wagen muss. Repression ist halt einfacher als Innovation.
3. Filesharenden Usern die Leitung kappen? Wer bitteschön wäre so noch im Netz unterwegs? Es wäre fucking leer. Die virtuelle Welt zu einer Geisterstadt verkommen.
Irgendein stechendes Gefühl in meinem Frontalkortex sagt mir, dass dieser Sturm noch nicht vorbei ist. Dass er sich gar zu einem bitterbösen Hurrikan entwickeln könnte.
Tuesday, July 8, 2008 at 21:15
Tuesday, July 8, 2008 at 22:58
Wenn sich die Kreise, die oben geschildert sind, noch mit den Sicherheitsfanatikern zusammen tun, dann ist das Internet bald Geschichte…
Wednesday, July 9, 2008 at 9:03
Und das Ganze noch kombinieren mit
http://www.heise.de/security/Massives-DNS-Sicherheitsproblem-gefaehrdet-das-Internet–/news/meldung/110641
Dann ist echt bald Schluss.
Wednesday, July 9, 2008 at 20:50
Meine Welt bräche zusammen, stürbe das Internet…
Thursday, July 10, 2008 at 20:30
Ich bin mit dir einverstanden, dass ein Überwachungsstaat im Internet in niemandes Interesse und mit allen Mitteln zu bekämpfen ist. Zu 2 und 3 habe ich allerdings einige Bedenken… So wie jetzt kann es nicht weitergehen. Die nur punktuelle Verfolgung von Filesharern ist ein enormes rechtsstaatliches Problem. Millionen von Menschen begehen völlig offensichtliche Straftaten, alle wissen davon und kaum jemand wird verfolgt. Damit wird der Rechtsstaat untergraben. Das ganze einfach zu legalisieren, ist ebenfalls keine Lösung: Damit würde faktisch der Schutz des Kapitals aufgehoben, auf dem mehr oder weniger unsere gesamte Gesellschaft basiert. Die Technologie zu verbieten, würde nicht funktionieren; die Geschichte zeigt mit Deutlichkeit, dass der technologische Fortschritt sich nicht aufhalten lässt. Der Netzüberwachungsstaat ist ebenfalls keine Lösung, er untergräbt das Recht auf Privatsphäre, das ebenfalls grundlegend für unsere Gesellschaft ist.
Ich habe auch keine Lösung bereit, aber irgendetwas muss gemacht werden…
Thursday, July 10, 2008 at 21:42
- Der Rechtsstaat wird hier ganz klar untergraben. (Gut, geschieht allerdings auch bei den Steuern, bloss so als nebensächliche Anmerkung.) Diesen Gesetzesbruch verfolgen kann man allerdings nur, wenn man den Datenverkehr überwacht. Sei dies direkt von den Providern aus, oder seien dies Staatsbeamte oder die Beauftragte der Musik- und Filmindustrie mit Trojanern oder ähnlichem.
- Es ginge nicht darum, den Schutz des Kapitals aufzuheben, sondern den Schutz von Ideen (im weitesten Sinne) zu lockern. (Siehe auch: http://www.piratenpartei.de/navigation/politik/urheberrecht-und-nicht-kommerzielle-vervielfaeltigung)
- Der Ball läge eigentlich jetzt bei der Industrie und den Artists. Sie müssten ihre Vertriebswege und ihr Geschäftskonzept den veränderten Umständen anpassen. Auch, um konkurrenzfähig gegenüber jenen zu sein, die das digitale Zeitalter als Chance wahrnehmen, und nicht als Gefahr.
(Das mit der Untergrabung des Rechtsstaat habe ich mir noch gar nie überlegt. (In diesem Zusammenhang, meine ich.) Danke für diesen Input!)
Thursday, July 10, 2008 at 23:14
@1: Da hast du, wie gesagt, Recht, und ich habe auch keine Lösung für das Problem auf Lager.
@2: Ich denke, in diesem “Freie-Ideen”-Ding ist viel Scheinheiligkeit dahinter. Wer Musik, oder eine Software oder was auch immer, downloadet, übernimmt nicht eine Idee, sondern ein fertiges Produkt. Eines, das geschaffen wurde, um Geld zu verdienen. Im Falle der Software hat das Problem eine Lösung. Opensource-Alternativen gibt es unterdessen in fast allen Bereichen ausser Games. Man kann hier nicht nur die Ideen, sondern die fertigen Produkte von Herstellern mitbenutzen, die mit diesem Vorgehen ausdrücklich einverstanden sind. Je mehr Leute das tun, desto bälder verlieren die Dinosaurier der Branche ihre alte Übermacht. Und wie gesagt, die Alternativen existieren. Niemand ist gezwungen, MS Office oder Windows Vista herunterzuladen, es gibt OpenOffice und Linux, die beide total problemlos funktionieren.
Richtig ist es hingegen, dass die eigentlichen Ideen nicht geschützt werden sollen. Hier gibt es tatsächlich eine Gefahr aus Softwarepatenten, die es zu bekämpfen gilt. Aber um auf das Beispiel von MS Office zurückzukommen: Die Idee der Textverarbeitung und der Tabellenkalkulation ist nicht geschützt. Jeder ist frei, selber Zeit zu investieren und eine eigene Office-Suite zu schreiben. Kreativität ist da wenig bis keine dabei, hingegen eine grosse Menge harte Arbeit (und das sage ich als Hobby-Programmierer mit doch einiger Fachkenntnis.)
@3: Zur Musikbranche bleibe ich der Meinung, dass die Musikbranche gar nichts ändern MUSS. Die Artists, die ihre Werke produziert haben mit dem Ziel, Geld zu verdienen, haben im Prinzip das Recht, nicht beklaut zu werden. Ganz ohne idealistisches Künstler-Geblubber. Die Musikindustrie und ihre Angestellten sind Kapitalisten wie alle anderen auch. Wenn ein “Künstler” seine Musik verschenken will, ist er natürlich frei, das zu tun, bloss scheint das die Minderheit zu sein; wenn ein “Künstler” will, dass für seine Arbeit jeder Geld zahlen muss, soll er das Recht darauf haben. (Lächerlich ist es hingegen, wenn Musiker, die sich durch sozialkritische, antistaatliche, kommunistische und anarchistische Songtexte profilieren, plötzlich wieder ihre kapitalistische Ader entdecken, wenn es um ihre Songs bzw. ihr GELD geht. Ich habe einmal einen Blogpost zum Thema geschrieben.) Niemand ist gezwungen, Musik eines speziellen Musikers zu hören.
Jeder Musiker ist frei darin, seine Musik alternativ zu vermarkten oder zu verschenken, jeder ist frei, eine musikalische “Idee” zu übernehmen und einen eigenen Song herauszugeben, und jeder Unternehmer ist frei, alternative Vertriebskanäle für Musik aufzubauen. In Ansätzen existiert das bereits (Myspace et al., Last.fm) Ich finde es aber nicht völlig richtig, dass man die “Bringschuld” der Musikindustrie zuschiebt. Sie muss gar nichts. Wenn eine neue “Musikindustrie 2.0″ aufsteigt und die alte zugrunde geht, dann passiert das eben - und die “alte” Industrie wird für ihre Fehler bestraft. Zwingen darf man sie trotzdem zu nichts.
In der Schweiz sind wir ja in der komfortablen Situation, dass Downloads erlaubt sind und nur Uploads verboten, was mit Rapidshare und Konsorten der Möglichkeit von völlig legalen Downloads Tür und Tor öffnet. Ich finde das zwar weder sinnvoll noch nachhaltig, aber Gesetz ist Gesetz
Thursday, July 10, 2008 at 23:44
Nein, die Industrie muss nichts ändern. Sie kann verlangen, dass die heutigen Gesetze durchgesetzt werden. Das ist ihr gutes Recht.
Das Problem ist bloss, die Realität sieht anders aus. Die Musikbranche kann tun, was sie will, das Filesharing wird sie nicht in den Griff kriegen. Deshalb “muss” sie sich trotzdem ändern - eben weil sie die Umstände nicht ändern kann, muss sie sich anpassen. - Das meinte ich, als ich sagte, der Ball läge bei der Industrie. Eigentlich führst du meine Gedanken in “3″ ziemlich treffend aus.
Ich dachte beim Schreiben eigentlich auch eher an neue Geschäftskonzepte, als daran, die Industrie zu grunde zu richten. Industrie und Künstler sollen weiterhin ihr Geld verdienen können. Bloss werden sie das künftig nicht mehr mit Plattenverkäufen tun können. Ergo: Sie müssen andere Wege erfinden, wie sie an ihr verdientes Geld kommen.
Thursday, July 10, 2008 at 23:51
2: Ich teile deine Auffassung grundsätzlich, aber eben: Software kann nicht sinnvoll geschützt werden. Genau wie die meisten digital erhältlichen Dinge (Programme, Games, Musik, Filme etc.).
Deshalb führt nichts daran vorbei, dass sich die Industrie was Neues ausdenkt. Die Realität zwingt sie dazu. Klar, die Leute, die an dieser veränderten Realität schuld sind, hätten die Realität gar nicht verändern dürfen. Da Filesharing illegal ist. Sie werden, ja können nicht belangt werden. Was ist die Folge? Sie beziehen die digitale Ware gratis. Der Ball ist wieder bei der Industrie.