Lesetipp:
Meinungsfreiheit kostet Mut. Was kostet das Schweigen?
Gerade noch kritisiert man die hiesige Zensur- und Verbotswut, da bahnt sich schon der nächste Fall an. Auf der Internetseite der staatlichen Nachrichtensendung “Tagesschau” nimmt der Journalist Patrick Gensing den Nachrichtenaggregator “Google News” ins Visier. Was ihm daran ganz und gar nicht gefällt, ist die Meinungspluralität, die Nachrichtenquellen aller nur erdenklichen politischen und sonstigen Ausrichtung umfasst und so neben Veröffentlichungen der freiheitsfeindlichen Linken auch solche ihrer braunen Brüder im Geiste zu finden sind.1
Wieso einen eigenen Blogeintrag schreiben, wenn einem andere die Arbeit schon abgenommen haben?
In Australien ist diese Woche Fallout 3 auf den Index gekommen. Nicht etwa, weil sich die Zensurbehörde an der Gewalt gestört hätte, sondern weil sich in Fallout 3 Morphiumkonsum positiv auf die Fähigkeiten der Spielfigur auswirkt.
Marcos Kommentar:
[...] wenn der Zusammenhang zwischen Virtualität und Realität so zwingend gegeben wäre, dass es Verbote und Zensur tatsächlich bräuchte, ist es verwunderlich, dass willkürlich nur einige Medien indiziert werden und nicht alle gewalt- oder sonstiges “schädliches” Verhalten beinhaltende Medien. Vor allem aber wäre es doch mal interessant zu erfahren, wo denn die Millionen amoklaufender, heroinspritzender Computerspieler sind, die es zweifelsohne geben müsste, wenn man der platten Bevormundungslogik der Zensoren folgt. 1
Ein Must-Read von Marco Kanne:
Eigentum birgt in sich das Recht, mit diesem zu machen, was man will. Das bedeutet auch, andere von der Nutzung auszuschließen. Wer sein Eigentum anderen zur Verfügung stellt, damit diese beispielsweise ihre Meinung verbreiten können, der gewährt ihnen ein Privileg, kein Recht. Der Entzug dieses Privilegs ist aber keine Einschränkung der (Meinungs-)Freiheit. Denn ohne den Besitzer beziehungsweise sein Eigentum gäbe es die Möglichkeit, das Privileg, sich in dieser Form zu äußern, ja schließlich nicht.
[...] wer von uns würde es sich beispielsweise gefallen lassen, wenn jemand in seiner Wohnung über ihn lästert?1
In anderen Worten: Wer auf seinem Blog Kommentare, die aus Beleidigungen und wüstem Geschrei bestehen, löscht, der begeht keine Zensur, sondern übt sein Recht aus, mit seinem Eigentum so zu verfahren, wie es ihm beliebt.
Moscheen generell zu verbieten wäre eine Attacke auf den Liberalismus. Minarette, die keine Machtsymbole darstellen, sondern blosse Gebetstürme sind, sollen auch bleiben dürfen. Vielleicht fühlen sich die Heimatschützer belästigt dadurch, doch die stört es auch, wenn man abbruchreife Holzklumpen abreissen will.
Ganz lustig wird es jedoch, wenn der Generalsekretär der Islamischen Konferenz, Ekmeleddin Ihsanoglu, sich für den Minarettbau in der Schweiz einsetzt. Er strotzt zwar vor förmlicher Unkenntnis unseres direktdemokratischen politischen Systems, aber er verteidigt die Minarette mit eiserner Faust. Zwar würde man meinen, dass Muslime, die in ihrem Glauben gefestigt sind, Allah auch so ihre Ehre erbieten können, doch vermutlich ist auch dies bloss ein Vorurteil.
Die Schweizer Regierung solle jetzt gar den Kampf für Minarette übernehmen. Ihsanoglu verkennt den säkularen Kern unserer Nation glatt und sauber. Für einen, der zwischen Staat und Kirche nicht trennen will, ist dies natürlich schwer zu verstehen, dass sich der Bundesrat nicht in den Minarettstreit einmischt. Herr I., der Staat hat sich zu keinem Zeitpunkt für die Religionen einzusetzen. Die freie Ausübung der Religion soll er sichern (Minarette sind aber bloss Türme, und nicht Gebetshäuser oder dergleichen) und den Bürger vor religiösen Auswüchsen schützen.
Herr I. sieht sich zu extravaganten Gedankenspielen veranlasst. Den Vatikan mit Saudiarabien zu vergleichen, zum Beispiel. Der Vatikan sei eine heilige Stätte, gleich wie die zwei Millionen Quadratkilometer Wüste in Saudiarabien.
Frivol sieht er sich als Kämpfer für Menschenrechte. In Westeuropa. Als Türke. Als Generalsekretär einer Organisation, der 57 vornehmlich islamische Staaten angehören, mit Sitz in Saudiarabien notabene.
Jetzt kommt die Köstlichkeit des Interviews. Man lasse sich seine Aussage auf der Zunge vergehen, Meinungsfreiheit bedeute nicht, jemanden beleidigen zu dürfen. Sorry, aber man kann sagen, was man will, mit der lächelndsten politischen Korrektheit, irgendjemand wird sich persönlich angegriffen fühlen. Verleumdet. Beleidigt. Whatever.
Wir wär’s also mit Gelassenheit. Und etwas weniger Scheinheiligkeit? Hm, Herr I. du darfst uns kritisieren, also dürfen wir auch dich kritisieren. Du hast sogar Glück, dass wir bloss Teile deiner Religion kritisieren, und nicht etwa deinen Bart oder so.
Dann nennt Herr I. die Mohammedkarikaturisten unzivilisiert und schilt den Westen dafür, dass er ihnen nicht unverzüglich den Mund verboten hat. Radikal wären sie gar, unsere Kämpfer für die Meinungsfreiheit.
Vermutlich sind sie das auch, doch das ist eine Schande. Für freie Meinungsäusserung zu kämpfen sollte eine Selbstverständlichkeit sein, keine Seltenheit.
Uns wurde versprochen, dass Anstrengungen unternommen würden, eine Weiterverbreitung der Karikaturen zu verhindern. Aber das ist nicht geschehen, und die Situation ist eskaliert. Diese Art, Pressefreiheit zu verteidigen, wurde als kulturelles Erbe dargestellt. Das wirft für uns indes grosse Fragen auf.1
So zeigt der Herr I. sein wahres Gesicht. Zensur will er. Kräftige, peitschenstriemige Zensur. Doch gewiss, für einen, der sich eine islamische Theokratie wünscht und einen Gesetzesartikel gegen Gotteslästerung, ist der Westen mit seinem vergleichsweise säkularen Wesen schon schwierig zu verstehen.