Lieber Bar Mitzwa als Etatismus

Religion als Schulpflichtfach.

Wieso eigentlich nicht, mag man denken. In der Schule etwas über die verschiedenen Religionen zu lernen, fördert selbstverständlich die Toleranz und senkt die Ignoranz etwas. Zudem gehört es einfach zur Allgemeinbildung, zu wissen, dass Gott bei den Muslimen Allah heisst und nicht gleichzeitig sein eigener Sohn ist, der als Jesus auf die Erde kam.

Richtig?

Beinahe. Es ist eher ein Beweis für die Vorzugsbehandlung, die die Religionen heute noch geniessen.

Oder wie kann man vernünftig begründen, dass es besser ist, wenn Gymnasiumabgänger die Riten einer Bar Mitzwa aufzählen können, aber vor Unkenntnis nur den Kopf schütteln, wenn der Begriff Etatismus fällt?
Sehr wahrscheinlich - ausser man ist ein gläubiger und praktizierender Jude - wird man sein ganzes Leben nicht mit einer Bar Mitzwa konfrontiert werden. Als Träger des Wahl- und Stimmrechts hingegen, das doch etliche wahrnehmen, ist es von Vorteil, wenn man weiss, was Etatismus, Liberalismus, Neokonservatismus oder Protektionismus ist.

Ich fordere - zu Lasten der religiösen Bildung - mehr politische Bildung in unseren Staatsschulen!




Wenn Religion zur tödlichen Hass-Maschinerie wird

A teenage girl was paraded naked around the village market in Rasuwa district by her neighbors after alleging her of being a witch.
[...]
The accusers had first taken Kuti a little away from her house saying that they needed to talk to her, but later accused her of practicing witchcraft and demanded Rs 300,000 from her. When she rejected their demand they tore her clothes apart, stripped her naked, and paraded her around the market.
1

Hundreds of his neighbours accused him of casting evil spells on a villager who died after getting sick. Majhi had aroused suspicion by visiting the sick man to perform religious rituals, police said.

Villagers then pummelled Majhi, his wife, his son and his daughter-in-law with stones and bricks, dragged them into the nearby jungle and buried them alive, police said.2

It has been learnt that Badami Devi (60) lodged a case with Areraj police station under East Champaran district last week, saying that she was caught by the family members of Sone Lal Prasad, co-villager in Janerawa village last Saturday, and was thrashed mercilessly in full public view when she was returning from the field. They forced her to drink human excreta. She screamed for help but there was nobody to save her.3

Die Welt der Religionen ist wild und voller Geschichten, die sich um Blut, Tränen und unvorstellbare Gewaltakte drehen. Im Netz des Aberglaubens gibt es keine Lücken, keine weissen Flecke, die rein sind von faktenunberührten Märchengeschichten. Sei es London, Japan, Nepal, Brasilien oder Tansania. Die Religion schlägt zu und hinterlässt Tod und Verderben. Müsste man eine Kosten-Nutzen-Rechnung der Religionen und Glaubensgemeinschaften machen, es sähe nicht gut aus. Auf der einen Seite hätte man Tod und Verderben, auf der anderen Seite… Ja, was eigentlich? Was ist derart glorios und wunderschön, das so viele Leute die Religion und den Glauben verteidigen lässt?

hat tip to fivepublicopinions

  1. Nepal News - Girl accused of witchcraft paraded naked in village []
  2. reuters - Family buried alive in Assam for witchcraft []
  3. The Times Of India - Women assaulted for practising witchcraft []



Gottesfragen und hirnrissige Antworten

Bereits die Einleitung zu Terry Eagletons Artikel “Die Gottesfrage” ist fürchterlich:

Religiöser Fundamentalismus fällt nicht vom Himmel. Er ist eine Reaktion auf die kalte Zweckrationalität der liberalen Gesellschaft1

Natürlich, weil die Fürsten damals im Mittelalter so liberal waren, peitschten Kreuzzüge über den Kontinent. Bloss wegen den fürchterlich liberalen Diktatorenpräsidenten in arabischen Staaten existiert heute der Islamismus.

Doch es kommt noch besser. Der 9/11 hatte nicht nur nichts mit Religion zu tun, die Islamisten hätten darüber hinaus auch gar keine Ahnung vom Islam und seien somit eigentlich überhaupt nicht gläubig.

Plötzlich ist die Welt in zwei Lager gespalten, in diejenigen, die viel zu viel, und diejenigen, die viel zu wenig glauben.2

So ist das also: Atheisten glauben zu wenig. Islamisten zu viel. Christen genau richtig.
Technisch glauben die Atheisten überhaupt nicht an einen Gott und die Christen genauso sehr an einen Gott wie die Islamisten. Technisch gibt es keine Graustellen zwischen Glauben und Nichtglauben. Ein bisschen an Gott glauben, geht einfach nicht. Und ob jemand an einen nächstenliebenden Gott glaubt ist nicht etwas anderes, als wenn jemand an einen jähzornigen, strafenden Gott glaubt. Beides gründet sich auf derselben Irrationalität.
Zudem scheint Terry die Esoterik völlig vergessen zu haben. Oder will er ernsthaft behaupten, ein Astrologe glaube weniger als etwa ein Evangelikaler?

Den entsetzlichen Drang, mich zu übergeben, verspürte ich dann bei folgenden Zeilen:

Die eigentliche Ironie besteht darin, dass der liberale Säkularismus in Wirklichkeit Fundamentalismus gebiert. [...] Fundamentalismus ist die instinktive Reaktion all jener, die von einer supersäkularen, oberflächlichen, rein technologischen Rationalität zu spirituellen Fanatikern gemacht wurden – weil diese Rationalität alle unsere emotionalen und metaphysischen Fragen achtlos beiseite wischt und den Eiferern überlässt.3

Ja, gottverdammt, wir Atheisten sind tatsächlich für Al-Qaida verantwortlich. Wir essen abends auch gerne kleine Kinder und lassen schon mal die eine oder andere Atombombe detonieren. Auch hinter den Hexenverbrennungen im Mittelalter standen Atheisten. Der Papst ist bloss eine kleine Spielfigur der grossen atheistischen Weltverschwörung, die den Glauben an die Evolution indoktrinieren will. Um das ging es seit der Geburt von Jesus: Um den Darwinismus. Daneben planen wir an einem Supervirus, das jegliche Emotionen zerstören wird. Mit den Zionisten an unserer Seite, versteht sich. Denn wir Atheisten haben schon immer gewusst, dass Emotionen und Rationalität nicht vereinbar sind. Deshalb sind wir Atheisten allesamt Asketen, die bloss essen, um dem Körper Nährstoffe zuzuführen. Deswegen sieht man uns nie in Restaurants. Weil wir ein gutgebratenes, saftiges Steak gar nicht geniessen können.

Was Terry will, ist eindeutig: Eine christlich-sozialistische Theokratie.
Denn es ist offensichtlich: In liberalen Staaten werden tausende von Leuten gesteinigt, bloss weil sie den falschen Glauben haben. Und die Marktwirtschaft, die hat bloss Hungersnöte und Armut gebracht. Deswegen habe ich heute auch keine Schreibmaschine. In einer Planwirtschaft wäre die mir nicht vergönnt.

Bevor ich meinen Kopf noch gegen die Wand schlage, beende ich die Lektüre dieses Artikels vorzeitig und verweise auf die Freunde der offenen Gesellschaft, die sich den Abgründen dieser Bitverschwendung ebenfalls angenommen haben:
Gottesfragen in der ZEIT

  1. Die Zeit - Die Gottesfrage []
  2. Die Zeit - Die Gottesfrage []
  3. Die Zeit - Die Gottesfrage []



March of Democracy & Religion