Gottesfragen und hirnrissige Antworten

Bereits die Einleitung zu Terry Eagletons Artikel “Die Gottesfrage” ist fürchterlich:

Religiöser Fundamentalismus fällt nicht vom Himmel. Er ist eine Reaktion auf die kalte Zweckrationalität der liberalen Gesellschaft1

Natürlich, weil die Fürsten damals im Mittelalter so liberal waren, peitschten Kreuzzüge über den Kontinent. Bloss wegen den fürchterlich liberalen Diktatorenpräsidenten in arabischen Staaten existiert heute der Islamismus.

Doch es kommt noch besser. Der 9/11 hatte nicht nur nichts mit Religion zu tun, die Islamisten hätten darüber hinaus auch gar keine Ahnung vom Islam und seien somit eigentlich überhaupt nicht gläubig.

Plötzlich ist die Welt in zwei Lager gespalten, in diejenigen, die viel zu viel, und diejenigen, die viel zu wenig glauben.2

So ist das also: Atheisten glauben zu wenig. Islamisten zu viel. Christen genau richtig.
Technisch glauben die Atheisten überhaupt nicht an einen Gott und die Christen genauso sehr an einen Gott wie die Islamisten. Technisch gibt es keine Graustellen zwischen Glauben und Nichtglauben. Ein bisschen an Gott glauben, geht einfach nicht. Und ob jemand an einen nächstenliebenden Gott glaubt ist nicht etwas anderes, als wenn jemand an einen jähzornigen, strafenden Gott glaubt. Beides gründet sich auf derselben Irrationalität.
Zudem scheint Terry die Esoterik völlig vergessen zu haben. Oder will er ernsthaft behaupten, ein Astrologe glaube weniger als etwa ein Evangelikaler?

Den entsetzlichen Drang, mich zu übergeben, verspürte ich dann bei folgenden Zeilen:

Die eigentliche Ironie besteht darin, dass der liberale Säkularismus in Wirklichkeit Fundamentalismus gebiert. [...] Fundamentalismus ist die instinktive Reaktion all jener, die von einer supersäkularen, oberflächlichen, rein technologischen Rationalität zu spirituellen Fanatikern gemacht wurden – weil diese Rationalität alle unsere emotionalen und metaphysischen Fragen achtlos beiseite wischt und den Eiferern überlässt.3

Ja, gottverdammt, wir Atheisten sind tatsächlich für Al-Qaida verantwortlich. Wir essen abends auch gerne kleine Kinder und lassen schon mal die eine oder andere Atombombe detonieren. Auch hinter den Hexenverbrennungen im Mittelalter standen Atheisten. Der Papst ist bloss eine kleine Spielfigur der grossen atheistischen Weltverschwörung, die den Glauben an die Evolution indoktrinieren will. Um das ging es seit der Geburt von Jesus: Um den Darwinismus. Daneben planen wir an einem Supervirus, das jegliche Emotionen zerstören wird. Mit den Zionisten an unserer Seite, versteht sich. Denn wir Atheisten haben schon immer gewusst, dass Emotionen und Rationalität nicht vereinbar sind. Deshalb sind wir Atheisten allesamt Asketen, die bloss essen, um dem Körper Nährstoffe zuzuführen. Deswegen sieht man uns nie in Restaurants. Weil wir ein gutgebratenes, saftiges Steak gar nicht geniessen können.

Was Terry will, ist eindeutig: Eine christlich-sozialistische Theokratie.
Denn es ist offensichtlich: In liberalen Staaten werden tausende von Leuten gesteinigt, bloss weil sie den falschen Glauben haben. Und die Marktwirtschaft, die hat bloss Hungersnöte und Armut gebracht. Deswegen habe ich heute auch keine Schreibmaschine. In einer Planwirtschaft wäre die mir nicht vergönnt.

Bevor ich meinen Kopf noch gegen die Wand schlage, beende ich die Lektüre dieses Artikels vorzeitig und verweise auf die Freunde der offenen Gesellschaft, die sich den Abgründen dieser Bitverschwendung ebenfalls angenommen haben:
Gottesfragen in der ZEIT

  1. Die Zeit - Die Gottesfrage []
  2. Die Zeit - Die Gottesfrage []
  3. Die Zeit - Die Gottesfrage []