Seit siebzehn Tagen gilt in den Niederlanden ein Rauchverbot in Gaststätten. Schlimm genug für Liebhaber der Freiheit & des Rauchens. Letztere haben jetzt - um das Rauchverbot zu umgehen und weil den Kirchen und Sekten viele Rechte zugestanden werden, die der Ungläubige bloss aus weiter Ferne beneiden darf und bekämpfen muss (ein Beispiel: Peyote (Lophophora williamsii). Der Besitz von Peyote wird strafrechtlich verfolgt. Ausser man ist Mitglied der Native American Church. Dann darf man dealen und konsumieren, wie es einem beliebt. Grund: Peyote sei die Personifizierung von Gott. Cool. Das ist eine derart gute Argumentation, da können die Gesetzgeber nur nachgeben.1 ) - die “Kirche der Raucher Gottes” gegründet, in der die heilige Dreifaltigkeit “Rauch, Feuer und Asche” angebetet wird.2
Scheinheiligkeit klebt unter den Fingernägeln des Gesetzes…
In den Niederlanden wurde ein Cartoonist festgenommen, der sich zu weit aus dem Fenster lehnte. Die Cartoons hätten zu Gewalt aufgerufen, Hass gestiftet und seien diskriminierend gewesen.
Ich kann die Argumentation durchaus verstehen, dass Hass säende Cartoons oder Reden verboten werden sollten - auch wenn ich diese Forderung sehr gering schätze.
Doch wer entscheidet nach welchen Kritierien, was nun erlaubt sein soll oder nicht? Anders gefragt: Wen darf man verspotten und wen nicht? Über wen darf man herziehen und wen muss man mit Samthandschuhen anfassen? Kann ein Cartoon tatsächlich Hass säen oder Leute dazu anstiften, anderen Gewalt anzutun?
Dann wären sie ein sehr mächtiges Werkzeug. Ich glaube allerdings, das ist zu viel der Ehre.
Einen friedlichen Burschen bringt ein derartiger Cartoon jedenfalls nicht dazu, Ziegelsteine in Schaufenster oder Muslimen an den Kopf zu werfen. Was die labilen Naturen angeht: Kann da nicht schon ein einzelner schiefer Blick ausreichen, mit dem Messer um die Häuser zu ziehen?
Zusammenfassend kann man zwischen zwei Standpunkten wählen:
There can be said to be two basic views:
a) unlimited freedom of expression, and
b) the judicious limiting of freedom of expression in not always saying what one thinks.The government supports the latter view and Prime Minister Jan Peter Balkenende has, on more than one occasion, called upon right-wing MP Geert Wilders to exercise restraint in connection with his film, Fitna, which suggested terrorism was innately connected with Islam. Mr Balkenende believed Mr Wilders should consider the possible consequences of the film.
Certain political parties reject the prime minister’s standpoint, arguing it will lead to self-censorship and a weakening of the freedom of expression. The conservative VVD party is especially angry with Minister Hirsch Ballin for doing nothing to stop the cartoonist Nekschot from being arrested. 1
Geert Wilders Film “Fitna” ist nun endlich erschienen. Sehen kann man ihn auf Liveleak. rutube, da Morddrohungen gegen Mitarbeiter von Liveleak ausgesprochen wurden und deswegen das Video von Liveleak gelöscht wurde.1 Alternativ ist “Fitna” bei Youtube zu finden. Dort ist das Video allerdings für Besucher unter 18, resp. alle ohne Account gesperrt.2
Gegner und Kritiker des Films monieren, Wilders wolle bloss provozieren. Andere meinen gar, Wilders einziges Ziel sei es, zu beleidigen. Wen auch immer.
In einem liberalen Staat, der die Meinungsfreiheit hochhält und sie nur bei rassistischen Äusserungen und Hetzreden unterbindet, ist Wilders Intention jedoch völlig irrelevant. Oder soll man etwa einen Film verbieten, bloss weil der Macher nichts weiter will, als zu provozieren? Dann müsste man die halbe Filmgeschichte ausradieren.
Auch beleidigen darf man. Es ist zwar nicht die feine Art und Weise, aber Beleidigungen sind etwas sehr Alltägliches. Wollte man sich jedes Fluchwort verbieten, man würde durchdrehen. Ob unterdrückter Gefühle. Ob der Scheinheiligkeit.
Ich habe mir den Film reingezogen. Ohne Popcorn. Ohne übermässige Begeisterung. “Fitna” ist nicht schlimm. Selbst der Tagesanzeiger kommt zu diesem Schluss.3 Volksverhetzend wäre der Film, wenn die explizite und ernst gemeinte Aussage gemacht würde: “Muslime sind nicht mehr wert als ein Stück Dreck.”
Dem ist nicht so. Es werden bloss die Schrecken gezeigt, die der Islam hervorgebracht hat. 9/11. Antisemitismus. Zu Mord aufrufende Koran-Suren. Doch das ist alles längst bekannt. Terrorismus kann islamisch motiviert sein. Da bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass alle Moslems Mörder wären. Oder den Islamismus unterstützen würden. Einen Film im selben Still könnte man über jede andere Religion drehen. Bibelpassagen etwa. Christliche Fundamentalisten, die “Abtreibungs-Ärzte” umbringen. Zur Judenmission aufrufende Päpste.
Religionskritik muss immer erlaubt sein. Besonders in Zeiten wie diesen.
(Klar, “Stop Islamisation” kommt wortwörtlich vor. Auch “Islam wants to rule, submit and seeks to destroy our western cilivization”. Doch ich halte das für eine erlaubte Übertreibung im Kampf gegen den Islamismus. Und Muslime, die unsere Werte teilen, sollten sich davon schon gar nicht angesprochen fühlen.)
Geert Wilders und sein Film. Darüber wurde in den letzten Wochen bloss noch gestreitet und gezankt. Morddrohungen wurden an ihn adressiert. In Brandreden wurde ihm unbändige Unterstützung versprochen. Der Film ist immer noch nicht draussen. Wohl auch, weil Geerts Website abgeschaltet wurde und kaum einer TV-Gesellschaft seinen Film übertragen will. Zu gross die Furcht vor dem tödlichen Islamismus.
Über den Film reden will ich nicht, denn als Liberales und als Demokrat steh’ ich nun hier und kann nicht anders. Die grossartige und so hart erkämpfte Meinungsäusserungsfreiheit gebietet uns, den Geert diesen Film zeigen zu lassen. Auch wenn er geschmacklos ist. Denn auch Geschmacklosigkeit soll man sagen dürfen. Denn würde dieser Grundsatz nicht gelten, so würde sich bei jedem Film jemand finden, der ihn für Geschmacklos hält. Zudem: Gäbe man den Islamisten nach und würde die Ausstrahlung des Films verbieten, so müsste man auch den Bischofen nachgeben, die alle Actionfilme, Thriller, Krimis und dergleichen aus dem TV und dem Kino bannen wollen.
Nein, bei der leidigen Geschichte gibt es ein pikantes Detail. Der öffentlich-rechtliche Muslimische Rundfunk (Nederlandse Moslim Omroep) hat dem Geert angeboten, den Film auszustrahlen. Eingebettet in eine Streitgespräch zwar und mit vorgehender redaktioneller Kontrolle, aber immerhin. Schade nur dass diese muslimische Stimmen (die mit uns für die Meinungsfreiheit “kämpfen”) so wenig Einfluss haben auf ihre radikalen Glaubensbrüder.
nzz - Ein falscher Märtyrer