“Wo bitte geht’s zu Gott?, fragte das kleine Ferkel” ist gerettet. Schmidt-Salomons Kinderbuch kommt nicht auf den Index. Die Meinungsfreiheit darf aufatmen. Der Indizierungsantrag an sich stellt jedoch bereits einen absoluten Tiefpunkt unserer Zeit und unserer Werte dar. Die post-aufklärerische Zeit zeigt ihr wahres Gesicht. ~ Das Ferkel hatte nochmal Schwein
Am Donnerstag wird über den Indizierungsantrag des Ferkelbuchs “Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel” entschieden. Dann werden wir endlich wissen, ob sich in Deutschland manche Leute noch an die Aufklärung erinnern oder sie lieber mit Stahlbeton zuschütten möchten. Die Verteidigungsschrift von Schmidt-Salomon ist im Netz ~ Neues zum Ferkelbuch
Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel löste im deutschsprachigen Raum eine gewaltige Kontroverse aus. So grosse, das selbst der ehrenwürdige PZ Myers von Pharyngula sich dem Thema angenommen hat ~ Talking animals with more sense
Was ist bloss aus dem guten alten laizistischen Staate geworden?
Hat es ihn etwa gar nie gegeben? War er immer nur ein Gebilde meiner Träume?
Entweder dies, oder Deutschland hat in den letzten Jahren eine massive Verschlechterung erlitten. In Deutschland wie in der Schweiz politisieren einige Parteien - ziemlich grosse und altehrwürdige sogar - offen mit dem Christentum. Einige prominente Politiker fordern gar die Errichtung einer erzkatholischen oder stockevangelischen Theokratie. Kirchliche Gruppen und entsetzlich religiöse Politiker greifen zu Rechtsmitteln und gar der Antisemitismuskeule, wenn es ein Buch wagen sollte, Religionen als solche - und nicht etwa bloss deren extremsten Anhänger - zu kritisieren. So geschehen bei der Kinderbuchkrise.
Die Diözese Rottenburg-Stuttgart beantragte, das Buch “Wo bitte geht’’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel” von Michael Schmidt-Salomon und Helge Nynke strafrechtlich zu prüfen. Die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg kam nun zum Schluss, dass im kleinen Ferkel keine strafbaren Inhalte zu finden seien. Der Leitende Oberstaatsanwalt Ernst Wich-Knoten erklärte jedoch, das kleine Ferkel sei ein “perfides Machwerk in der Maske des religiösen Kinderbuchs”.
Blasphemisch ist das Buch also nicht. In jedem vernünftigen Staate ist die Justiz dazu verpflichtet, neutral und nüchtern zu entscheiden und sich auch sachlich zu äussern. Juristische Neutralität? Ha, brauchen wir doch nicht. Lang lebe die Willkür.
Am 6. März wird dann ein Gremium entscheiden, ob das kleine Schweinchen indiziert werden soll. Diesem ominösen Gremium gehören obskurerweise auch Vertreter der Kirche an. So viel zur Objektivität von rechtswirksamen Entscheiden.
Verletzt das kleine Ferkel religiöse Orientierungen und Gefühle?
Egal, wir sollten lieber damit beginnen, in Westeuropa liberale, laizistische, die Gewaltentrennung einhaltende Staaten zu errichten. In einem liberalen Staat gibt es jedoch etwas, das sich freie Meinungsäusserung nennt. Dazu gehört ein Grundstein einer jeden freien Nation: Pressefreiheit.
Doch diese geht scheinbar nur so weit, als dass die Religion nicht berührt wird. Gesinnungen kann man alle kritisieren, bloss die religiös motivierten und kirchlich organisierten nicht. Anhänger diverser kruder Weltanschauungen darf man ruhig rügen, werten und anfechten. Nationalsozialisten. Kommunisten. Anarchisten. Scientology-Groupies. Mormonen.
Erzkatholiken? Islamisten? Jüdisch Orthodoxe? Da kriegt man Probleme. Obwohl sie nicht realitätsnaher, humanistischer oder “besser” sind als oben genannte.
Verletzte ich weltanschauliche Gefühle, wenn ich den Konservativismus kritisiere? Oder den Neoliberalismus? Natürlich. Doch anders lässt sich keine Verbesserung erreichen.
Fortschritt ohne Kritik? Kann ein Ferkel denn fliegen?
Also, machen wir der Sonderstellung von Kirche und Religion ein Ende und beginnen damit, die Aufklärung ins einundzwanzigste Jahrhundert zurück zu bringen!
brights - Nur ein “perfides Machwerk”
Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel von Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke ist ein wahrlich wunderbares Buch. ~ Salomons Homepage: Gottferkel
Ein Buch jedoch, das nicht jedem gefällt und manchem sauer aufstösst. Gerade auch wegen Fragen, die auftauchen und von den Fragestellern falsch beantwortet werden. Den geläufigsten Fragen hat sich Michal Schmidt-Salomon deshalb angenommen ~ Salomons Homepage: Gottferkel-FAQ
In der selben Ferkelkontroverse, auch Kinderbuchstreit genannt, zeigt sich jedoch auch, wie viel Schutz und Rückhalt die Religion und der Aberglaube immer noch geniessen. Erstaunlicherweise gibt es auch immer noch Menschlein, die religiöse Indoktrination und aufklärerische Denkanstösse für gleichwertig halten.
Für den geneigten Leser ein paar Zitate, die seine Abneigung gegenüber dem Glauben vermutlich nur noch stärken werden:
Das falscheste aber am ganzen Buch ist es, die drei vermeintlich abrahamischen Lehren als gleichwertig zu behandeln und damit quasi auf gleiche Augenhöhe zu heben~
Es gibt viele schlechte Kinderbücher; am schlechtesten aber sind die indoktrinierenden. In ihrem Bemühen, den Kindern nur ja die richtige Botschaft einzuhämmern, verzichten die Autoren auf alle Originalität, auf jedes erzählerische Detail, das einfach nur da sein darf, absichtslos, interessant und schön. ~
Damit verzichtet es allerdings auch auf Aufklärung und kritischen Geist, die erst Religion und den Mythos als Vorstufe der Aufklärung ablösen könnten. Atheismus kann leicht zur Ersatzreligion mit nicht minder perfiden Folgen führen, selbst Mythos werden. ~
Dass die drei großen Weltreligionen gleichermaßen in die Pfanne gehauen werden, ändert ja nichts an dem Tatsache, dass dabei insgesamt ein höchst einseitiges Weltbild vermittelt wird. Das lehne ich prinzipiell ab, ob es sich nun um religionskritische oder um religionsverherrlichende Schriften handelt. Ich meine, dass indoktrinierende Kindererziehung grundsätzlich nichts Gutes an sich hat. Kinder sollten sich frei entscheiden können, und dem steht dieses wie viele andere Bücher mit gegenteiligem Inhalt eindeutig entgegen. Natürlich haben Eltern das Recht, ihre Sprösslinge so zu erziehen, wie sie es für richtig halten. Das darf aber nicht dazu führen, dass schon in den ersten Lebensjahren Ressentiments geschürt werden, die im Erwachsenenalter fatale Konsequenzen haben könnten. ~
Ein kurzes, nicht allzu tiefgehendes, dennoch lesenswertes Interview der jungen Welt mit Michael Schmidt-Salomon anlässlich der heftigen Proteste gegen sein Buch “Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel” ~ »Schon das erste Gebot der Bibel ist verfassungswidrig«