Wer den Film Fight Club gesehen hat, wird wissen worum’s geht. Für alle anderen: Ein Fight Club ist ein “Verein”, dessen Mitglieder sich mit ihrem Beitritt einverstanden erklären, in einem Zweikampf auf relativ grobe Art verprügelt zu werden und selbst hemmungslos physische Gewalt gegen den Kombattanten anwenden zu dürfen. Anders als bei Kampfsportarten geht es in Fight Clubs um Schmerz und Blut.
Ich frage mich also, ob Fight Clubs hierzulande legal wären.
Sie sollten es eigentlich, da jeder über seinen Körper frei verfügen kann. Herrscht also zwischen zweien ein Konsens, dass sie nichts gegen Schläge und Tritte gegen ihren Körper einzuwenden haben, dürfen sie sich nach allen Regeln der Kunst verprügeln.
Doch haben wir diese Freiheit tatsächlich?
Edit: Marco und Jan haben Teilantworten auf obige Frage geliefert, aus denen man alles weitere ableiten kann.
So sind “schlagende” Studentenverbindungen erlaubt, allerdings müssen strikte Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, wie man bei Wikipedia lesen kann. In der Schweiz sind Duelle scheinbar vollkommen legal.
Jedoch ist der Widerstand gegen “gewalttätige”, nicht etablierte Freizeitvergnügen enorm. Reball, eine Unterart des Paintballs, wird gerne mal verboten.
Dies zeigt, dass Fight Clubs keine Chance hätten, legal zu existieren. Die Freiheit, mit seinem Körper nach eigenem Gutdünken zu verfahren, besteht also nicht.
Freiheit bedeutet, dass jeder das Recht hat, über sein Eigentum und dessen Nutzung frei zu verfügen.
(Leute, die also Rauchverbote möchten und die wirtschaftliche Tätigkeit von Individuen in einem Mass regeln möchten, das darüber hinausgeht, dass Besitz und Leben der jeweils anderen geschützt werden, setzen sich über das Eigentumsrecht hinweg.)
Die Freiheit der andern ist unbeliebt.
In der Schweiz nimmt man Anlauf, den Buchhändlern die Freiheit zu nehmen, selbst die Verkaufspreise zu bestimmen1, den Autofahrern die Freiheit zu nehmen, selbst zu wählen ob sie ein grosses oder kleines Auto fahren wollen2 und den Wirten die Freiheit zu nehmen, selbst zu bestimmen, ob in ihrer Beiz geraucht werden darf oder nicht3.
Geht das so weiter, haben wir bald noch eine Fettsteuer, Prohibition (Ausgenommen Messwein und Absinth.), Ausgangssperren, Verbote von OpenAirs, Bettelverbote, Videospielverbote, Pornographieverbote, Blasphemieverbote, weitgreifende staatliche Zensur etc. Dafür wird die Schweiz überrannt werden von Leuten, die gerne ihre persönliche Verantwortung an den Staat delegieren.
Um die ideologisch ersinnten Verbote auch dem kiffenden, Offroader fahrenden, billige Bücher haben wollende und in Beizen gerne rauchenden Volk schmackhaft zu machen, muss pro Verbot mindestens ein Schreckgespenst aus der Versenkung geholt werden. Zigarettenrauch wäre das eine, Buchhändlersterben ein weiteres, Kindstod durch Geländewagen und CO2 die anderen. Und das Volk fürchtet diese Geister wie der Teufel das Weihwasser. Leider sind Geister imaginär, ähnlich wie die Schweizer Schreckgespenster. In ihnen steckt zwar ein Körnchen Wahrheit, doch meist wird masslos übertrieben.
Es steht leider zu befürchten, dass der Paternalismus in der Schweiz in der nächsten Zeit an Gewicht zulegen wird. Die Weichen sind gestellt. Die Ideale der Freiheit und der Eigenverantwortung werden das Klo hinuntergespült und der Staat wird sich mehr und mehr in das Privatleben der Leute einmischen. (Bestimmte mediale Inhalte werden stark unter Beschuss geraten, seien sie gewalttätiger, antireligiöser, staatskritischer oder sexueller Natur. Dazu könnten strikte Ernährungsvorschriften erlassen und auch staatliche Eingriffe in Freizeitaktivitäten salonfähig werden.)
Botellóns brennen. In andern Worten: Jeder redet darüber, die Hälfte regt sich auf, die andere stammelt was von dümmeren Dingen, die die Jugend tun könnte.1
Bullshit. Der Fakt, dass andere Dinge schlechter sind, macht die Tat nicht besser. Das ist schlicht keine Argumentation. Dazu fällt auf, dass viele Kommentatoren völlig berechtigt fest stellen, dass auch an Schwingfesten und Grümpelturnieren gesoffen wird und Drogenkonsum zudem kein neuzeitliches Phänomen ist, sondern sich durch die ganze Menschheitsgeschichte zieht. Doch nahezu keiner steht für die Freiheit der Jugend ein, mit sich machen zu dürfen, was auch immer ihnen beliebt.
Manche tun es trotzdem, wie Kurt Imhof, dessen Interview oben verlinkt ist. Ich komme nicht umhin, auf die paradoxe Scheinheiligkeit hinter seinen Worten hinzuweisen. Imhof erkennt zwar die Verbotskultur, die grassiert, und stemmt sich gegen Verbote, die Alkohol, Sex und Tabak betreffen. Moralisten mag er ebenso wenig wie Buttersäure. Gleichzeitig poltert er gegen Neoliberalismus und Globalisierung und spricht sich für eine rigorose Kontrolle der Wirtschaft aus. Hier liegt das Paradoxon. Die Freiheit zu wirtschaften gehört ebenso zur Freiheit des Individuums dazu, wie die Freiheit sich zu besaufen. Es sind keine gegensätzlichen Dinge, es sind nahezu dieselben. Dazu sollte ein Soziologe wissen, dass man den Paternalismus nicht in haben Stücken bekommt. Entweder will man Freiheit oder will sie nicht. Beginnt man sie zu verbrennen, bleibt rasch nicht mehr als Asche übrig, aus der ein sozialistischer Staat aufersteigt.
Dazu ist es lächerlich. Freie Marktwirtschaft ist unser grösster Trumpf. Beschneidet man sie, dann leiden die Arme zuerst. Aber vielleicht gehört Imhof auch zu jenen Moralisten, die es fürchterlich finden, T-Shirts in China herstellen zu lassen. Aber nimm’ den Chinesen, die sich gerade auf den Weg in die glitzernde Dienstleistungsgesellschaft machen, diese Jobs weg und du hast ein paar tausend Hungernde mehr. Gewiss, der Weg ist brutal und mühselig, aber er ist der einzige, den eine Gesellschaft hat. Auch wenn Globalisierungsgegner diesen Weg noch so gerne Verbarrikadieren möchten.
Verbote sind gut, sie sind wirklich gut, in den meisten Fällen sind sie aber einfach nur schlecht.
In diesen Jahren hat sich eine gewisse Verbotssucht etabliert. Das Bedürfnis, alle möglichen Dinge per Gesetz zu verbieten. Ein Politiker muss nicht einmal beweisen, dass ein Verbot irgendwelche positiven Auswirkungen hat, es muss bloss gut klingen. Wie zum Beispiel Rassismusverbot. Oder Rauchverbot. Oder Killergamesverbot. Oder Drogenverbot. Sehr viele Leute halten diese Verbote für gut. Weil sie die Dinge, die verboten werden sollen/sind, nicht mögen. Doch das ist der schlechteste Grund, etwas zu verbieten. Den mit derselben Gründe könnte man Gummibärchen oder lila Haare verbieten.
Niemand hinterfragt Verbote mehr. Klingen sie gut, werden sie beklatscht. Und spricht man sie gegen ein Verbot aus, so denkt jedermann automatisch, man befürworte die zu verbietende Sache. Jemand, der für eine konsequente Meinungsfreiheit ist und somit gegen ein Rassismusverbot, gilt innert Sekundenschnelle als Rassist. Obwohl er ebenso gegen Rassismus ist wie die Befürworter eines Verbotes.
Diese Verbotssucht führt zu einer gefährlichen geistigen Faulheit. Verbote werden nicht hinterfragt und durchgedacht, sondern durchgewunken, als wären all diesen Leuten ihre Freiheit so unangenehm wie Kaugummi, der an der Schuhsohle klebt.
Mit der zunehmenden Regelung des Privatslebens der Bürger wird ein paternalistischer Staat geformt, der den Bürger nicht nur das Denken abnimmt, sondern zugleich Verantwortungsbewusstsein, Solidarität, Freiheit und ihr Geld.
Weder wird über Sinn neuer und alter Gesetze gründlich nachgedacht, noch zeigen die Bürger Verantwortung für ihr Leben, ihr Handeln und ihre Mitmenschen, da der Staat solch schwierige Entscheidungen wie die Wahl zwischen einer Tafel Schokolade und einer Karotte oder zwischen Betrunkenheit oder Nüchternheit abnimmt und strikte Vorschriften erlässt, noch zeigen sie Solidarität, da der Staat ihnen auch die abnimmt und sie somit selbstzufrieden auf der Couch Chips mampfen können (”Wieso soll ich mich gegen Rassismus aussprechen, wir haben ja Gesetze ‘für.” “Was will ich den Armen helfen, die haben ja staatliche Fürsorge und all das.”).
Als wäre all das nicht genug, kastrieren wir noch den freien Markt, was den Staat weiter aufbläht und die Unzufriedenheit der Leute steigert, da das freie Unternehmertum beschnitten wird und der Wohlstand als Folge davon sinkt. Noch mehr Gesetze und noch mehr Unfreiheit sind die äusserst unangenehmen Folgen.
Und die Junkies machen weiter wie zuvor.
Ein sommerlich tropischer Tag neigt sich seinem Ende und wieder stellt sich die Frage nach der Freiheits-Bilanz. Ist die kuschelige Schweiz am heutigen Tag ein Stückchen freier geworden oder wuchern neue Verbote?
Der Freiheit des einzelnen Bürgers hat sich auch der gottlos liberale Blogger Kieran Bennett angenommen. Auf seinen Eintrag möchte ich hier zitierend hinweisen:
Society is about individual responsibility.
But we are missing something vital.
Responsibility cannot exist without freedom.
Let me pose a simple scenerio, I would like to play some loud music, but my neighbor is a shift worker. If I have the freedom to play the loud music, I can choose to be responsible, I can choose to think of my neighbor.
But in our society we don’t have this choice. We don’t play the loud music because then the police will come. In this situation we are not exercising responsibility, we are not fulfilling our duties as citizens. In this situation we do not have the freedom to be responsible.1
ich meine, mit folgendem zitat nicht einverstanden zu sein. dennoch: ein interessanter gedanke verdient es, zitiert zu werden:
[...]der Staat redet den Menschen ein, sie könnten die Risiken und Wechselfälle des Lebens wie Krankheit, Arbeitslosigkeit und Altersversorgung nur mit staatlicher Umhegtheit, nicht selbstverantwortlich aus eigener Kraft bewältigen; er beutet das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Gerechtigkeit aus und beschwört und verherrlicht diese als „soziale“ Sicherheit und „soziale“ Gerechtigkeit; er drängt die Menschen aus Eigenverantwortung und Unabhängigkeit mehr und mehr heraus und in die Abhängigkeit von Staat und Kollektivismus hinein, versucht, es ihnen unter dem Markennamen „Sozialstaat“ schmackhaft zu machen.
Hayek hat diesen Sozialstaat als eine „wohlwollende Despotie“ bezeichnet. Aber wie wohlwollend auch immer, Despotie bleibt Despotie: Sie unterdrückt die Freiheit als Wert an sich.1
Pure, unzensierte Gewalt:
Dann sollten wir vielleicht einmal darüber nachdenken, was uns Meinungsfreiheit wirklich wert ist.
Oder ob wir lieber irgendwelche Dinge verbieten wollen, die wir nicht mögen.
[Könnten wir eigentlich sofort 'mit beginnen. Ich votiere für ein Verbot von Plüschhasen. Aus dem einfachen Grund, dass ich lieber Plüschhunde habe. Wobei meine Zuneigung zu Plüschtieren eigentlich eh schon vor einem Weilchen erloschen ist.
Einerlei, wenn andere Leute CDs oder Videogames verbieten können, weil sie diese nicht mögen, kann ich auch Plüschtiere verbieten, die ich mag.
[Ich könnte jetzt argumentieren, Plüschhasenbesitzer würden eher zu Waffenschiebern werden. Deshalb sei ein Verbot gerechtfertigt. Und ich würde nicht mehr an der Wahrheit vorbei sprechen als diejenigen, die meinen, dass man eher Leute morden geht, wenn man GTA IV oder Counter Strike spielt oder Cannibal Corpse oder 50 Cent hört. [Selbst wenn das so wäre, müsste man sich dann fragen, wie viel wert uns die Freiheit noch ist. Anders gesagt: Wollten wir tatsächlich alles verbieten, das einen schlechten Einfluss auf uns hat, so müsste man vermutlich selbst das Disney Land und Rubik-Würfel verbieten. [Stell' dir vor, einer scheitert am Rubik-Würfel und gerät darob derart in Rage, dass er seine 9-Millimeter packt und in ein Einkaufscenter rennt.]]]
hat tip to Matt Jenny