Ein Leckerbissen aus einer nicht allzu fernen Theokratie:
1. Durch die Darstellung des Bildes eines ans Kreuz genagelten Schweines im Internet wird der objektive Tatbestand des § 166 Abs. 1 StBG (Beschimpfen von Bekenntnissen) erfüllt.
2. Eine Eignung zur Störung des öffentlichen Friedens ist zu bejahen, da einerseits im Internet die Informationen von einem größeren, durch persönliche Beziehungen nicht zusammenhängenden Personenkreis wahrgenommen werden können und andererseits berechtigte Gründe für die Befürchtung vorliegen, der Angriff werde das Vertrauen in die öffentliche Rechtssicherheit erschüttern.
Ich gebe zu, es handelt sich um Nürnberg anno domini 1998, aber das macht es nur noch schlimmer.
Es ist strafbar, Leute zu “beleidigen”? Durch Satire wird das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert?
Mon Dieu, ich dachte nicht, dass es so schlecht um uns steht.
hat tip: po8t
Ein Frosch, der an ein Kreuz genagelt ist, verletzt religiöse Gefühle.1 Blasphemie!, schreien die Jesuswächter.
Ob’s auch Blasphemie war, dass nach Jesus’ Tod diese Hinrichtungsmehtode nicht sofort aus dem Verkehr gezogen wurde. Vermutlich hatten die Leute damals gar nicht die Musse, sich über solches aufzuregen.
Wahrlich, jegliche Kritik am Christentum oder gar ein künstlerisch-ironischer Umgang mit christlichen Symbolen und Ikonen verletzt religiöse Gefühle.
So what?
Kritik am Nationalsozialismus verletzt nationalsozialistische Gefühle. Stellt man Stalin als blutrünstiges Biest dar, verletzt das stalinistische Gefühle. Zertrete ich einen Löwenzahn, so verletzt das die Gefühle der Löwenzahnliebhaber. Das liegt in der Natur der Sache.
Doch nicht einmal die Politiker - und dort geht es teils mit gar rauen Bandagen zu und her - beklagen sich darüber, dass jemand ihre Gefühle verletzt hat. Es ist eine Eigenart der Gottesanbeter. (Da ziehe ich das Insekt namens Gottesanbeterin durchaus vor.)
Doch deren Gefühle darf man getrost ausser Acht lassen. Schliesslich geht es hier auch um die Freiheit der Expression. Und darum, dass man mit jeder einzelnen Geste, dem kleinsten, unscheinbarsten Wort jemanden beleidigt, dessen Gefühle verletzt. Dies sei zu verbieten, verlangen Kreuz- und Burkaträger. Doch würden wir dies tun, so hätte man sich unverzüglich ein Grab zu schaufeln und hineinzulegen. Oder wenigstens niemals mehr ein Wort zu sagen.
Eigentlich eine Marginalie, aber so schön ironisch. Hm. Eigentlich nicht einmal das, die katholische Kirche ist ja nicht wegen ihrer Friedfertigkeit und Sanftmut bekannt. Scheinheilig. Das trifft es schon besser. Zudem mag ich es, Priester und andere, die per se heiliger sind als der Durchschnittsmensch, als scheinheilig zu bezeichnen. Doch auch das ist nicht wirklich richtig. War der Pfarrer doch äusserst pflichtbewusst. Aus der Sicht der Kirche war er gewissermassen doch ein bisschen heilig. Jedenfalls heiliger als die Mädchen, die nun wegen Blasphemie in der Hölle schmoren werden.
Ein Tessiner Pfarrer und Religionslehrer hat auf dem Pausenplatz einer Schule in Lugano zwei 13-jährige Mädchen verprügelt. Er warf den Schülerinnen Gotteslästerung vor. Deren Eltern kündigten eine Strafanzeige wegen Körperverletzung an.
Lugano (sda) Die beiden Mädchen fühlen sich unschuldig. Gemäss einem Bericht von «TeleTicino» benützten sie untereinander den Ausdruck «Porco Zio», was auf deutsch mit «Sau-Onkel» wiedergegeben werden kann.
Der hinter ihnen stehende Pfarrer verstand offenbar «Porco Dio», was er folgerichtig als Gotteslästerung einstufte. Daraufhin prügelte er mit Fäusten und seinem Regenschirm auf die beiden Mädchen ein, ehe ihn ältere Schüler zur Vernunft bringen konnten. 1
Was ich aber sagen wollte: Es ist eine Schande, dass religiöse Würdenträger ihr Amt auf dem Schulgelände ausüben dürfen. Ich hätte kein Problem damit, wenn sie halt Lehrer wären, in der Freizeit aber halt Pilgerfahrten machen. Hier geht es jedoch um einen, der von der Schule angestellt ist, erstens weil er Pfarrer ist, und zweitens gerade um den Kindern seinen Glauben einzutrichtern.
Was ist hier falsch gelaufen?
1. Der Laizismus ist eine Worthülse, ohne Bedeutung, ohne reale Auswirkungen.
2. Unter allgemeiner Duldung wird hier der unvoreingenommene, wissensdurstige, freie Geist der Kinder vergewaltigt.
3. natürlich und das ist die grösste Schande: Gewaltanwendung. In andern Worten: Prügelstrafe. (Und dies ist beileibe kein Problem der Pfaffen und Prediger. Dies einerseits, weil viele Eltern denken, die von ihnen zur Welt gebrachten Kinder seien ihr Eigentum, andererseits aber, weil viele körperliche Gewalt für eine gute Erziehungsmassnahme halten.)
Und dies alles im Herz des aufgeklärten Westens. Eine Schande.
hat tip to andreas
Yessir, das britische House of Lords hat das Gesetz gegen Gotteslästerung abgeschafft. Britannien wird somit in diesem Punkt zu einem Vorreiter in Sachen freier Meinungsäusserung und Laizismus. Atheisten weltweit hoffen darauf, dass dieser Entscheid eine Signalwirkung auf ihre eigenen Staaten hat. ~ England schafft Blasphemie ab