Das kleine, gottlose Ferkelchen…
…bin nicht ich, sondern die Figur eines Kinderbuchs, das vergangenen Oktober erschienen ist. „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel” heisst das Buch und ist von Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke.
Einst hatten wir den Karikaturenstreit, nun wird der Kinderbuchstreit folgen. So scheint es zumindest. Während Pädagogen und Psychologen - also die, die am meisten Ahnung vom Kindsgemüt haben - das Buch loben:
„als Gegengift zu religiöser Indoktrination von Kindern pädagogisch besonders wertvoll”
empfindet das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Kinderbuch als jugendgefährdend:
„geeignet, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer (sic!) eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden”
Kurz nachgeschlagen, als jugendgefährdend werden Bücher dann eingestuft
„wenn sie unsittlich sind, verrohend wirken, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizen”
Ein Buch, das zu kritischem, skeptischem Denken anregt, soll also jugendgefährdend sein? Scheinbar schon:
„die drei großen Weltreligionen Christentum, Islam und das Judentum verächtlich gemacht”
„die Besonderheiten jeder Religion (…) der Lächerlichkeit preisgegeben”
„Text und Abbildung mithin antisemitische Tendenzen”
Selten habe ich lächerliche Vorwürfe gehört, doch offenbar will sich das Ministerium nicht nehmen lassen, Deutschlands Kinder christlich zu indoktrinieren. Es wunderte mich nicht, würde dasselbe Ministerium verlangen, dass Gotteslästerung ein Offizialdelikt würde. Scheinbar ist also ein christliches Weltbild um einiges wichtiger als das Recht auf freie Meinungsäusserung. Nun, hoffen wir, dass ein Ministerium, das eine Generation unskeptischer Gläubiger heranziehen will, an der eigenen Rückschrittlichkeit krepiert. Mit Bibelpredigen und unhaltbaren Vorwürfen lässt sich jedenfalls keine Zukunft machen.
Dies meint auch Michael Schmidt-Salomon, dem ich mich zu hundert Prozent anschliessen kann und dem ich für diese Worte meinen tiefsten Dank aussprechen darf:
„Auch Kinder haben ein Recht auf Aufklärung. Schauen Sie sich doch einmal in der Welt um! Nie zuvor war Religionskritik so wichtig wie heute! Man kann gar nicht früh genug damit beginnen, den Menschen die Angst vor archaischen Glaubenssätzen zu nehmen. Diese Glaubenssätze führen, wie wir tagtäglich in den Medien erfahren müssen, zu jener Verrohung, die man nun ausgerechnet dem Ferkelbuch unterschieben möchte. Wer die Geschichte vom kleinen Ferkel gelesen hat, der weiß, dass sie ganz sicher nicht zu Hass aufstachelt, sondern zu Heiterkeit. Das kleine Ferkel führt uns auf humorvolle Weise jene menschlich-allzumenschlichen Unzulänglichkeiten vor, die sich auch, aber nicht nur, im religiösen Glauben widerspiegeln. Es mag ja Menschen geben, die eine solch humorvolle Sichtweise der menschlichen Existenz nicht ertragen können und deshalb beleidigt nach Zensur schreien. Derartige Leute sollten in Ministerien aber wirklich nicht das Sagen haben!”
Doch eine Welt, in der man speziell betonen muss, dass Kinder ein Recht auf Aufklärung haben [Schmidt-Salomon sagt ja nicht einmal, dass Kinder unbedingt aufgeklärt werden müssten. Doch dies verlange ich. Denn alles andere bedeutete unglaubliche Regression und wäre ein einziges Trauerspiel. Ich sehe jedenfalls meine Zukunft nicht in einer religiös oder esoterisch geprägten Welt. [Ach... Für diese Worte werde ich sicherlich gleich wieder unter eine Stampede kommen, oder ans brennende Kreuz, oder auf den altehrwürdigen Scheiterhaufen.]] …
humanistischer pressedienst - Großer Ärger um ein kleines Ferkel
via: brightsblog - Ärger um ein kleines Ferkel









January 30, 2008
Die amtliche Empörung tut dem Buch erst mal sicherlich gut. Für so viel Gratiswerbung kann der Kleinverlag eigentlich nur dankbar sein.
Was die Referatsleiterin zusammengeschustert hat, wird hoffentlich nicht durchgezogen, auch wenn staatliche Hetzjagden auf kleine Schweinchen gerade im im Trend zu liegen scheinen…
January 30, 2008
[...] Was dem “Bürger-Herold” insbesonders auffällt, dass im Schreiben sehr schnell der Bogen zu einem möglichen Antisemitismus geschlagen wird. Da wir das Buch nicht gelesen haben, können wir es nicht nach diesen Kriterien beurteilen. Es gibt jede Menge Reaktionen, die den angeblichen Sachverhalt anders sehen, wie beispielsweise Der Misanthrop. [...]
January 30, 2008
Noch ist es Gratiswerbung, bedenklich ist die “Affäre” allerdings jetzt schon, und nicht erst dann, wenn die Bücher öffentlich verbrannt werden.
Auf Grimms Märchen wird vermutlich auch eine schwere Zeit zukommen. Und in zwei Jahren ist Intelligent Design ein offizielles Unterrichtsfach, wenn das so weitergeht.
January 30, 2008
@Benjamin B.
Bedenklich ist es selbstredend, keine Frage. Aber ohne die Zensurdrohung (und der schnellen Reaktion darauf) wäre das Buch sicher nicht innert 24 Stunden von Platz 48 auf auf Platz 4 der Bücher-Bestsellerliste von amazon.de vorgerückt.
Vielleicht hat die Sache sogar ihr Gutes: Eine Ablehnung des Indexantrages kann eigentlich nur als Bestätigung dafür gedeutet werden, dass Religionskritik legitim ist und Blasphemiegesetze in der heutigen Zeit definitiv nichts verloren haben.
January 30, 2008
Na, dann muss man jenem Ministerium wirklich dankbar sein. Ich sehe es durchaus mit Freude, wenn aufklärerische Bücher grosse Verbreitung finden. Den Kindern tut es jedenfalls allemal gut.
Die Ablehnung des Indexantrags erwarte ich selbstverständlich auch. Aber so ganz sicher bin ich mir dann doch nicht. Zu gross war der Aufschrei bei den Mohammedkarikaturen. Zu viele Leute haben in der letzten Zeit versucht, religiöse Indoktrination in die Schulen zurück zu bringen. Dann natürlich jene, die forderten, Gotteslästerung solle wieder strafbar werden.
Sehr wahrscheinlich werde ich aufatmen. Oder aber es gilt einen schweren Kampf aufzunehmen. Wir möchten den Humanismus ja nicht einfach so wegwerfen.
January 30, 2008
@Benjamin
Zu viele Leute haben in der letzten Zeit versucht, religiöse Indoktrination in die Schulen zurück zu bringen.
Wenn’s nur bei den Versuchen geblieben wäre
Im Kanton Zürich wird das neu entstehende, obligatorische Friede-Freude-Eierkuchen-Fach “Religion und Kultur” (fast) rundum bejubelt, schliesslich soll es gegenseitiges Verständnis und gegenseitigen Respekt in die Schulzimmer zaubern. Nur steht im Lehrplan leider nichts, aber auch gar nichts von weltlichen Sichtweisen (alter Blogeintrag dazu).
Nach einigem Lobbieren im Hintergrund wurde den Freidenkern wenigstens gestattet, am Runden Tisch der Religionsvertreter teilzunehmen, dessen Aufgabe es ist, die Lehrmittelerstellung zu begleiten. Im neuesten Schulblatt der Bildungsdirektion, welches das Thema aufgreift, kommen aber natürlich wieder nur Religionsvertreter zu Wort…
January 30, 2008
Nun, manchmal braucht es einen kleinen Aufschrei, z.B. diesen Kinderbuchstreit, damit einem bewusst wird, wie viel Dreck eigentlich noch in unserem Bildungswesen steckt.
February 1, 2008
[...] Göttern! Rettet das Ferkel! Ursula von der Leyen auf den Scheiterhaufen! Kleines Ferkel in Not Religionskritik - Das kleine, gottlose Ferkelchen… “Anschlag auf die Meinungsfreiheit” Indizéieren!? “Ministery of Truth and Family” [...]
February 1, 2008
Ja, schön, dass die Familienministerin nicht nur dafür sorgt, dass ein Buch schnellere Verbreitung findet, das die lächerliche Seite an Religionen aufzeigt, sondern dass sie sich gleich selbst der Lächerlichkeit preis gibt.
February 1, 2008
Sie demontiert sich selber. Nur leider nimmt trotzdem die halbe Bevölkerung ihre Lächerlichkeit nicht wahr. Vor dem fürchte ich mich.
February 1, 2008
Das Buch ist bei Amazon inzwischen auf Platz 1! Dem Familienministerium sie Dank
Hab dies unter When pigs fly in meinem eigenen Blog eben freudig in die Welt hinausposaunt. Die Tatsache, dass es eine derartige Nachfrage nach einem religionskritischen Kinderbuch gibt, darf schon noch etwas die Runde machen…
February 2, 2008
February 12, 2008
[...] Blogkarneval mit der Frage: Wie hast du’s mit der Religion? Faust, Teil I, Vers 3415 [↩]„Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel” [↩]Eine gottlose Veranstaltung. [↩] « Objektivität - Couchepin, [...]
February 13, 2008
March 8, 2008
Im Alter eines Kindes, für das dieses Buch bestimmt ist, hat man meiner Ansicht nach weder schon die Kompetenz, noch das Verständnis, noch die Erfahrung, noch das Wissen darüber, Religionskritik richtig zu verstehen. Insofern verwirrt es nur. Als Kind sucht man Geborgenheit und etwas, das einen an die Hand nimmt - sonst kommt es erst gar nicht zu einem “Meinungsbildungsprozess über Religionen” und vorallem: Die ganzen guten Eigenschaften und Ziele von Glauben stehen von Anfang an in einem schlechten Licht. Folglich wird man dann auch im späteren Leben sehr indifferent gegenüber Religion eingestellt sein, anstatt sich sachlich mit ihnen auseinander zu setzen. Und das kann doch wahrlich kein Ziel von Atheisten sein.
Übrigens sollte man sich bei einem Meinungsbildungsprozess bestimmte Glaubensrichtungen auch immer von ihren jeweiligen Vertretern präsentieren lassen, also von den jeweiligen Glaubensgemeinschaften, und nicht von einem Buch, dass die angesprochenen Glaubensrichtungen schon von vorne herein verurteilt. Es nimmt sich da einfach ein bisschen viel raus.
Ob das Buch indiziert ist/wird/war/sein sollte ist mir aber trotzdem wurst, darüber möchte ich mir kein Urteil bilden, weil ich Kinderbücher nicht lese und deshalb nicht weiß was im Details drinsteht. Aber wenn Eltern ihren Kindern dieses Buch kaufen, dann wird sicher nicht das Buch alleine für die Meinungsbildung bei diesen Kindern verantwortlich sein.
March 9, 2008
Die Realität sieht aber anders aus. Und in Zeiten, wo ein jedes Kind die Bibel schon dutzende Male in den Händen gehalten hat, bevor es überhaupt versteht, was Glaube überhaupt ist, bin ich froh über religionskritische Bücher.
Das Ferkelbuch mag etwas plumpe Kritik üben, doch zumindest die Richtung stimmt. Werbung für den Glauben wird es ja eh noch genug hören. Von den verschiendensten Seiten.
Wegen der Indifferenz gegenüber Religion. Die entsteht genauso bei religiösen Eltern. Von daher würde einzig eine komplett areligiöse Umgebung, das Kind dazu befähigen, differenziert entscheiden zu können. Doch in einer Gesellschaft, in der die meisten an wenigstens irgendwas glauben, lässt sich dies nicht umsetzen.
Die Vertreter der Glaubensgemeinschaften vertreten ihren Glauben verständlicherweise auch nicht neutral. Die machen nichts als Werbung.
Na ja, gegenüber der Religion sind auch die wenigstens Leute neutral eingestellt. Sachlich gibt es da schon ein paar, doch dies sind meistens agnostische Atheisten oder so. Die betrachten eine Religion, nennen Vorteile und Nachteile, zucken danach mit den Schultern und gehen sich einen Donut kaufen.
Nun, der Entscheid ist ja nun gefallen. Das Buch wird nicht indiziert.
Abgesehen von Vor- und Nachteilen dieses Buches, ist es auch ein Stückchen Gerechtigkeit. Katholiken haben katholische Kinderbüchlein, da dürfen Atheisten auch atheistische Kinderbüchlein haben.
April 8, 2008