Rassistische Kinder & Fondueverweigerer

Es gibt diese Momente, da kratzt man sich nur noch am Kopf. Überlegt sich noch nicht, ob man selbigen einsam, effekthaschend und unverstanden gegen eine Wand donnern sollen, aber die Gedanken tendieren in jene Richtung.

Ihr alle habt’s vermutlich mitbekommen. Der Skandal um jene paar Zeilen in einem 366-seitigen Buch des National Children’s Bureau (NCB), in dem es um die Bekämpfung von Rassismus geht. Jene Zeilen, in denen gesagt wird, dass Kindergärtner jene Kinder genauer unter die Lupe nehmen sollten, die “fremdes” Essen mit den Worten Igitt! oder Bäh! kommentierten. Beide Ausrufe könnten zwar lediglich bedeuten, dass das Essen zum Beispiel zu scharf ist oder das Kind es halt nicht mag (Wir wissen alle, wie heikel wir selber als Kinder waren, teils immer noch sind.). Igitt! könne jedoch auch Anzeichen eines tiefergehenden Rassismus sein. Deshalb sollten Kindergärtner angehalten werden, auf solche Zeichen zu achten und den Kindern der Gebrauch solcher Despektierlichkeiten möglichst untersagt werden.

Nun, mit Political Correctness - anders ausgedrückt: der Verkrüppelung von normalen Redegewohnheiten - soll also der Rassismus ausgemerzt werden. Ich hab’ zwar bis dato noch keine Erklärung erhalten, wie man mit Redeverboten die Gedanken der Leute ändern kann, noch einen Beweis, dass es funktionieren würde. Aber lassen wir den PClern ihre Freude am Spass. Irgendeine Beschäftigung brauchen auch die.

Doch um das soll es hier gar nicht gehen, sondern um den Flamewar, der sich zwischen drei Polen (links politisch korrekt, paxx und der alarmschrei; freiheitlich erzliberal, fdog; rechts junge freiheit, politically incorrect (satirisch titantic)

Ya know, interessant ist, wie hartnäckig die verschiedenen Parteien aneinander vorbei reden. Die Linke singt nur der Rechten vor, das Buch habe 366 Seiten und auf 365 Seiten stünde nichts über Igitt! oder Pfui! Toll, man kann nicht einzelne Stellen in einem Buch zitieren, man muss immer auch die anderen 365 Seiten kommentieren. Von den hier zitierten Blogs hat keiner irgendein Wort über die Initiative hinter dem Buch verloren. Geschweige denn wollte irgendjemand das Buch als solches schlecht machen. Es ging immer nur um diese eine Passage. Und diese sagt tatsächlich aus, dass eine Äusserung wie Igitt! rassistisch motiviert sein kann:

‘Indications of racial prejudice may not always be perceived as such. Indeed it is important always to pursue such indications with a view to ascertaining the reasons for them. For example, a child may react negatively to a culinary tradition other than her own by saying ‘Yuk’. This may mean a lack of familiarity with any food not seen or eaten before or, more seriously, a reaction to food associated with people from a particular ethnic or cultural community. Care is always needed in following up such reactions to differentiate very clearly between a child’s natural apprehension and racial prejudice.’1

Anhand eines weiteren Zitates sieht man auch, dass die Kindergärtner auf solche Äusserungen sofort reagieren sollen:

Staff are told: “No racist incident should be ignored. When there is a clear racist incident, it is necessary to be specific in condemning the action.”
Warning that failing to pick children up on their racist attitudes could instil prejudice, the NCB adds that if children “reveal negative attitudes, the lack of censure may indicate to the child that there is nothing unacceptable about such attitudes”.
2

Die Sachlage scheint klar zu sein, weshalb also dieser ganze Zank?
Political Correctness vs. Political Incorrectness. Dreh- und Angelpunkt viel zu vieler politischer Diskussionen.

Nochmal: Werden Kinder weniger rassistisch, wenn man ihnen das Wörtchen Igitt! verbietet und sie dazu zwingt, das Couscous schön artig runter zu würgen? Ändern solche Bestimmungen und Verbote irgendetwas am Denken der Leute?
Wie kann eine Behörde solche Vorschläge machen, obwohl sie keinen blassen Schimmer hat, ob es irgendetwas nützt?

Ach, bemüht euch nicht, ich ruf’ die Gedankenpolizei schon selber…

  1. paxx []
  2. Telegraph []






Bei allen Services (Mister Wong, Yigg, Infopirat etc.)
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12 Kommentare

  1. politik-blogs.ch

    links from TechnoratiRassistische Kinder & FondueverweigererPubliziert am 9. July 2008 im Blog «DER MISANTHROP»

  2. Christian Hoffmann

    Wieo kein Wort über die Initiative verloren? Ich habe diese doch ausdrücklich begrüsst.

    Das Buch sagt, dass auf eindeutig rassistische Vorfälle im Verantwortungsbereich der Aufsichtsperson reagiert und dass diese kritisiert werden sollten. Wow, welch Revolution!

    Aber bei dir ist ja scheinbar schon der Verzicht auf das Wort “Nigger” eine “Verkrüppelung von Redegewhohnheiten”. (Also nicht meiner, aber gut…)

    Das Buch sagt auch, dass man genau hinschauen sollte bei der Beurteilung von Vorfällen und Kinder nie attackieren sollte. Ist das etwa falsch?

    Davon abgesehen will niemand das Wort “Igitt” verbieten oder jemanden zum Essen zwingen. Aber das interessiert ja nicht - dich offensichtlich auch nicht. Es ist halt lustiger, und leichter, einen Strohmann zu verkloppen…

    “Wie kann eine Behörde solche Vorschläge machen, obwohl sie keinen blassen Schimmer hat, ob es irgendetwas nützt?”

    Der NCB ist keine Behörde. Aber das ist ja auch nur einer von diesen lästigen Fakten.
    Und was heisst, “etwas nützt”? Du glaubst nicht, dass ein einfaches “sowas sagt man nicht” bei einem Kind keine Wirkung zeitigt? Dann kannst du ja gerne ein antiautoritäres Gegenbuch verfassen, auf die Gefahr hin, dass dir in selbiger Weise irgendwelche Aussagen in den Mund geschoben werden, wie du es hier tust. Nunja.

  3. Sebastian

    Mein Problem bei dieser ganzen Angelegenheit ist erst einmal, dass eine rechtspopulistische Karikatur des Buches als journalistische Berichterstattung verkauft wird. Die Stoßrichtung des Spiegel-Stücks ist klar: Wir Europäer machen ein idiotisches Gehabe um Rassismus, den es gar nicht gibt. Dieses Topos ist nun einmal Bestandteil rechtsradikaler Diskurse (Disclaimer: Ich behaupte nicht, dass diese Zeitungen alle rechtsradikal seien, sondern “nur”, dass sie vorsätzlich oder fahrlässig ein Versatzstück rechtsradikaler Diskurse streuen und Desinformation betreiben).

    Ob dieses Buch gut ist bzw. was daran gut und was daran schlecht ist, ist eine andere Frage. Um diese zu diskutieren, müsste man es erst einmal zumindest annähernd richtig wiedergeben.

  4. Benjamin B.

    Sebastian:
    Ich interpretiere den Spiegel-Artikel nicht so, dass das Buch generell negativ dargestellt werden soll. Meines Erachtens stört sich der Journalist einfach an diesem kleinen Abschnitt, zum Rest äussert er sich ja gar nicht.

    Bezüglich der Stossrichtung: Zu behaupten, es werde manchmal Rassismus wahrgenommen, wo er gar nicht existiert, ist also rechtsradikal?

  5. Benjamin B.

    Christian:
    Ja, du, aber die von dir kritisierten Medien nicht. Denen ging es ja nie um die Initiative, sondern bloss um das kleine Zitat. Oder hast du Insiderwissen?

    Ich habe eine Frage: Auf rassistische Vorfälle soll reagiert werden. Wenn jetzt bei einem Kind, das Igitt sagt, Rassismus als Ursache festgestellt wird. Soll man - dem Bericht zufolge, deine Meinung ist mir aber auch genehm - das Kind jetzt weiterhin Igitt sagen lassen?

    Danke für die Info. Das NCB ist also keine Behörde, sondern eine Wohltätigkeitsorganisation.

    Wenn ich einem Kind sage “sowas sagt man nicht”, dann wird das Kind gewiss etwas daraus lernen. Nämlich, dass es dieses zu jenen Personen besser nicht sagt.
    Aber hat man was davon, wenn die Leute ihren Rassismus nicht mehr äussern? Ich meine nicht. Die Leute sind ja immer noch rassistisch.

    Wenn man was gegen Rassismus unternehmen will, dann ist - so meine ich - Political Correctness blosse Symptombekämpfung.

    Erklärungen und Fakten würden den Kern des Problems treffen, finde ich. Beim Kind also nicht ein plumpes “sowas sagt man nicht”, sondern erklären, wieso das Kind falsch liegt.

  6. Alarmschrei.de - Comments on PI setzt Standards

    Kramer auto Pingback[...] von Rassistische Kinder & Fondueverweigerer | DER MISANTHROP — 9.7.2008 um 20:42 [...]

  7. Christian Hoffmann

    @Benjamin: “Ja, du, aber die von dir kritisierten Medien nicht.”

    Achso - Missverständnis, weil da stand “von den Blogs”.

    “Ich habe eine Frage: Auf rassistische Vorfälle soll reagiert werden. Wenn jetzt bei einem Kind, das Igitt sagt, Rassismus als Ursache festgestellt wird. Soll man - dem Bericht zufolge, deine Meinung ist mir aber auch genehm - das Kind jetzt weiterhin Igitt sagen lassen?”

    Also dem Buch zufolge (ich kenne auch nur Ausschnitte) sollte man dann den Ausspruch nicht-konfrontativ problematisieren (”Warum sagst du das?” …) Ich finde das Beispiel mit dem Essen auch eher blöd, aber es ist halt nur ein Beispiel. M.E. soll an der Stelle gesagt werden: Schaut zweimal hin, wenn die Kinder etwas sagen. Ein “Igitt” ist eben NICHT per se rassistisch. Aber ein “Pfui, das ist Paki-Food, sowas esse ich nicht”, wäre schon eher bedenklich. Warum sollte der Kindergärtner dann nicht mit dem Kind über Essen und verschiedene Esskulturen reden?

    “Wenn ich einem Kind sage “sowas sagt man nicht”, dann wird das Kind gewiss etwas daraus lernen. Nämlich, dass es dieses zu jenen Personen besser nicht sagt.”

    Und das solche Aussagen eben nicht selbstverständlich sind (selbst wenn z.B. die Eltern sie äussern), sondern auf Widerspruch stossen. Damit ist m.E. schon einiges gewonnen.

    “Aber hat man was davon, wenn die Leute ihren Rassismus nicht mehr äussern? Ich meine nicht. Die Leute sind ja immer noch rassistisch.”

    Also das geht jetzt natürlich über den Fall des Kindergartens weit hinaus. Ich glaube nicht, dass man durch die Tabuisierung von Äusserungen eingefleischte Rassisten bekehrt. Aber das Leben der Betroffenen macht es sicher etwas angenehmer. Der wichtigere Punkt ist aber: Durch eine erkennbare Ablehnung rassistischer Äusserungen kann die gesellschaftliche Akzeptanz derselben reduziert und damit mittel- bis langfristig auch die Geisteshaltung zurückgedrängt werden. Das zeigt z.B. die Einstellung von Jugendlichen in den USA zu Schwarzen, Homosexuellen, Frauen oder Behinderten. Wenn die Kinder nicht mehr denselben Quatsch von sich geben, wie die Eltern, dann wurde sehr viel gewonnen.

    “Erklärungen und Fakten würden den Kern des Problems treffen, finde ich. Beim Kind also nicht ein plumpes “sowas sagt man nicht”, sondern erklären, wieso das Kind falsch liegt.”

    Also das trifft jetzt wieder beim Kind zu, klar. Wobei ja auch die Erklärung irgendwie PC wäre. Bei eingefleischten Rassisten bringen m.E. auch Erklärung und Fakten nichts.

  8. POLITISCH KORREKT » Misanthropische Irrungen und Wirrungen

    [...] im Ansatz kapiert haben, um was es in der Sache eigentlich geht. Eine schönes Beispiel dafür ist diese Seite. Dort las ich heute Morgen ganz erstaunt: Ya know, interessant ist, wie hartnäckig die [...]

  9. Benjamin B.

    Hm, da würde man meiner Meinung nach besser über Pakistani und Briten reden. Wie auch immer: Es macht einen Unterschied, ob man dem Kind bloss sagt: “Nein, sowas sagt man nicht.” oder ob man ihm erklärt, wieso man sowas nicht sagen soll. D.h. wieso man falsch liegt, wenn man’s trotzdem sagt.

    Du meinst, durch ein simples “sowas sagt man nicht” regt man die Kinder zum Nachdenken an?

    Klar, wenn man die gesellschaftliche Akzeptanz von Rassismus verringert, hat man schon viel gewonnen. Doch muss/kann man dies über die Sprachebene tun?
    Ist es nicht eher so, dass zuerst der Rassismus nicht mehr akzeptiert wird und danach Political Correctness kommt?
    Ich würde immer noch dazu tendieren, direkt auf die rassistische Denkweise einzugehen, nicht den Umweg über eine normierte Sprache zu gehen. Gerade Leute, die auf der Kippe stehen, reagieren wohl auf Fakten besser, als auf PC.

    Kann es sein, dass wir ein unterschiedliches Verständnis von Politischer Korrektheit haben? Unter PC verstehe ich, dass man nicht mehr Sachen wie Paki oder Neger sagt und Dinge wie LehrerInnen schreibt, nicht die generelle Ablehnung von Rassismus und Kollektivismus. Will meinen: Ist es politisch unkorrekt, wenn einer eine subtile rassistische Äusserung mit Hilfe von politisch korrektem Vokabular macht?

  10. Sebastian

    “Ich interpretiere den Spiegel-Artikel nicht so, dass das Buch generell negativ dargestellt werden soll.”

    Das finde ich erstaunlich. Der Titel geht bereits weit am tatsächlichen Sachverhalt vorbei und ist so formuliert, dass er Empörung hervorrufen muss. Auch ich, der Rassismus für ein ernstes Problem hält, würde mich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass Staatsbeamte mein Kind zu einem prophylaktischen Verhör bitten. Das ist es aber, was suggeriert wird, und das ist auch der Grund, warum die Geschichte von etlichen Zeitungen und Bloggern in ebenso empörtem Tonfall aufgegriffen wurde. Weiter geht es dann mit dem eingestreuten Hinweis auf die 18 Millionen Euro. Welchen anderen Zweck soll der haben, als die Leser gegen die Urheber des Maßnahmenkatalogs, nein, Buches, aufzubringen? Und wie ich schon schrieb, das Buch ist entgegen der Andeutung des Artikels nicht vom Staat finanziert.

    “Meines Erachtens stört sich der Journalist einfach an diesem kleinen Abschnitt, zum Rest äussert er sich ja gar nicht.”

    Und wenn man einen kleinen Abschnitt herausgreift, diesen überspitzt und den Rest weglässt, dann nennt man das eine Karikatur. Der Zweck der Karikatur ist es, das Karikierte lächerlich und/oder verächtlich zu machen.

    “Zu behaupten, es werde manchmal Rassismus wahrgenommen, wo er gar nicht existiert, ist also rechtsradikal?”

    Eigentlich finde ich, dass ich mich oben klar ausgedrückt habe, aber gut, ich sag es noch mal anders. Manche Ausländer sind kriminell. Das ist eine Tatsache, an der nicht zu rütteln ist und auch niemand rüttelt. Gleichzeitig ist es so, dass kriminelle Ausländer ein beliebtes Motiv rechtspopulistischer und -extremistischer Propaganda sind. Äußerungen über kriminelle Ausländer haben oft eine fremdenfeindliche oder rassistische Note, aber nicht immer und nicht zwangsläufig. Es hängt vom Ton ab, von der Rhetorik, vom Kontext, vor allem davon, worauf der Sprecher damit hinauswill und welche Deutung er nahelegt. Hier gilt dasselbe.

  11. Benjamin B.

    1&2: Hm, ich teile deine Wahrnehmung immer noch nicht. Aber danke für die Ausführungen. Ich will hier eigentlich nicht weiter auf die Intentionen des Journalisten eingehen, das würde mir zu spekulativ werden.

    3: Es hängt von der Intention des Sprechers ab. Doch die kennt gerade in den Grenzfällen nur er selber. Was tun?

  12. Rivva » PI setzt Standards « Alarmschrei.de

    Kramer auto Pingback[...] Rassistische Kinder & Fondueverweigerer [...]




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