Es ist verrückt, nach jahrelanger Kirchenabstinenz und einem Neuerwachen als Bright wieder einmal Kirchengeläut, Messegesang und eindringliche Liturgien zu hören. Bilder von Gläubigen, die in finsterer Nacht mit brennenden Kerzen in den Fingern ihrem Glauben Ausdruck verleihen, die niederknien vor dem Gekreuzigten. Verrückt deshalb, weil ich nicht eine Messe besucht habe, sondern mir bloss endlich einmal Richard Dawkins The Root Of All Evil angesehen habe. Und verrückt deshalb, weil diese Bilder in mir keine Befremden ausgelöst haben, sondern sich wie Kakao und Zimtweggen angefühlt haben. Teigige Geborgenheit. Urchige Vertrautheit.
Ich sollte es besser wissen. Doch selbst ich entkomme den kirchlichen Mechanismen nicht, die ich in jungen Jahren schon erfahren. Mechanismen, die zwar süss und zuckrig sind wie Zimtweggen, aber in letzter Konsequenz Verstand und Vernunft verhöhnen. Mechanismen, die perfekt darauf zugeschnitten sind, jungfräuliche (und auch angegraute) Hirne zu verführen und ihnen jegliche Aufklärung auszutreiben, um sie zu guten Soldaten des Glaubens zu machen.
Manchmal frage ich mich, wie wir Brights dagegen ankommen sollen. Gegen diese Seelenfänger, die sich so gut darauf verstehen, auf der Klaviatur der Moderne (Massenveranstaltungen, Entertainment und Drive-by-Glauben) zu spielen.
Die unglaubliche Eleganz und Schönheit der Wissenschaft ist auf unserer Seite, doch mag das reichen?
Wednesday, April 9, 2008 at 21:15
Thursday, April 10, 2008 at 0:31
Hallo Benjamin.
Meinst du nicht, dass du etwas übertreibst mit deinen radikalen Äusserungen gegen kirchliche Bräuche?
Glaube verhöhnt grundsätzlich nicht Verstand und Vernunft, denn jegliches Weltbild ist ein ebensolcher und so müsste eigentlich jegliches Ausleben einer Weltanschauung letztlich diese beiden Begriffe geistiger Existenz verhöhnen (die du gerade deshalb als Naturalist und Bright eigentlich für “nicht existent” erklären müsstest, statt sich ihrer zu bedienen).
Nein, so einfach ist das leider nicht.
Weiter weisst du mit Sicherheit, dass eine Kirchenzugehörigkeit bzw. ein Glaube sich nicht absolut gegen eine Aufklärung (Oha… was ein großes Wort in solche Sätze gepackt!) sträubt. Aufklärung bedeutet nicht verpflichtend eine Abkehr vom Glauben oder einer Religion. Hier geht es vielmehr um die Selbstbestimmtheit im eigenen Denken als das Rutschen von einer Gedankenideologie in eine andere.
Zuletzt (und das ist mir das wichtigste) ist das Wort “Soldat” im Kontext einfacher Kirchengängern mehr als unangebracht. Denn sie werden nicht kämpfen und sie werden nicht sterben. Sie dienen in keiner Armee und haben niemandem Folge zu leisten.
Im Übrigen möchte ich dich an unsere letzte Unterhaltung erinnern, indem ich dir sage, dass es sicher einige gläubige Menschen gibt, die meinen:
“Wie sollen wir denn dagegen ankommen.
Wir haben unseren überzeugenden Glauben, doch wird der reichen?”
Viele Grüße,
Pic.
Thursday, April 10, 2008 at 8:09
Zur Unangebrachtheit des Begriffs Soldat:
Er stammt - Überraschung, Überraschung - aus der Bibel. Im 2. Timotheusbrief steht:
Leide mit mir als guter Soldat Christi Jesu. Keiner, der in den Krieg zieht, lässt sich in Alltagsgeschäfte verwickeln, denn er will, dass sein Heerführer mit ihm zufrieden ist.
(Je nach Übersetzung steht ‘Streiter’ anstelle von ‘Soldat’, die militärische Referenz wird dadurch aber nicht abgeschwächt.
Die Heilsarmee in ihren schönen Uniformen beruft sich auf genau dieses Bild. Eins drauf geben natürlich noch die modernen Jesus Camps und andere selbsternannte Gotteskrieger.
Thursday, April 10, 2008 at 10:56
Thursday, April 10, 2008 at 22:15
Nun…
Lieber Andreas, du hast mich dazu gebracht, die Bibel nach 8 Jahren Besitz zum ersten Mal ernsthaft in die Hand zu nehmen. Und das auch noch, um sie zu verteidigen… Das ist regelrecht beschämend für mich, denn ich möchte mich ungern ganz auf eine Seite schlagen, sondern möglichst neutral verbleiben. (Natürlich sieht Neutralität von den extremen Standpunkten so aus, als sei sie es nicht. Und ich möchte auch nicht beschwören, dass ich es vermag, ganz neutral zu bleiben)
Du zitierst den zweiten Timotheusbrief (2.3) leider gänzlich ausserhalb des Kontextes. Nur weil etwas in der Bibel steht, heisst es nicht, dass es für alle Christen geltendes Gesetz ist (das ist meine Meinung!).
In dieser Textpassage spricht ein Paulus einen Timotheus an, der offensichtlich in missionarischer Tätigkeit unterwegs ist. Damit “kämpft” er natürlich! In diesem Kontext ist der Begriff “Soldat” oder auch “Streiter” (Wie auch immer) in meinen Augen berechtigt.
Jedoch ist es das nicht in Bezug auf “normale” Gläubige, die sich nicht als Priester oder sogar als Missionare verstehen. Solche, die einfach an einen christlichen Gott (im katholischen Sinn) glauben und sonst keine weitere “Aufgabe” in dieser Religion haben.
Eine Person, die an Ostern in die Kirche geht, trägt auch normalerweise keine Uniform. Jedenfalls habe ich dort noch nie jemanden der Heilsarmee oder ähnlichen Gruppierungen gesehen.
Zusätzlich gesagt sei, dass die Heilsarmee eine freikirchliche Bewegung ist und somit nicht zu den Religionen gehört, mit denen ich mich in den letzten Jahren beschäftigt habe.
Ich möchte dazu sagen, dass “Jesus Camps” und “Gotteskrieger” sich für mich jeglicher Grundlage entziehen und mit (in meinen Augen) anständiger Religion (und sozial vertretbarer Auslegung ihrer Grundlagen, sprich beispielsweise Bibel und Koran) nichts mehr zu tun haben. Das beeinhaltet natürlich auch die Fanatisten anderer Religionen.
Ich möchte dir dabei den Wikipediaartikel zu “Vorwärts Christi Streiter” ans Herz legen (mit der hoffentlich immer vorhandenen Skepsis Wikipedia gegenüber), der doch einige interessante Inhalte aufweist. Unter anderem, dass das “Lied” heutzutage in “deutschen Kirchengesangbüchern nicht mehr zu finden” ist.
Gegen eine solche Formulierung (”Soldaten des Glaubens”), die nach meinem Verständnis auch noch abfällig gemeint ist, wehre ich mich.
Ich möchte dabei erneut betonen, dass ich seit Jahren ein starker Gegner des Katholizismus im Speziellen und zur Zeit ein kritischer Beobachter jeglichen Gottesglaubens im Allgemeinen bin.
Wie bereits gesagt, versuche ich das ganze einigermaßen neutral zu betrachten.
Und das beeinhaltet auch eine Abwehr gegenüber aus meiner Perspektive unfairem Verhalten gegenüber der anderen Position. Das schließt ein sowohl ein Zitat aus der Bibel, das ohne Kontext einfach reflexionslos entnommen wird, als auch eine einseitige Einstufung (-> rel. Fanatisten) religiöser Menschen.
Ich wünsche dir, Andreas, einen schönen Freitag,
Pic.
Saturday, April 12, 2008 at 14:01
“Glaube verhöhnt grundsätzlich nicht Verstand und Vernunft, denn jegliches Weltbild ist ein ebensolcher und so müsste eigentlich jegliches Ausleben einer Weltanschauung letztlich diese beiden Begriffe geistiger Existenz verhöhnen”
Ein naturalistisches Weltbild bedingt keines Glaubens. Sonst müsste man wissenschaftliche Fakten zu Glaubensinhalten umdeklarieren. Doch welchen Sinn würde das machen? Dann würde man ja den Unterschied zwischen Wissen und Glauben verneinen. Doch dieser ist essentiell.
Vernunft… Ein schweres Wort. Und so subjektiv. Ich für meinen Teil sehe nicht, was vernünftig daran sein soll, blosse Behauptungen für wahr zu halten. Und genau um diese geht es ja beim Glauben.
“Zuletzt (und das ist mir das wichtigste) ist das Wort “Soldat” im Kontext einfacher Kirchengängern mehr als unangebracht. Denn sie werden nicht kämpfen und sie werden nicht sterben. Sie dienen in keiner Armee und haben niemandem Folge zu leisten.”
In diesem Kontext war das Wort rein metaphorisch gemeint. Ich wollte keineswegs eine Verbindung zwischen Kirchengängern und Gottesskriegern schaffen. Diese Zeiten haben wir glücklicherweise hinter uns.
Saturday, April 12, 2008 at 15:45
Hallo Benjamin!
Vielen Dank für deine Antwort. Vor allem, dass du “Soldat” nur metaphorisch gemeint hast, freut mich.
Zu den anderen beiden Dingen:
Natürlich sind wissenschaftliche Fakten kein “Glaube” in dem Sinn, wie es ein religiöser Glaube ist.
Das gesamte Weltbild jedoch bedingt sehr wohl eines Glaubens. Einer meiner Lehrer hat einmal gesagt: “Bis 4 Sekunden nach Entstehung des Universums kann die Wissenschaft alles erklären.”
Schön und gut, das kann ich mir vorstellen, es nachvollziehen. Doch was ist mit diesen vier Sekunden? Natürlich ist das nur eine unverbindliche Aussage eines Lehrers, der sicher nicht auf dem Stand aktueller Forschung ist. Jedoch habe ich bisher auch noch nichts gegenteiliges gehört.
Das Problem, das ich hier meine, ist aber, dass sich in diesem Gebiet auch die Wissenschaft nur noch theoretisch bewegen kann. Hier ist jeglicher Empirismus nicht mehr möglich und man kann lediglich aufgrund von vorhandener Materie auf frühere Zustände schließen.
Die Urknalltheorie zum Beispiel ist nunmal nichts als eine Theorie - und damit fällt sie (und jede andere nicht letztendlich bewiesene wissenschaftliche Theorie) in den Bereich der Behauptungen und damit auch des Glaubens.
Oder sehe ich das falsch?
Was Behauptungen der verschiedenen Religionen (Propheten, Gottes Sohn Jesus und viele andere) angeht, so stimme ich dir zu. Hier ist das ganze sehr schwierig zu betrachten und das (religiöser Glaube) würde ich hier auch einfach herauslassen.
Über Vernunft möchte ich mich auch nicht unterhalten. Das Wort ist mir noch zu diffus und hat meines Wissens mehrere absolute Bedeutungswandel hinter sich, die ich erst einmal verstehen möchte.
Jedoch bin ich mir sicher, dass ein Gottesglaube allgemein (ohne religiöse Aspekte) sehr vernünftig sein kann.
Viele Grüße,
Pic.
Sunday, April 13, 2008 at 11:02
Wie funktioniert Wissenschaft im Zeitraum von ein paar Sekunden nach dem Urknall?
Empirische Beobachtungen kann man da wirklich nicht machen. Da bräuchte man Zeitmaschinen.
Aber man hat gewisse Modelle, Formeln, etc., die sich im heutigen Universum bewährt haben. Die kann man dann auch auf die paar Sekunden nach dem Urknall anwenden. Zudem spielt die Mathematik eine wichtige Rolle. Und Experimente, mit denen man gewisse “Zustände” simulieren kann.
Na ja, am besten fragst du einen Astrophysiker. Ich habe absolut keine Kompetenz in dieser Frage. Aber ein Astrophysiker könnte dir schon etliche Beweise bringen.
Soweit ich weiss hat, die Wissenschaft derzeit noch Probleme, zu erklären, was unmittelbar beim Urknall passierte. Aber das heisst nicht, dass die Urknalltheorie falsch ist. Denn alle Beobachtungen des heutigen Universums deuten darauf hin, dass es einen Urknall gegeben haben muss. (http://de.wikipedia.org/wiki/Urknall)
Jeder wissenschaftlichen Theorie liegen jede Menge Beweise zugrunde. Das unterscheidet sie eben von einer schlichten Behauptung. In der Naturwissenschaft gibt es keine letzten Beweise, wie z.B, in der Mathematik, aber es gibt genügend andere Belege und Beweise.
Und wenn du mir jetzt noch erklären könntest, was du mit deinem letzten Satz genau meinst, wäre ich dir sehr dankbar.