Eigentlich wollte ich mich mit diesem Thema nicht näher auseinander setzen. Bundespräsident Pascal Couchepin würde sich dann schon entschuldigen, dachte ich. Dachte ich. Nun ist alles anders.
Couchepin wollte sich nicht entschuldigen. Will es immer noch nicht. Denn er hat ja keinen Fehler gemacht. Die Verleugnungsmaschinere wurde trotzdem im Gang gesetzt. Von wem auch immer.
Seit Freitag wissen wir dank dem unabhängigen und agendalosen Tagesanzeiger, dass Couchepins Aussage natürlich kein Vergleich zwischen Nationalrat Mörgeli und dem Schlächter Mengele gewesen ist:
Diesmal ist die SVP gar empört und Mörgeli gerne das Opfer. Doch gilt es zu relativieren: Couchepin hat nicht vorsätzlich eine Attacke geritten wie beim Duce-Vergleich im Wahlkampf. Er will auch keinen Witz gemacht haben. Er stand nicht in der Öffentlichkeit, sondern war im vertraulichen Rahmen einer Nationalratskommission. Und er hat schon gar nicht Christoph Mörgeli mit Josef Mengele verglichen.1
Lassen wir einmal die Gerüchte und die medial erzeugte Staatsaffäre beiseite und fragen uns: War es ein Vergleich oder nicht?
Werfen wir dazu einen Blick auf Couchepins Wortlaut:
Sonst kommt man zur Forschung des Doktors …hmm… ich musste mich nach seinem Namen erkundigen, weil ich glaubte, dass es Doktor Mörgele war, aber es war Doktor Mengele[teilweise grosse Heiterkeit], der Studien gemacht hat …2
Der Heiterkeit und dem Gelächter kann man entnehmen, dass seine Aussage zumindest wie ein Kalauer gewirkt hat. Kein feiner Zug von den anderen Sitzungsmitgliedern, über einen solchen Ausspruch zu kichern, aber um das soll es hier nicht gehen.
Das Protokoll zeigt uns jedenfalls, dass Couchepin nach eigener Aussage den genauen Namen des Schlächter-Doktors schon erfragt hatte. Somit hätte Couchepin ganz nüchtern “Doktor Mengele” sagen können und hätte nicht noch eine Anektode darüber einbringen müssen, wie er gedacht habe, der Doktor hiesse Mörgele und wie dies dann doch nicht der Fall gewesen sei, wie er nun wisse.
Kein Versprecher also. Sondern bewusst gewählte Worte. Ein Vergleich gewissermassen. Bleiben vier Fälle:
- Couchepin weiss nicht mehr, was er sagt. Wie ein kleines Kind platzt er mit idiotischen Bemerkungen heraus, ohne dass er sie für sich behalten könne. | Dies wäre sehr bedenklich für einen Staatsmann, der mit anderen Ministern und Präsidenten über brisante Themen diskutieren muss.
- Er wollte einen saumässig komischen Witz reissen. | Abgründiger Humor, kann ich da nur sagen. Absolut fehl am Platz, der Witz wie der Couchepin.
- Sein Hirn verwechselte die beiden überaus ähnlich klingenden Worte Mörgele und Mengele tatsächlich. Deshalb habe er sich bei seinem Banknachbarn nach dem richtigen Namen erkundigen müssen. | Erklärt die Intention für die Bemerkung nicht, liesse aber einige Interessante Rückschlüsse auf Couchepins Psyche zu.
- Die Aussage war bewusste Provokation und ein Seitenhieb gegen Mörgeli. | Eine ganz hässliche Sache und ein dringender Rücktrittsgrund. Nicht so sehr wegen dem Hahnenkampf, den Couchepin da aufführt, sondern wegen der scheusslichen Verharmlosung und der kaum vorhandenen Sensibilität.
Nun, abhängig davon, ob der jener befragte Nachbar, den Couchepin ins Spiel brachte, tatsächlich existierte, wird man den einen oder anderen Fall ausschliessen können. Unabhängig davon jedoch ist das Gebahren des Tagi-Journalisten Roland Schlumpf äusserst fragwürdig. Weder erschliesst sich einem, wie er darauf kommt, dass die Bemerkung keine Attacke war, noch nach welcher Logik er diesen Vergleich negiert. Dass die Affäre zum grossen Teil ein Medienkonstrukt ist, ein künstlich erzeugter Skandal, worin das eigentliche Problem liegt, scheint er nicht sehen zu wollen. Eine Entschuldigung von Couchepin fordert er ebenfalls nicht.
Nötig ist jene immer noch, nur wird sie dem Bundespräsidenten nicht mehr viel nützen. Er hat den Bogen überspannt, und der Tagi lässt deutlich Schlagseite erkennen.
Monday, February 11, 2008 at 5:31
Monday, February 11, 2008 at 12:06
An Szenario 3 glaubt wohl keiner, ich auch nicht. Deshalb ist es eigentlich nicht weiter von Belang. Trotzdem dazu eine kurze Korinthenkackerei: Das Verwechseln ähnlich lautender Worte passiert durchaus auch gesunden Sprechern hin und wieder. In der klinischen Linguistik nennt man es phonematische Paraphasie (im Gegensatz zur semantischen Paraphasie, bei der Wörter mit ähnlichen Bedeutungen velwechsert werden.)
Gehäuft kommt dies v.a. bei Personen mit Wernicke-Aphasie vor, bei Personen also, deren Sprachverständnis durch einen Hirnschlag oder anderweitig verursachten neuronalen Abbau eingeschränkt ist. Dies kann eine relativ isolierte Störung sein, ein Betroffener kann anderweitig sehr wohl “normal ticken”.
Ansonsten stimme ich natürlich Deiner politischen Diagnose “Absolut fehl am Platz, der Witz wie der Couchepin” voll zu.
Monday, February 11, 2008 at 17:38
Phonematische Paraphasie. Erwarte jetzt von mir nicht, dass ich mich morgen noch an das Wort erinnere. Ein interessanter Fakt ist es aber allemal. Das einzige, das ich halbwegs kennen würde, wäre der Freudsche Versprecher. Aber eigentlich sind mir die meisten Versprecher auch egal. Versprecher wohlgemerkt.
Nun, wie man so hört, will er nach seinem Präsidialjahr eh Schluss machen damit Bundesrat zu sein. Der Wind, der ihm von der SVP entgegen schlägt, scheint darüber hinaus jeden Tag noch frostiger und bitterer zu werden. Zu recht(?)…
Tuesday, February 12, 2008 at 18:19
Erwarte jetzt von mir nicht, dass ich mich morgen noch an das Wort erinnere.
Das wäre dann ein Fall einer Wortfindungsstörung, also dem typischen Phämomen einer amnestischen Aphasie
Freud hat in der modernen Neuropsychologie eigentlich keine Bedeutung - und das ist durchaus gut so.
Mit dem kurzen Exkurs in die klinische Linguistik wollte ich nur kurz deutlich machen, dass eine Sprachstörung noch keinen generellen Dachschaden impliziert. Oder anders gesagt: Nicht jeder Aphasiker hat es verdient, mit amtierenden Bundesräten verglichen zu werden.
Tuesday, February 12, 2008 at 20:31
Ich würd’s einfach schwaches Gedächtnis nennen.
Danke für den kleinen Exkurs. Es liegt mir natürlich auch fern, Aphasiker mit Couchepin zu vergleichen. Noch dazu, da ich bis gestern nicht wusste, dass es Aphasiker überhaupt gibt.
Und dito wegen Freud.