Minarette und veraltete Bundesverfassungspräambeln, mit Chilischoten

| Und dann geht die Diskussion los. Für und Wider Minarette, die Islamisten, das Kopftuch in den Schulen und das Kreuz an der Wand und wie hoch denn so ein Minarett sein dürfe und ob man es zulassen könne, dass es einen Kirchturm überrage und überhaupt der Untergang des Abendlandes und das Miteinander der Kulturen sowie, nicht zu vergessen, die Integration von Menschen mit Emigrationshintergrund.

Oh Gott - wie kann man sich eigentlich als Säkularisierter einen solchen Diskussion entziehen? Was soll man sagen, wenn man grundsätzlich gegen den zu Turm und Minarett gewordenen Machtanspruch aller Religionen ist?

arlesheim reloaded - Nieder mit den Minaretten|

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Man sollte die Präambel unserer Bundesverfassung («Im Namen Gottes des Allmächtigen! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung…») ändern in: «Im Namen des Humanismus! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Evolution…», dies zur Verhinderung unnötiger Konflikte.

Religion ist und bleibt Privatsache. In letzter Zeit wurden aber politische Entscheide durch diese Privatsache ungünstig beeinflusst. Alleine zur Gentechnik hatten wir drei Volksabstimmungen. Einmal mit bösem Ausgang, einem Moratorium als Strafe. Unterschwellig ging es um die Schöpfung aus der Präambel. Oft wurde mir vorwurfsvoll erzählt, Gentechnologen griffen in die Schöpfung ein.

Nun frage ich mich: Darf sich ein Staat von biblischen Vorgaben leiten lassen, deren Wahrheitsgehalt nie überprüft werden kann? Oder andersherum gefragt, soll ein Staat wissenschaftliche Erkenntnis negieren und einer religiösen Minderheit derart viel Platz in der Präambel verschaffen? Eine Verfassung sollte mehrheitsfähig sein. Die Schweizerinnen und Schweizer glauben aber gar nicht mehr an das Sechs-Tage-Modell der Schöpfung. Dies hindert die Religionsvertreter allerdings nicht, uns den siebten Tag inklusive seiner restriktiven Ladenschlusszeiten weiterhin als religiöse Züchtigung aufzuzwängen.

Der evolutionäre Humanismus böte Ersatz für die Religion als Grundlage in der Verfassung. Schliesslich verdanken wir ihm Errungenschaften wie die Menschenrechte, die Freiheit der Meinungsäusserung, die Gewaltenteilung, die alle mühsam den Religionen abgekämpft werden mussten.

beda m. stadler - Für eine neue Präambel|

Beda kann ich voll und ganz zustimmen, doch dass sich der Glaube aus der Politik jemals raushalten wird, ist nicht zu erwarten. Wie denn auch, wenn es immer Gläubige und Sektierer geben wird? Sobald jemand von einem religiösen oder esoterischen Weltbild überzeugt ist, durchzieht dieses sein ganzes Leben. Was dazu führt, dass er z.B. Gentechnik oder Schwule als Sünde empfindet, als etwas, das mit Stumpf und Stiel auszurotten ist. Ab jenem Zeitpunkt hat dann auch die Aufklärung keinen Einfluss mehr auf die Argumentation oder gar das Agieren des Gläubigen.
So wird das Leben, und mit ihm die Politik, immer bestimmt sein von irgendwelchen Weltbildern und Dogmas, wie lächerlich und unwahrscheinlich diese auch sein mögen.
Der Glaube ist immer stärker als die Vernunft. Dies zu vernachlässigen, wäre das Schlimmste, das ein Sakulärisierter, ein Liberaler oder ein Wissenschaftler tun könnte.







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2 Kommentare

  1. Siegfried

    Teilweise gebe ich Dir Recht. Aus gutem Grund haben wir heute eine Trennung von Staat und Kirche. Allerdings sollte man das nüchtern sehen und konsequent durchziehen, so weit möglich. Wenn man konsequent Alles, was nicht beweisbar ist, als Religion bezeichnet, dann wird man so manche Überraschung erleben. Auch die Nichtexistenz Gottes ist demnach eine Religion. Das würde also konsequenterweise bedeuten, dass der Staat auch nicht die Nichtexistenz Gottes zu seiner Grundlage machen darf. Und der Humanismus ist eine weitere solche Religion. Daher halte ich eine Verfassung für falsch, die irgendeine dieser Religionen als Grundlage für den Staat festschreibt. Anstatt in der Präambel Irgendwas zu schreiben in der Art “im Namen der was-weiss-ich-Religion” sollte ehrlicherweise eher etwas in der Art drin stehen: “Wir, die Verfassungsgeber, halten es aus diesne und jenen Gründen für richtig,…”.

    Da jeder Mensch notwendigerweise an Irgendwas glaubt, das nicht bewiesen werden kann, sollte man konsequenterweise die wie auch immer religiös motivierten Entscheidungen von Einzelpersonen respektieren, solange dadurch nicht Angehörige anderer Glaubensrichtungen beeinträchtigt werden. Eine gewisse Beeinträchtigung ist dabei wohl Systemimmanent, nicht zu vermeiden. Aber zumindest kann man diese gegenseitige Beeinträchtigung so gering wie möglich halten. Das jedenfalls wäre konsequente Trennung von Kirche und Staat.

  2. burnttongue

    Nun, das Festhalten an etwas, das nicht bewiesen werden kann, ist nicht unbedingt eine Religion, aber doch ein Glaube. Ich denke einfach, ein Staat sollte nicht aufgrund irgendeinrs Glaubens Entscheide fällen. Er sollte nüchtern betrachten, was für die Bürger auch langfristig das Beste ist, und nicht dies oder das tun, weil man das gerade aufgrund eines unbestimmten Gefühles oder einer Voreingenommenheit für richtig hält.

    Klar, dies ist schwierig und ziemlich langwierig, doch alles andere wirkt etwas willkürlich.
    Deinem Vorschlag zur Änderung der Verfassungspräambel würde ich sofort zustimmen. Mit der “Verantwortung gegenüber der Evolution”, wie Stadler dies formuliert, tu’ ich mich etwas schwer. Inwiefern wäre es auch sinnvoll, würde ein Staat Verantwortung für einen natürlichen Prozess übernehmen, auf den man nicht wirklich Einfluss nehmen kann?

    Du hast Recht, bei jedem Entscheid gibt es Gewinner und Verlierer. Gute Politik, finde ich, sollte die Entscheide so fällen, dass möglichst viele Bürger zu den Gewinnern gehören, aber auch die Verlierer nur geringe Nachteile erfahren oder bei einem anderen Thema wieder leicht bevorteilt werden.

    Desweiteren sollte sich ein Staat eher an moralischen Grundsätzen orientieren, denn an religiösen. Doch selbst die Moral ist subjektiv. Schlussendlich bleibt auch eine solche Art der Politik ein Herantasten an die richtige Lösung, doch wenigstens darf eine so handelnde Regierung einen Irrtum zugeben, und muss nicht auf die eigene Unfehlbarkeit pochen.




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