Das kleine Ferkel, das perfide Machwerk

Was ist bloss aus dem guten alten laizistischen Staate geworden?

Hat es ihn etwa gar nie gegeben? War er immer nur ein Gebilde meiner Träume?

Entweder dies, oder Deutschland hat in den letzten Jahren eine massive Verschlechterung erlitten. In Deutschland wie in der Schweiz politisieren einige Parteien - ziemlich grosse und altehrwürdige sogar - offen mit dem Christentum. Einige prominente Politiker fordern gar die Errichtung einer erzkatholischen oder stockevangelischen Theokratie. Kirchliche Gruppen und entsetzlich religiöse Politiker greifen zu Rechtsmitteln und gar der Antisemitismuskeule, wenn es ein Buch wagen sollte, Religionen als solche - und nicht etwa bloss deren extremsten Anhänger - zu kritisieren. So geschehen bei der Kinderbuchkrise.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart beantragte, das Buch “Wo bitte geht’’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel” von Michael Schmidt-Salomon und Helge Nynke strafrechtlich zu prüfen. Die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg kam nun zum Schluss, dass im kleinen Ferkel keine strafbaren Inhalte zu finden seien. Der Leitende Oberstaatsanwalt Ernst Wich-Knoten erklärte jedoch, das kleine Ferkel sei ein “perfides Machwerk in der Maske des religiösen Kinderbuchs”.

Blasphemisch ist das Buch also nicht. In jedem vernünftigen Staate ist die Justiz dazu verpflichtet, neutral und nüchtern zu entscheiden und sich auch sachlich zu äussern. Juristische Neutralität? Ha, brauchen wir doch nicht. Lang lebe die Willkür.

Am 6. März wird dann ein Gremium entscheiden, ob das kleine Schweinchen indiziert werden soll. Diesem ominösen Gremium gehören obskurerweise auch Vertreter der Kirche an. So viel zur Objektivität von rechtswirksamen Entscheiden.

Verletzt das kleine Ferkel religiöse Orientierungen und Gefühle?

Egal, wir sollten lieber damit beginnen, in Westeuropa liberale, laizistische, die Gewaltentrennung einhaltende Staaten zu errichten. In einem liberalen Staat gibt es jedoch etwas, das sich freie Meinungsäusserung nennt. Dazu gehört ein Grundstein einer jeden freien Nation: Pressefreiheit.
Doch diese geht scheinbar nur so weit, als dass die Religion nicht berührt wird. Gesinnungen kann man alle kritisieren, bloss die religiös motivierten und kirchlich organisierten nicht. Anhänger diverser kruder Weltanschauungen darf man ruhig rügen, werten und anfechten. Nationalsozialisten. Kommunisten. Anarchisten. Scientology-Groupies. Mormonen.
Erzkatholiken? Islamisten? Jüdisch Orthodoxe? Da kriegt man Probleme. Obwohl sie nicht realitätsnaher, humanistischer oder “besser” sind als oben genannte.

Verletzte ich weltanschauliche Gefühle, wenn ich den Konservativismus kritisiere? Oder den Neoliberalismus? Natürlich. Doch anders lässt sich keine Verbesserung erreichen.
Fortschritt ohne Kritik? Kann ein Ferkel denn fliegen?

Also, machen wir der Sonderstellung von Kirche und Religion ein Ende und beginnen damit, die Aufklärung ins einundzwanzigste Jahrhundert zurück zu bringen!

brights - Nur ein “perfides Machwerk”







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6 Kommentare

  1. politik-blogs.ch

    links from TechnoratiMeinungsfreiheit - Das kleine Ferkel, das perfide MachwerkPubliziert am 18. February 2008 im Blog «DER MISANTHROP»

  2. Andreas Kyriacou

    Immerhin sind die Kommentare nicht nur bei den Brights recht eindeutig. Auch im online-Portal Der Westen, das verschiedene Zeitungen aus dem Rhein-Isar-Gebiet umfasst, zeigt man sich wenig erfreut über die Vermengung von Privatmeinung und juristischer Urteilsfindung.

    Schade nur, dass das Ferkelbuch bei Amazon nicht mal mehr unter den top 50 figuriert. Zwischendurch wars auf Platz 1.

  3. Benjamin B.

    Diese Kommentare beim Westen beruhigen mein aufgeklärtes Herz ungemein. Schön, dass es auch noch andere so sehen wie ich.
    Beunruhigend hingegen - und das fällt mir jetzt erst auf -, dass in der Schweizer Presse praktisch nichts über die Kinderbuchkrise zu lesen war. Die Schweizer Presse, die sonst bei jeder steifen Brise Zeter und Mordio schreit. Zum Beispiel der Tagesanzeiger, dessen Journalisten und Kommentatoren und Essayisten sich mit ungeheurer Ausdauer über etwas ereifern können. Doch die Rückkehr des Blasphemieverbots scheint die “Schurnis” nicht zu kümmern.

  4. Andreas Kyriacou

    Beunruhigend hingegen - und das fällt mir jetzt erst auf -, dass in der Schweizer Presse praktisch nichts über die Kinderbuchkrise zu lesen war

    Nun, das ist wahrscheinlich zumindest für die Zürcher Postillen etwas viel verlangt, schliesslich hat das hiesige kantonale Parlament vor einem Jahr in seltener Friede-Freude-Eierkuchen-Übereinstimmung das Schulfach “Religion und Kultur” feierlich gutgeheissen. Die warnenden Worte der Grünen Esther Guyer, dass das Fach nicht dazu führen dürfe, dass sich Kinder aus einem nicht-religiösen Umfeld unter Druck gesetzt fühlten, fanden nicht mal Eingang ins Ratsprotokoll der NZZ.

  5. Intelligent Design - not the fittest « Brights - Die Natur des Zweifels

    Kramer auto Pingback[...] Kommentare akrem on Der Entstehung allen Lebens au…sfrang on Der Entstehung allen Lebens au…DER MISANTHROP Blo… on Nur ein “perfides Machwe…Rudi on Irrt die Physik?Rudi on Nur ein “perfides [...]

  6. Benjamin B.

    Das Verhalten der Presse und auch etlicher Politiker beunruhigt mich gottlos.




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