Integration - Erst die eigene Kultur überwinden, dann die andere annehmen

Dubai. Faszinierender Brennpunkt zwischen Ost und West. Flaggschiff des Orients. Die Luft dort so schwanger mit Weihrauch wie mit multilingualem Sprachgewirr.

Nur schon einnmal dorthin zu gehen. Ein kurzer Ferienaufenthalt. Wenn’s hochkommt ein paar Monate dort zu arbeiten.
Dort leben könnte ich nicht. Zu fremd die Kultur, zu ungewohnt die Sitten. Ich könnte mich unter Umständen, damit zufrieden geben, in einer grosszügigen Villa herumzuliegen und durchs Internet zu streifen, wohlgemerkt, wenn ich zusammen mit Westlern hausen würde. Nur dann und wann hinausgehen, um etwas Frischluft zu schnappen oder ein bisschen shoppen zu gehen. So liesse sich leben.
Doch was wäre ich für ein Gast oder gar ein Bürger der Vereinigten Arabischen Emirate, wenn ich mit keinem Einhemischen je sprechen würde?
Kein guter, deshalb könnte ich mich in einem fremden Land längerfristig auch nur dann wohlfühlen, wenn ich einigermassen integriert wäre. Einsam abgeschottet dahinzufaulen beliebt mir nicht. Doch möchte ich mich integrieren, so müsste ich zuerst meine eigene Kultur abstreifen, um anschliessend die andere anzunehmen, mich ihrem Wertekatalog zu verpflichten. Auch dürfte ich nicht verlangen, Bräuche und Kultur hinterher geworfen zu bekommen, ich müsste mich schon aktiv um die Integration bemühen.

Dies wäre auch selbstverständlich, werden mir sicherlich viele beipflichten. Wenn’s um Einwanderer in die Schweiz geht, sieht das dann wieder ganz anders aus. Ein jeder solle seine eigene Kultur ausleben können, unabhängig davon, wo er sich gerade aufhält. Verstösse gegen unsere Sitten sind harmlos, die Immigranten können’s ja nicht besser wissen.

Lange Zeit bestimmte Kulturrelativismus die politische wie wissenschaftliche Spielbühne. Auszusprechen, dass gewisse Kulturen für bestimmte Dinge geeigneter sind als andere, war eine politsche Unkorrektheit sondergleichen. Dass Integration nur dann gelingen kann, wenn erst die eigene Kultur eingeäschert wird, um dann den Wertekanon der neuen zu übernehmen, erscheint auch heute noch vielen als verabscheuenswerte Vorstellung.

Pragmatischer Realismus ist auch heutzutage nur selten anzutreffen. Umso erstaunter war ich, als sich das Magazin auf einen Artikel von Siegfried Kohlhammer beruft und in ihrem Bericht über erfolgreiche, gut integrierte Albaner zum Schluss kommt, dass

“…es kein Zufall ist, dass sich die erfolgreichen Albaner weit gehend daraus [aus einer traditionalistischen Patriarchenkultur, die mangels staatlicher Institutionen zur Selbstjustiz neigt] verabschiedet haben – und ebenso aus der Religion als (kleinem) Teil dieser Kultur. Alle sieben Gesprächspartner sind ursprünglich Muslime, doch niemand von ihnen hält sich im Alltag an die Pflichten des Islam. Sie denken nicht einmal daran. Diese Leute glauben weniger an den Propheten, aber umso mehr an sich selbst.”

das magazin - Ich bin jung, ich bin erfolgreich, ich bin Albaner.
der misanthrop - Integration: Die Kultur als entscheidender Faktor I/II
der misanthrop - Integration: Die Kultur als entscheidender Faktor II/II
siegfried kohlhammer - Kulturelle Grundlagen wirtschaftlichen Erfolgs







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2 Kommentare

  1. Siegfried

    Ich sehe das eher umgekehrt: Erst die eigene Kultur und Identität akzeptieren und respektieren, erst danach ist man in der Lage, eine andere Kultur zu respektieren. Ich habe 2 Jahre in Rio de Janeiro gelebt und gearbeitet. Vielleicht ist die Kultur dort nicht so extrem unterschiedlich zu unserer hier, aber doch reichlich unterschiedlich. Mir hat es keine Probleme gemacht, dort als Deutscher mit deutscher Kultur und einem deutlichen deutschen Akzent in der Sprache auch Brasilianische Freunde zu haben. Sie handhaben manche Dinge anders. Also ist man dort in manchen Dingen eben ein Exot. Na und? Die eigene Kultur muss nicht immer besser sein, oft genug stellt man fest, dass diese andere Kultur durchaus ihre Stärken hat. Aber man stellt auch genausogut umgekehrt fest, dass die eigene Kultur gegenüber der fremden durchaus auch Stärken hat. Optimal ist es, wenn man sich aus beiden Kulturen das Beste herauspicken kann.
    Nur all Das setzt nicht die Überwindung der eigenen Kultur voraus, sondern deren Akzeptanz. Eine Akzeptanz als Bestandteil und Grundlage der eigenen persönlichen Identität.

  2. Benjamin B.

    Es geht mir nicht darum, ob man ein Exot ist oder nicht, ich möchte eher sagen:
    Wenn man in ein Land geht mit einer anderen Kultur und Teile der eigenen Kultur der anderen widersprechen, sollte man aus Respekt vor den Leuten eben jene Aspekte der eigenen Kultur dahingehend ändern, dass sie kompatibel sind mit der neuen Kultur.

    Anpassung an neue Bedingungen, könnte man es auch nennen.




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