Jan hält einen wichtigen Unterschied zwischen rechts/links einerseits und liberal andererseits fest. Wichtig auch deshalb, weil für viele die Politlandschaft bloss aus den Polen Links und Rechts besteht. Die Zweidimensionalität, die von Liberalen und Konservativen hinzugefügt wird, wird selten mal wahrgenommen. Und wenn, dann wird die jeweils präferierte Variante der eigenen Partei zugeschanzt. Dann gibt es solch komische Situationen wie SVP-Abspaltungen, die sich liberal nennen. Oder die SP, die auch liberal sein will. Geschweige denn von den Protektionisten in der FDP. Aber eben, der wichtigste Unterschied zwischen liberal und links/rechts besteht darin, dass die einen individualistisch sind, die anderen kollektivistisch. Aber lest selbst:
* Bei Linken und Rechten stehen immer die Menschen und nie der Mensch im Mittelpunkt, wie es bei liberalen Argumenten normalerweise der Fall ist. Es wird alles an einer bestimmten Norm orientiert, während Liberale eher dazu neigen, die jeweilige Norm durch die Menschen selbst festlegen zu lassen.
* Linke wie Rechte haben ihre “Moraluniversen”, an denen sie bestimmte Entscheidungen und Positionen orientieren. Liberale haben natürlich auch ihre Moralvorstellungen, richten aber Politik nicht daran aus, sondern gestehen jedem seine individuellen Vorstellungen zu, argumentieren aber eher abstrakt und sachlich, statt bestimmte Dinge mit einfachen Attributen wie “gerecht/ungerecht” oder gar “sozial/unsozial” zu versehen und daraus weitere Schlüsse abzuleiten.1
Monday, June 9, 2008 at 21:15
Monday, June 9, 2008 at 23:38
Man kann rechts-neutral-links auch anderst definieren.
rechts = wirtschaftsfreundlich, demokratisch, regierungskritisch und patriotisch
liberal = wirtschaftsfreundlich, weltoffen und individualistisch
links = staatsgläubig, umverteilungsfreundlich, kollegial, sozial und kollektivistisch
Dazwischen gibt es unzählige Grauzonen wie z.B. rechtsliberal, linksliberal, grünliberal usw.
Tuesday, June 10, 2008 at 6:39
@Alexander
Deine Definition von rechts ist ein nettes Selbstbild, hat mit der Realität aber wohl nur wenig gemein. Den Patriotismus lass ich Dir unbesehen durch, aber…
“wirtschaftsfreundlich” stimmt wohl nur, wenn damit lobby-freundlich gemeint ist. Parallelimporte zu verbieten ist volkswirtschaftlich gesehen Mumpitz.
“demokratisch” stimmt auch nur, wenn Du damit Aushöhlung der Gewaltentrennung meinst. Du erinnerst Dich wohl ausserdem daran, welche Seite so lange sie konnte, versuchte das Frauenstimmrecht zu verhindern und heutzutage gegen das Ausländerstimmrecht wettert.
“regierungskritisch”: ??? Welche Seite nochmals winkt repressive Polizeigesetze durch und findet’s irgendwie sexy, den öffentlichen Raum mit Überwachungskameras auszustatten?
Tuesday, June 10, 2008 at 14:43
Ich habe kurz vor den Wahlen dieses staatlich verordnete Broschüre angesehen: Dort ist die SP durchaus “so halbe” liberal, die SVP konservativ, die EDU am konservativsten, vorher kommt noch die EVP. Am liberalsten sind CVP (also tatsächlich die christliche (!) Mitte und FDP, danach SP. Liberalität war dort aber, wieviele Gesetze die Partei wollte bzw. wieviel sie verbieten wollte.
@ Alex: Objektivität scheint nicht deine Stärke zu sein.
Tuesday, June 10, 2008 at 15:20
@Düsterkeit
Was war das für eine Broschüre? Würde mich interessieren, wie die Grünen platziert waren.
Tuesday, June 10, 2008 at 16:16
@Düsterkeit: Würde mich auch für die Broschüre interessieren. Zuerst aber eine Frage: Eine Partei war je liberaler, je weniger Gesetze sie wollte, verstehe ich das richtig?
Wenn ja, dann bin ich ehrlich erstaunt über das schlechte Abschneiden der SVP. Immerhin wettern die auch nicht allzu selten gegen neue Gesetze und sagen zumindest, sie wollen einen schlanken Staat. Entweder habe ich da etwas falsch verstanden oder sie sagen das eine und tun das andere.
Tuesday, June 10, 2008 at 16:19
@Andreas: Du hast vollkommen recht hier.
(Auch wenn ich es schätze, dass sich die Rechten teils auch für einen ausgeprägte direkte Demokratie und starken Föderalismus einsetzen. Es versteht sich von selbst, dass Föderalismus aber nicht immer förderlich ist.)
Tuesday, June 10, 2008 at 16:24
@Alexander: Kollegial und sozial sind nicht unbedingt Adjektive, die ich benutzen würde, um politische Richtungen zu beschreiben. Dafür sind es zu subjektive Begriffe. Sozialistisch würde vielleicht besser passen…
Hm, Andreas, was würdest du meinen?
Tuesday, June 10, 2008 at 16:57
@ Andreas: Die Grünen waren, wenn ich mich recht erinnere, weniger links als die SP, aber dafür konservativer.
Wir haben sie von unserem Geschichtslehrer bekommen, sie ist vom Staat selbst. Du konntest sie sogar online bestellen: http://www.sta.be.ch/site/index/sta-startseite/wahlenabstimmungen/wahlenabstimmungen-wahlen07/wahlenabstimmungen-wahlen07-hintergrund.htm
Aber es scheint nicht mehr zu funktionieren.
Tuesday, June 10, 2008 at 23:35
@Düsterkeit
Hab sie gefunden - und erinnere mich nun wieder an sie, war ja Beilage zu den Wahlzetteln.
Die Positionierung auf (wenigstens) zwei Dimensionen auszuweiten, ist sehr sinnvoll. Nur ist liberal-konservativ ein etwas merkwürdiger Gegensatz. Eigentlich müssten es separate Achsen konservativ-fortschrittlich und liberal-repressiv sein.
Bei der Fortschrittlichkeitsachse kommt die Schwierigkeit dazu, dass nicht immer einfach zu bestimmen ist, was denn nun vor- und was rückwärtsgerichtet ist. Beispiel Gentechnologie in der Landwirtschaft: Ist deren Hinterfragung per se ein konservativer Akt oder ist das Einstehen für eine Landwirtschaft, die zur Biodiversität beiträgt (und damit weniger auf grosse Monokulturen ausgelegt ist) nicht ebenso fortschrittlich? Wie schaut’s bei den AKW aus? Sind die wahren Konservativen nicht diejenigen, die weiterhin auf eine Technologie setzen, die ihr Entsorgungsproblem nach wie vor nicht gelöst hat und die auf einer bald zu Neige gehenden Ressource basiert? Auch hier ist’s schwierig, eine neutrale Wertung für Fortschrittlichkeit zu finden.
Die Geschichte ist aber wohl ohnehin noch vertrackter. Individuelle und unternehmerische Freiheiten muss man ja nicht unbedingt gleich gewichten, wenn sie auch nicht gänzlich voneinander zu lösen sind. Als KMUler (lies: Inhaber einer Kleinstklitsche) bin ich froh, dass ich im Vergleich zu Deutschland relativ wenig Papierkram erledigen muss, das macht mich dann natürlich auch als Einzelperson freier. Ich möchte aber aus dem Staat nicht gänzlich Gurkensalat machen und finde es auch wichtig, dass es Regelungen zu Umweltschutz, Arbeitnehmerschutz usw. gibt. (Und ich bin durchaus bereit, dafür was zu zahlen - aber nicht für die neuen Militärflieger…)
Was die wirklich individuellen Freiheiten anbelangt, hab ich wohl gerne deutlich weniger Staat als der Durchschnitts-SVPler. Ich fühle mich jedenfalls nicht wohliger in einer Gesellschaft mit Überwachungskameras, Ausgeh- und Rayonverboten und dergleichen mehr.
Was macht mich das nun? Fortschrittlich-links-liberal? Jedenfalls nicht zum Exoten bei den Grünen.