Kollektives Schuldeingeständnis oder Manchmal herrscht der Zufall

Ein gar wunderliches Verhalten legen bisweilen mir langjährig bekannte Gesichter an den Tag. So wieder gestern geschehen, als mir eine zwar nicht nahe stehende, aber doch etwas vertraute Person erklären möchte, ich sei am Tode jenes kleinen chilenischen Kindes schuld, das heute ganz sicher gestorben ist.

Meine verdutzte Frage, inwiefern mein zwar globalisiertes, aber doch nicht in jeden Haushalt und ganz sicher nicht bösgläubiges Agieren den Tod eines anderen, etliche hundert Meilen von mir entfernten Menschen hervor gerufen haben soll, wurde darauf hin glatt überhört.

Dafür durfte ich mir - mir! ich, der sich selbst manchmal gar einen Kaptialisten und Materialisten - in manchen Kreisen eine Todsünde und Beweis für einen gar grässlichen und zutiefst verabscheuungswürdigen Charakter - und der fern davon ist, bedauernswerten Irrtümern von sektiererisch tätigen Personen zu lauschen - anhören, dass nicht spezifisch meine Gedanken, aber doch die eines jeden, der nicht 24/7 für das Gute [sic!] betet, das Elend der Welt fördern. Die daraufhin nicht von mir verlangte, aber doch vorgetragene Begründung tat ich meinen Gemüt nicht an, sondern liess meine Gedanken mal dorthin mal dahin schweifen. Ich gebe ja schon zu, dass ich ab und an zur Oberflächlichkeit tendiere - die ich jeweils sofort dahingehend interpretiere, dass mein Sinn fürs Ästhetische halt so gross ist, dass die Auswirkungen hin und wieder Menschen treffen können - eine Begründung, die den Intellektuelleren rasch einleuchtet und durchaus verständlich ist. Man mag ja, so klopfen sie mir väterlich und gönnerisch auf die Schulter, auch nicht sein ganzes Leben neben einem Ungesicht aufwachen. Äussere Schönheit, so fügen sie jedoch immer und manchmal etwas gar hastig an, bedinge jedoch auch einem frohen, lieblichen und guten Inneren, sonst sei das noch so hübsche Antlitz meine Hingabe nicht wert. Ich erwidere in solchen Situationen jeweils nicht, dass ich mir durchaus Situationen vorstellen kann, in denen es bloss einem flotten Aussehen bedingt, sondern nicke bedächtig und falte meine Hände. Denn, so musste ich feststellen, in den von mir bevorzugten Kreisen herrscht noch immer die Irrlehre, ein Raum voller hübscher, aber mit Geisteswitz nicht geschlagenen Mädchen könne mir doch nicht zusagen, ja, sich darin auszuhalten wäre moralisch zutiefst verwerflich und enorm oberflächlich. Meine Lebensphilosophie, die Ästhetik meines Umfelds zu maximieren, widerspricht jenen humanistischen Gedanken jedoch sehr, so dass ich noch nie Stellung bezogen habe, wenn sich eine Diskussion in diese thematischen Gegenden verlagert hat. - doch, dass gewissermassen auf jedem eine universelle Schuld laste, erscheint mir doch etwas weit hergeholt zu sein.

Selbst unter Personen, die keineswegs gläubisch oder esoterisch argumentieren, ist die Vorstellung einer Kollektivschuld hiesiger Kreise weit verbreitet. Zwar griff ich letztgenannte Problematik schon das eine oder andere Mal auf, doch angesichts des angeschnittenen Themas, bin ich gewillt, mich noch einmal in bodenlose Gefilde vorzuwagen. Die lieblos Sozis betitelten Personen, bürden mir immer eine Urschuld auf, wenn ich mich auch nur leicht positiv zur Globalisierung äussere. Der Kolonialismus, pflegen sie auszustossen, und überhaupt, unser ganzer Wohlstand basiert auf dem Leid anderer. Während sie weiter moralisieren, gebe ich mich zufrieden mit der Erkenntnis, wie realitätsfern und perspektivenlos mein Gegenüber doch spricht.

Doch wenn ich unten verlinkte Texte lese, resp. die darin behandelten Vorfälle, kann ich mir ein Kopfschütteln selten verwehren. Es wird mir dann jeweils wieder schlagartig bewusst, wie unfrei und von alten, heute längst als falsch bekannten Gedankenkonstrukten die einen, wie die anderen denken. Mir kräuselt es geradezu die Zunge, wenn jemand den Zufall als unwahr und überhaupt unwichtig für das Werden und Vergehen allen Daseins bezeichnet.

daylight atheism - A World in Shadow V
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