Vielleicht hat mein Drang zu schreiben mit meiner Furcht vor dem Tod zu tun. In spätestens einem Jahrhundert wird jegliche Spur meiner physischen Existenz vom Antlitz der Erde getilgt sein, ein halbes Jahrhundert später folgen mir die letzten Erinnerungsfetzen in mein kaltes Grab. Möglicherweise werde ich als Fussnote in einem Geschichtsbuch stehen. Doch ins kollektive Gedächtnis schaffen es nur Kaiser und Diktatoren, nebst einer handvoll erlesener Wissenschaftler. Sektenprediger möchte ich auch nicht werden, nur damit man noch Jahrtausende später meine Geburt feiern wird. (Zumal meine Worte durch die Münder hunderter Groupies gingen und dadurch ihrer Athentizität beraubt würden.)
Doch wieso überhaupt in die Geschichte eingehen wollen? Nun, es ist schwierig für einen Menschen, die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren. So versuche ich, zumindest meinen Wirkungsbereich auf die paar Jahrzehnte nach meiner unmittelbaren leiblichen Existenz auszudehnen. Ich möchte überleben - da ich dies vermutlich weder als fleischlich-androides Wesen noch als digitale Kopie auf einem Grossrechner tun werden kann, muss ich mir ein Erbe schaffen, das die menschliche Spezies prägen wird.
Eine Dynastie reichte für den Anfang, doch alle grossen Familien gehen einmal unter. Deshalb die Hoffnung, dass mein literarisches Schaffen den Sprung ins kollektive Gedächtnis vollbringen wird. Doch das Ende ist gewiss. Selbst die Ewigkeit einer Galaxie wird einmal vergehen, die Menschheit wird schon Jahrmilliarden vorher zur Asche zurückkehren.
Der Untergang ist uns allen gewiss, spielt es da also eine Rolle, ob man sich meiner noch in 379 Jahren erinnern wird? Eigentlich nicht - das Glück will ich zwischen meinen Finger halten können wie eine Feder aus Zuckerguss. The Pursuit of Happiness. Das ist alles. Und doch würde ich mein Hirn auf einen Rechner runterladen, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte. [Fundamentale Irrationalität des Menschen.]
Ich atme zögerlich aus, als sich das trübe Sonnenlicht in meiner Iris bricht und mein Blick über die glitzernd aschgrauen Häuserkuppen schweift. Die Luft der schönen neuen Welt anno domini 2284 schmeckt merkwürdig süsslich. Ich blinzle, versuche meine Augen zu fokussieren. Es gelingt mir nicht richtig. Blut nippt an meiner Zunge. Salzig und schwer…
February 7, 2008