Die Würde der Petersilie

In der Schweiz halten wir es so, die Würde der Kreatur in der Verfassung zu verankern. Nicht nur herzige Lämmchen und knuddelige Eisbärchen haben Würde, sondern jegliches Getier, und Pflanzen. Yep, die Petersilie, die du vorhin in dein Essen gestreut hast, hat eine Würde. Genau wie Orchideen, Grashalme, Pusteblumen und Unkraut. Zu diesem Schluss kommt unsere Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Aussenhumanbereich (EKAH). Es besteht somit, so die Ethiker, ein Schutz der Biodiversität, ein Schutz der Art und ein Schutz der Würde der Pflanzen.

Bevor jetzt die militanten Distelschützer Treibhäuser (KZ für Tomaten) in die Luft jagen, die Forderung der Ethikkomission etwas genauer:

“Der Bericht der Kommission diskutiert, welche ethischen Positionen eine moralische Berücksichtigung von Pflanzen um ihrer selbst Willen zulassen und was diese für einen ethisch gerechtfertigten Umgang bedeuten. Damit Pflanzen um ihrer selbst Willen geschützt werden können, müssten sie einen Eigenwert und eigene Interessen haben.

Die Würde der Kreatur gelte auch für Pflanzen, argumentiert das Gremium, daher sei eine willkürliche Schädigung von Pflanzen moralisch nicht zulässig. Eine Mehrheit fand auch, eine vollständige Instrumentalisierung von Pflanzen sei rechtfertigungspflichtig.”1

Was ist das für eine groteske Scheisse? In was haben uns da Neohippies, Baumfreunde und Christenleute bloss hineingeritten?

Nun, an solchen Beschlüssen merkt man, das manche Leute einfach mal aufgehört haben zu denken.

1. Wir Menschen sind Tiere. Wir sind nichts Besonderes, bloss irgendein Produkt einer unzielgerichteten Evolution. Zufall, sozusagen. Wir sind irgendein Ästchen am Baum der Evolution, genau wie die Küchenschabe, die Nacktschnecke und der Löwenzahn. Der einzige Unterschied besteht aus ein paar Genen, die das Lebewesen anders formen und andere Funktionen und Fähigkeiten herausbilden.

2. Wir sind an und für sich wertlos. Kein Gott, der uns einen Wert und eine Würde schenkt. Kein Sinn.

3. Das ist keine Aufforderung zur Ausbeutung von whatever, aber die humanistische Ethik dürfte ja bekannt sein. Auch bekannt müsste sein, wieso sich ein Rationalist eben gerade gegen Ausbeutung wendet.

4. Es bedeutet bloss, dass wir nicht besser, oder höher oder was auch immer sind. Komplexer als ein Schneeleopard dürften wir auch nicht sein. Nicht einmal komplexer als ein Tintenfisch. Desweiteren ist Komplexität nicht gut, auch nicht schlecht. Sondern eine Folge von Anpassung an die Umwelt. Einfachheit bringt manchmal auch essentielle Überlebensvorteile.

[Verflucht, Evolution ist zwar gerade noch beliebter als das Schöpfungsmärchen, aber niemand scheint sich der Bedeutung der Evolution klar zu sein.]

5. Unmoralisch ist es, unnötiges Leid zu verursachen. Deshalb der Tierschutz. Nichts wegen Würde oder göttlichem Segen oder Seelenexistenzen.

6. Und das ist der Unterschied zwischen Säugetieren, Pilzen, Bakterien und Pflanzen. Einzig erstere verspüren echtes Leid. Bei den anderen fehlt ein Nervensystem. Die können zwar auf Umweltbedingungen reagieren, doch bezüglich Leiden ist Fehlanzeige.

So what? Lassen wir einfach den Humanismus greifen und kümmern uns um die wichtigen Angelegenheiten.

Oder wir debattieren darüber, ob ein Virus oder eine Ansammlung Aminosäuren auch ein Lebewesen ist. Und somit eigentlich eine Würde besitzen würde. Denn die Übergänge zwischen Leben und lebloser Materie, die sind fliessend. Wie jeder weiss, der ein bisschen Ahnung von Naturwissenschaft hat.
Ja, vielleicht unterrichten wir in den Schulen ein wenig mehr Biologie und Biochemie und vermitteln die einzige wissenschaftliche Weltanschauung: Den Naturalismus. Dann entledigen sich solche Diskussionen von Petersilienwürde von selbst.

  1. tagesanzeiger - Pflanzen zu schädigen ist unmoralisch []






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8 Kommentare

  1. politik-blogs.ch

    links from TechnoratiDie Würde der PetersiliePubliziert am 14. April 2008 im Blog «DER MISANTHROP»

  2. Jochen Hoff

    Was erschreckt dich an der Würde der Petersilie? Meine Kinder haben immer viel Spaß wenn wir welche Aussäen und ihr Wachstum beobachten. Zum guten Schluß wird sie radikal aufgegessen. Aber sie wird nicht mutwillig zerstört.

    Wir werden auch nicht durch Gentechnik eine Petersilie schaffen, die zwar jede Menge Chemie verträgt, uns vergiftet und nach Scheiße schmeckt. Das ist eben mit der Würde der Petersilie nicht vereinbar.

    Zuviel Würde für die Petersilie. Kommt auf den Maßstab. Bei der Würde die heute dem Menschen und vor allem dem anderen oder gar andersdenkenden Menschen zugebilligt wird, mag das sein. Aber wäre es dann nicht besser dem Menschen mehr Würde zu geben, als der Petersilie die Würde des sinnvollen Gebrauchs zu nehmen?

    Für dich vielleicht nicht. Mir ist es eine Überlegung wert.

  3. Andreas Kyriacou

    Disclaimer: Ich bin faul und kopier hier unverändert einen Kommentar, den ich schon bei arlesheimreloaded.ch geschrieben habe.

    Die scheinbare Sinnlosigkeit der Debatte beruht auf dem vorbelasteten Begriff “Würde”. In der französischsprachigen Fassung steht “intégrité”. Die französischsprachige Version macht also nicht von einem Begriff Gebrauch, der a) zumeist in einem religiösen Kontext Verwendung findet und b) in seiner Anwendung traditionell ausschliesslich mit dem Menschen in Verbindung gebracht wird (s. Menschenwürde).

    Nachdem im Deutschen (und im Italienischen, wo “dignità” steht), nun aber die neue Bundesverfassung diesen Begriff verwendet, muss geklärt werden, was die Verfassungsgeber mit dem Begriff wirklich meinen - und was nicht. Es ist durchaus sinnvoll, dass diese Auslegeordnung geschieht, bevor ein Bundesgerichtsurteil ansteht, bei dem sich eine Seite auf just diesen Artikel 120 stützt.

    Es ist also nicht der Auftragsempfänger, der Schuld trägt an dieser vielleicht seltsam wirkenden Debatte, sondern die Verfassungsrechtler, die genau diesen Begriff eingeführt haben.

    Ausserdem scheint die Studie - ich hab sie nur überflogen - so schlecht nicht. Sie beschreibt immerhin auf nachvollziehbare Art, nach welcher Methodik die Autoren vorgegangen sind, um sich dem Thema anzunehmen. Insbesondere legen sie auch dar, wo der Würdebegriff aus ihrer Sicht nicht greift. Und sie zeigen auf, was Mehr- und Minderheitenpositionen sind. Da es um eine Wertediskussion geht, ist nicht erstaunlich, dass es zuweilen unterschiedliche Ansichten gibt.

    Admin-Seite zur Diskussion um die “Würde der Kreatur”
    Die Studie als PDF

  4. Merzmensch

    Bei diesem Hintergrund erscheint die “Rechtfertigte Beschädigung” der Pflanzen besonders pervers:

    Zitat:
    Beschädigungen müssen gerechtfertigt sein
    [...] Unter Umständen könnte also die Begründung, eine Pflanze zur eigenen Freude in eine Vase zu stellen, deren Beschädigung rechtfertigen. Es müsse in jedem Einzelfall abgewogen werden, lautete ein Fazit der Kommission.

    Ich meine, wenn schon, denn schon. Wenn die Würde der Pflanzen unantastbar sei, was ist denn das für eine Rechtfertigung “Weil es dem Menschen Freude macht”? Das überschreitet ja alle ethischen Grenzen, da dem Menschen an sich bekanntlich des öfteren ausgerechnet die Sachen Freude bereiten, die den anderen (leider!) schädigen. Ich fürchte, die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Aussenhumanbereich hat längst die Bereiche des Ethischen verlassen und bewegt sich in Bereichen des Ätherischen.

  5. Benjamin B.

    Andreas, in einem gewissen Sinne bin ich einverstanden mit dir. Wenn das Wort Würde in der Verfassung steht, dann muss es definiert werden, alles andere macht wenig Sinn.

    Ich würde allerdings meinen, die Würde gänzlich aus unseren Gesetzen rauszunehmen. Würde ist ein derart schwammiger und nichtssagender Begriff, dass er bedeutungslos wird. Wir können der Petersilie vielleicht Rechte zugestehen. - Was aber irgendwie sehr merkwürdig wäre. Mir fiele jedenfalls kein vernünftiges Recht ein, dass ein Pflänzchen haben könnte.

  6. Benjamin B.

    Jochen, wie begründet sich die Würde von irgendetwas. Geben wir den Leuten mehr Rechte, da bin ich einverstanden. Aber die Würde, die überlassen wir den Philosophen und den Ethikern. Die können dann darüber nachdenken, ob die blosse Existenz eines Gegenstandes dem Würde verleiht, oder ob das Ding leben muss, und ob man Würde überhaupt ungleich verteilen kann, oder ob man dann noch Gott ins Spiel bringen will.

  7. Benjamin B.

    Merzmensch, so ist es.

  8. dadaistisches und dadaloses - April 2008

    Kramer auto Pingback[...] hier: http://burnttongue.net/wordpress/die-wuerde-der-petersilie/ 2 Kommentare | Trackback (0) | Permalink | Empfehlen / Bookmarken Tags: var _design_url = [...]




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