oder Wenn aus einem Cyberkrieg jederzeit eine Schlacht mit Panzerfäusten und Flächenbombardements werden kann.
Seit mehreren Wochen schon stehen sich Russland und Estland auf dem Schlachtfeld gegenüber, einem rein virtuellen zwar, aber für die Diplomatie zwischen den eh schon verfeindeten Staaten ist das genauso wenig förderlich wie ein Raketenangriff auf Tallinn. Ein estnischer Regierungssprecher findet die passenden Worte für seinen Unmut und nennt den Cyberkrieg einen Kriegsakt. Ich schliesse mich dem an, möchte jedoch anmerken, dass nicht unbedingt die russische Regierung hinter den Angriffen gegen estnische Websiten stehen muss. Wenngleich nicht ausgeschlossen werden darf, dass nicht trotzdem der Kreml dahinter steckt und über ein ausgeklügeltes, mafiöses Netz aus Verbindungsmännern und Computerexperten die Attacken zentral koordiniert. Doch mit solchen Überlegungen würde ich das Terrain der Fakten verlassen und mich in die stachelige Obhut der Vermutungen und die düsteren Gefilde der Verschwörungstheorien begeben. Und das liegt mir nicht.
Klar scheint jedoch zu sein, dass das russische Volk aufgebracht ist, dass Estland das Kriegsdenkmal des ‘unbekannten Soldaten’ vom Stadtzentrum Tallinns entfernt hat. Nun lagert jene Statue, die an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnern soll, auf einem gewöhnlichen Soldaten-Friedhof. Ist uns Westlern allemal egal, verletzt den russichen Nationalstolz jedoch sehr und erfreut gleichzeitig die Esten, die in dem Denkmal schon lange ein Symbol für die sowjetische Unterdrückung und Kontrolle sahen.
Russland wäre jedoch nicht Russland, wenn es seine Muskeln nicht spielen liesse. So wurden Botnetze auf estnische Regierungssites und auch private estnische Homepages losgehetzt, derweil hunderte aufgebrachte Patrioten mithilfe von Anleitungen im Internet selber simple, aber wirkungsvolle Attacken gegen Estland durchführen.
Derzeit benötigt es also einiges an Glück und Zufall, wenn estnische Bürger ein bisschen surfen gehen wollen oder ihre Aktiengeschäfte übers Internet abwickeln wollen.
Ich würde belustigt lächeln und mich darüber freuen, dass wieder mal was Spannenderes geschieht also bloss die paar dutzend Tote im Irak pro Tag oder israelisch-palästinensisches Kräftemessen, wenn die Lage nicht so ernst und das Verhältnis zwischen Tallinn und Moskau nicht so angespannt wäre.
Irgendwas gutes wird jedoch auch dieser Cyberwar haben, nur will mir im Momentan nicht einfallen, was.
Sunday, May 20, 2007 at 11:30
“lagert auf einem gewöhnlichen Soldatenfriedhof”. Ähem, die Statue steht in der Mitte des Friedhofs, umgeben von sowjetischen Soldatengräbern. In einem anderen Teil des Friedhofs sind hochrangige Militärs der Esten bestattet.
Sunday, May 20, 2007 at 11:42
Danke für die Präzision. Auch wenn es für mich einerlei ist, ob eine Statue nun steht oder bloss lagert, will ich trotzdem anmerken, dass es mir mehr um das für mich lächerlich erscheinende Verhältnis zwischen Russland und Estland ging, als darum, mich über den unbekannten Soldaten und die damit verbundenen ‘Erinnerungen’ zu amüsieren.
Eine Frage jedoch, die sich mir stellt, nachdem ich etwas durch deinen das Interesse an Estland weckenden Blog geblättert bin:
Bist du Este oder einfach sonst an Estland interessiert?
Sunday, May 20, 2007 at 12:20
Oh, danke. Ein Teil meiner Familie stammt aus Estland, das ist lange her. Sie hatten alle Verbindungen dorthin verloren. Ich wollte dort unbedingt hin, und mir selber ein Bild machen. Das war kurz nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Knapp fünf Monate bin ich dann geblieben. Der letzte Aufenthalt war vor zwei Wochen.
Sunday, May 20, 2007 at 14:59
Aha. Danke für die Antwort. Ich werde beizeiten wieder in deinen Blog schauen, schon nur, um zu sehen, wie es mit dem ‘Cyberkrieg’ weitergeht.