Der Staat ist nicht die Lösung, sondern das Problem

Hach, ich übertreibe mal wieder, um auf ein Interview mit dem Thurgauer Unternehmer Daniel Model aufmerksam zu machen, das im heutigen Kleinen Bund erschienen ist:

In Ihrem Blog-Eintrag schreiben Sie auch, der Sozialstaat sei eine Illusion. Warum?

Der Sozialstaat belügt die Menschen nicht nur, er beraubt sie. Ich spreche nicht in erster Linie von jenen Menschen, die mit ihren Steuern den Sozialstaat finanzieren. Vielmehr meine ich jene Menschen, die seine Hilfe in Anspruch nehmen und von ihm abhängig werden. Man nimmt ihnen das Feedback durch das Leben. Leben ist lernen, und wo jemand um die Möglichkeit zu lernen gebracht wird, ist er verloren. Das ist für mich Diebstahl an den Energien der Menschen.1

  1. derbund - «Die Frage ist, wer hier spinnt» []






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7 Kommentare

  1. Marco

    Kann ich nur unterstreichen. Und durch das Fehlen dieses “Feedbacks” des Lebens gehen den Menschen, die sich in sozialstaatlicher Geiselhaft befinden, ihre Lebenchancen flöten. Den Ansatz, es von der Seite der Betroffenen zu betrachten und zu zeigen, dass der “Sozialstaat” nicht sozial ist, sonder asozial und ungerecht, das ist genau das, was ich mir unter “Compassionate Libertarianism”(http://opponent.de/index.php?entry=entry080327-005233), also unter einem “mitfühlendem Libertarismus” vorstelle.

  2. Thommen

    Leute, die über “DEN Sozialstaat” herziehen vergessen immer, dass die soziale Fürsorge diejenigen Menschen auffangen muss, die aus der privaten und doch so heilbringenden Wirtschaft herausfallen… Behinderte, Kranke, beschränkt “funktionierende”. Vor allem die Arbeitslosen, die ja als Belastung dem Staat angehängt werden…

    So einfach ist das mit DEM Sozialstaat auch nicht. Und wenn das Finanzsystem zusammenkracht, darf es der soziale Staat zweckes sozialisierung der Verluste wieder auffangen…

    Ich finde Eure Haltung wirklichkeitsfremd!

  3. Benjamin B.

    Ich zitiere Daniel Model noch einmal, vielleicht wird es dann leichter, diese Haltung zu verstehen.

    “Ich gehe vom Zusammenbruch vieler konventioneller Staaten in den nächsten Jahrzehnten aus: Sie stehen vor der grössten Krise ihrer noch jungen Geschichte – die Nationalstaatlichkeit ist bereits aufgeweicht, und die Sozialstaatlichkeit wird bald aufgeweicht werden. Und die modernen Lebensformen in der globalisierten Welt zeigen doch auch, dass die Territorialität mehr eine Fessel als ein Entfaltungsraum ist. Die Staaten schliessen sich weltweit zu grösseren Verbünden zusammen. Dann entstehen die Kooperationsprobleme, die auf globalen Konferenzen mehr behandelt als gelöst werden – es herrscht der grosse Stillstand. Deshalb scheint mir ein Staat ohne Territorium zukunftsträchtiger zu sein.”

    sowie:

    “Schauen Sie: Geht man wie ich davon aus, dass die westlichen Staaten nicht mehr reformierbar sind, ändert sich die Perspektive plötzlich. Damit gehöre ich zwar zu einer Randgruppe, aber umgekehrt weiss ich auch, dass der Mensch ein grosser Verdrängungskünstler ist. Mir geht es darum, ein Experiment für ein mögliches Leben nach dem Zusammenbruch durchzuführen.”

  4. Andreas Kyriacou

    Model scheint eine allzu simple Vorstellung des “Sozialstaates” zu haben - oder bewusst zu kultivieren. Aller Schlagzeilen über Missbrauch (die sich immer weniger zu bewahrheiten scheinen) zum Trotz scheinen es in der CH nur wenige irgendwie kultig zu finden, “auf Stütze” zu leben.

    Was Model bewusst verschweigt, ist dass ein guter Teil der Sozialhilfe darauf ausgerichtet ist, die Bezüger wieder fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Bei den von der Stadt Zürich geschaffenen Teillohnstellen heisst das unter anderem, klare Tagesstrukturen vorgeben und Verbindlichkeiten einfordern. Es heisst aber auch, Erfolgserlebnisse zu ermöglichen und Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

    Selbst wer es wie Model für vertretbar hält, Leute fallen zu lassen, die aus welchen Gründen auch immer den Zugang zum ordentlichen Arbeitsmarkt nicht mehr finden, muss sich eingestehen, dass ein völliges Abseitsstehen des Sozialstaates ökonomisch nicht zwingend die bessere (sprich: kostengünstigere) Variante ist. Bei Verweigerung der Sozialhilfe fallen für den Staat schnell mal anderswo Zusatzkosten an, im Gesundheitswesen oder im Schulbetrieb, wenn Erwerbsunfähige schulpflichtige Kinder haben. Auf individueller Ebene führt leider nicht jede Zerstörung zur Freisetzung von schöpferischen Kräften. Leidensdruck alleine führt längst nicht immer und längst nicht bei allen zur gewünschten “Heilung” (um Models Vokabular zu verwenden).

  5. Marco

    @Andreas Kyriacou

    Wer keine Ahnung hat, wie negativ sich ein ausufernder Sozialstaat auswirkt, den lade ich in die BRD ein. Die Praxis wiederlegt jedes dumme linke Gequassel. Aber das war ja schon immer so …

  6. Andreas Kyriacou

    @Marco
    Model ist Thurgauer und er hat sich von einer Schweizer Zeitung interviewen lassen, sein Wettern gegen den Sozialstaat verstehe ich deshalb in erster Linie als Kritik am Schweizer System. Meine Entgegnung bezieht sich deshalb auch auf diesen CH-Kontext.

    Ich habe ganz bewusst von der Schweiz geschrieben und auch bewusst den Ausdruck “auf Stütze leben” verwendet, um zu unterstreichen, dass hier die Situation nicht identisch ist mit derjenigen in Deutschland.

  7. Marco

    @Andreas Kyriacou

    Stimmt. In der Schweiz ist die Lage eine andere, um nicht zu sagen bessere. Tausende BRD-Bürger wandern nicht aus dem Grund jedes Jahr in die Schweiz aus, weil denen hier nicht “sozial” genug wäre. Im Gegenteil haben die von der Freiheits- und Leistungsfeindlichkeit in diesem Staat die Schnauze voll.




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