Das Geschäft mit dem Voyeurismus

Es scheint des Menschen dringendster Wunsch geworden zu sein, so tief und selbstbefleckend wie möglich in den Leben anderer herum wühlen zu dürfen.

Anders kann ich mir die seit meinem Eintritt in die Medien- und Konsumlandschaft andauernde - und wohl hunderte Jahre davor entstandene - Klatschbesessenheit nicht erklären. Es ist mir wohl bewusst, dass man dies mit ein wenig Evolutionsgeschichte und Psychologie erklären könnte, wie wohl jedes andere Verhalten der Menschen, doch meine Verwunderung darüber ist wegen dem nicht kleiner.

Es liegt mir nur allzu fern, über das Handeln anderer Menschen zu mäkeln oder gar zu urteilen - ausser ich persönlich bin davon betroffen, mein Vertrautenkreis oder die Menschheit als gesamtes - jedoch verspüre ich dann und wann den Drang - wenn zum Beispiel dieser oder jene mit verzückter Miene vor dem Bilderkasten hockt und in seltsamer Eintracht mit den Talkshow-Gästen mitfiebert und sich durch entsetzte Blicke meinerseits nicht davon abhalten lässt, dann und wann einen heiseren Schrei und ein paar Wortbrocken dem millimeterdünnen bewegten Bild entgegen zu werfen - diesem oder jener ins Ohr zu brüllen: “Get your own life!”.

Ab und an, da ertappe ich mich dabei, wie ich in Gedanken händeringend fluche und mich in sehr direkter Weise nach seiner oder ihrer mentalen Gesundheit zu erkundigen. Beispielsweise in jenen Momenten, da ich mitbekomme, wie sich jemand über diese unverständliche Tat jener fiktiven filmischen Person aufregt, die in der zur Zeit angesagten Serie eine Hauptrolle besitzt. So möchte ich hier doch nicht den Richter spielen und diesem oder jener das Recht absprechen, sich in gewisser Weise mit erfundenen Charakteren zu identifizieren oder wutentbrannt nach einem so nicht erwarteten Ende eines Filmes aus dem Kino zu rennen, doch fragwürdig finde ich solch unreifes, geradezu krudes Verhalten schon.

Doch vermutlich bin ich bloss ein wenig empathisches Menschenskind - dagegen spräche, dass mir das Schicksal meines Vertrautenkreis bisweilen ganz schön zusetzen kann -. Wahrscheinlich jedoch sollte ich bloss kaltblütig diese Charakterschwäche ganzer Nationen zu meinem eigenen Vorteil benützen und Mitleid heischende und heuchelnde Schlagzeilen produzieren. Meine Manteltasche würde es mir danken, mein Gewissen nicht.







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