Botellón, mündige Bürger & Littering

Seit ein 17-jähriger KV-Lehrling aus Fällanden vor einigen Tagen auf der Plattform des Internet-Netzwerks Facebook einen Aufruf placiert hat, am 29. August um 21 Uhr auf der Chinawiese, wie er sie nennt, mit einem «botellón» das neue Schuljahr einzuläuten, ist das spanische Wort auf fast allen Medienkanälen präsent. Das Phänomen des organisierten Massenbesäufnisses, um das es geht, beschäftigt auch eine breite Öffentlichkeit, wie sich unter anderem aus der ungewöhnlich hohen Zahl an Kommentaren auf News-Portalen ableiten lässt. Dabei gehen die Meinungen weit auseinander. Von der Freiheit, sich ins Koma trinken zu dürfen, über den Einwand, für die Kosten müsse dann die Öffentlichkeit geradestehen, bis zum Hinweis auf die Verluderung der Jugend ist fast alles zu finden.
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Manchmal müssten Jugendliche eben auch vor sich selber geschützt werden. Mit welchen polizeilichen Mitteln ein «botellón» allenfalls verhindert werden soll, ist zurzeit noch offen. Stadträtin Maurer weist darauf hin, dass derartige Auswüchse nicht ein polizeiliches, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Problem seien. Wenn den jungen Leuten nichts anderes mehr einfalle, als sich gemeinsam zu betrinken, bereite ihr das Sorgen.1

Ich sehe nicht, wieso es schlimmer ist, wenn sich Leute zu tausenden miteinander, anstatt alleine oder in kleineren Grüppchen besaufen. Ich sehe ebenso wenig, wieso man Botellóns verbieten will, während Turn- und Schützenfeste gar von Bundesräten besucht und verteidigt werden. Des weiteren finde ich es bedenklich, wenn man jungen Erwachsenen oder alten Jugendlichen das Trinken verbieten will, während niemand ein Wort über die alten Säufer an oben genannten Festen verliert. Sind 60-Jährige mündiger als 20-Jährige?

Darüber hinaus hat ein Jeder das alleinige Bestimmungsrecht über seinen Körper. Ich befürworte Massenbesäufnisse keineswegs, aber wer sich betrinken will, der darf das. Sonst müssen wir konsequent sein und die Prohibition wieder einführen. Dieses Mal inklusive Tabak, Messwein und fett- und zuckerhaltigen Speisen. Die Prohibition würde natürlich keine Probleme lösen, aber darum geht’s ja auch bei botellón-Verboten nicht. Vordergründig vielleicht, hintergründig sieht man die Nutzlosigkeit dieses Verbotes.

Junge Leute haben wohl schon seit Jahrtausenden mit Rauschmitteln hantiert und sich bewusstlos getrunken, geraucht, whatever. Die Jugend verludert schon seit Anbeginn der menschlichen Spezies. Wobei es fast schon erstaunlich ist, dass in der heutigen politisch korrekten Ära Mädchen als Luder bezeichnet werden. Auch Esther Maurer entstammt einer Generation, der in der Jugend nichts besseres eingefallen sei, als sich in Gruppen dem Drogenkonsum hinzugeben. Vielleicht war sie gar in einer der berüchtigten Studentenverbindungen. Hat sie damals verlangt, vor sich selbst beschützt zu werden? Wohl nicht, trotz der grassierenden Verbotssucht beschneiden viele ihre eigene Freiheit ungerne. Die der andern dafür umso lieber.

Das einzige Problem an diesen botellóns wären die Putzkosten? Ein Massenbesäufnis geht kaum ohne Littering. Aber genauso dürfte dies an der Basler Fasnacht sein. Wollen wir diese verbieten, bloss weil die Allgemeinheit dann für die Kosten der Räumung tausender Konfettiflocken aufkommen muss?

Einmal mehr zerbricht sich die halbe Gesellschaft und der Grossteil der politischen Amtsinhaber den Kopf ob einem Problem, das so imaginär ist wie Flaschengeister.

  1. nzz - Stadt Zürich will Massenbesäufnis verhindern []






Bei allen Services (Mister Wong, Yigg, Infopirat etc.)
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8 Kommentare

  1. amade.ch

    ganz so imaginär ist das problem ja schon nicht. schliesslich ist alkohol immer noch die schlimmste drogen, wenn man den volkswirtschaftlichen schaden als massstab nimmt. ausserdem gilt das argument “das macht man ja schon seit tausenden von jahren so” irgendwie nicht. schliesslicht möchte man sich ja auch ein wenig weiter entwickeln, oder? :-)

  2. politik-blogs.ch

    links from TechnoratiBotellón, mündige Bürger & LitteringPubliziert am 19. August 2008 im Blog «DER MISANTHROP»

  3. mousseman

    Für das Littering-Problem gäbe es eine einfache Lösung - man umschliesst den Bundesplatz mit Abschrankunegn und verlangt Eintritt, um die Kosten zu decken, oder man nimmt jeden 10., der auf den Bundesplatz kommt, zum Aufputzen in die Pflicht.

  4. Andreas Kyriacou

    DIe politische Aufarbeitung wird zunehmend grotesk: Das Blaue Kreuz zeigt sich liberaler als die FDP.

    Immerhin wettert Soziologieprofessor Kurt Imhof gegen die Verbotsgelüste von rinks bis lechts.

  5. Benjamin B.

    amade, das Argument sagt nichts über die moralische Richtigkeit des Saufens aus, aber etwas über die menschliche Natur. Und diese kann man mit Verboten nicht ändern.

    Gewiss entsteht durch exzessives Trinken volkswirtschaftlicher Schaden, aber durch die meisten Dinge ebenfalls. Entweder stehen wir mit unserem System der erzwungenen Solidarität auch für Alkoholtrinker ein, und nicht nur für Skifahrer, Übergewichtige und Leute, die sich im Innern ihrer Wohnung oder ihres Haushalts aufenthalten, oder jeder ist ganz alleine dafür zuständig, seine Ausgaben zu decken.

    Dazu läge es eigentlich am einzelnen Bürger, seine saufenden Kollegen davon abzuhalten. Wir haben auch eine gewisse Verantwortung für unsere Mitmenschen. Wenn dich also die durch Säufer verursachten Kosten aufregen, dann beginn’ bei deinem Umkreis.

  6. Benjamin B.

    mousseman, erstere Lösung funktioniert nicht, weil die Leute einfach auf einen anderen Platz ausweichen würden. Bei zweiterer hättest du dutzende Betrunkene, die putzen müssten.

  7. Benjamin B.

    Andreas, die FDP ist das F in ihrem Namen nicht mehr wert. Resp. das F und das L in FLP.

    Und ich wettere hier gegen Imhofs Verbotsgelüste.

  8. Mathias

    @Benjamin: Trinkende von ihrem Verhalten zwanghaft abzuhalten sehe ich aber ganz und gar nicht als meine Pflicht an - eben weil ich der Ansicht bin (und ich dachte, das wärst du auch), dass jeder Mensch für sein Leben verantwortlich ist und prinzipiell mal mit sich selbst zurecht kommen soll. Wenn jemand meine Hilfe benötigt und ich dazu imstande bin, helfe ich natürlich, erst recht wenn es um Freunde und Verwandte geht. Aber einer Grundverantwortung gegenüber Drogen konsumierenden Menschen entziehe ich mich guten Gewissens.

  9. Benjamin B.

    Mathias:

    Kann ich unterschreiben. Dies ist der Zustand, den ich anstrebe, dass jeder versucht, sein Leben selbst in den Griff zu kriegen (Tun viele nicht.) und wenn er’s halt nicht schafft, dass dann Kollegen, Verwandte etc. helfen (Tun viele nicht.). Ohne den Staat einzuschalten (Tun viele.). Und wer Geld und Zeit hat, kann sich auch um unbekannte Fremde kümmern, die Hilfe brauchen und die ihnen versagt bleibt, aus welchen Gründen auch immer. Hilfe von Bürger zu Bürger. Darum geht’s.

    Grundverantwortung trägst du nur für dich selbst. Ein bisschen Verantwortung hast du natürlich auch für dein Umfeld, aber in exakt dem Rahmen, den du oben beschrieben hast.




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