Hier und dort sind derartige Zeilen zu finden: Seelenstrips.
Seit jeher gab es Exhibitionisten, heute ist die Bandbreite an Möglichkeiten zur Entblössung gross. Einerseits die klassich fleischliche, auf die ich hier nicht eingehen werde, andererseits die seelische. Anstatt sich endlich ein Herz zu fassen und mit dem engsten Freund über die eigenen Gefühle zu sprechen
“Nun ja, weisst du, es bedrückt mich halt schon etwas, dass…”
wendet sich der Zeitgenosse an die Medien, entweder tränenüberströmt an den lokalen Privatsender oder grammatikalisch unkorrekt an Kleinbloggersdorf
“Verdammt, mir geht’s echt beschissen, wisst ihr, was gestern passiert ist…”
Ich frage mich erstens, wieso dem so ist, und zweitens, ob dies eine gute Entwicklung ist.
- Warum nur, frage ich mich, wenn ich wieder über den einen oder anderen derartigen Blogeintrag stolpere. Wieso ist es dir nur ein solches Bedürfnis, uns hinter Bits und Nicknames Verborgenen, mitzuteilen, dass dein Meerschweinchen gestorben ist? (Wenn’s hochkommt Personen des engsten familiären Umkreis.) Suchst du Mitleid? Anteilnahme? Begreifst du, dass mancher einer schnell weiterklickt und sich bei solch intimen Äusserungen peinlich berührt fühlt - Vergleichbar mit der Situation, wenn man zufällig Fetzen eines Gesprächs mitbekommt, das höchstens zwei Personen etwas angeht und einem die Schamräte ins Gesicht treibt. - während der andere, so freundlich sein Beileid Äussernde, bloss heuchelt - Weil dies im Internet so leicht fällt. Ein paar Worte sind schnell getippt. - ?
- Momentan sind solche Posts noch eine Randerscheinung. Doch, soweit ich dies beurteilen kann, eine, die sich rasch verbreitet. Welches wären die Folgen für unsere Gesellschaft, wenn aus dieser Entwicklung ein Trend und schliesslich Alltag würde? Möglicherweise eine gewisse Desensibilisierung. Ein Abstumpfen gegenüber von gezeigter oder geäusserter Trauer? Folgt unserer Epoche nun eine Zeit, in der eine freundliche Umarmung, wenn der Kompagnon wässrige Augen hat, selten geworden ist?
Nachdem sich in der Blogosphäre unzählige bereits körperlich entblösst haben, folgen nun Heerscharen, die Seelenstriptease betreiben?
Beruhigend war dahingehend die Nachricht, dass auf Myspace viele Profile nur noch für die Personen zugänglich sind, die in der Kontaktliste stehen.