“Wenn man ein gutes Herz und eine üppige Portion Hirn hat, dann werden Äusserlichkeiten unwichtig.” - Ein Fehlschluss, dem in intellektuellen Kreisen jedoch immer noch grösste Bedeutung zugemessen wird.
Ästhetik wird gerne als zu weltlich verschrien, als Zeitverschwendung, mit der man sich als aufgeklärter Zeitgenosse doch nicht ernsthaft beschäftigen kann.
‘Ach ja?’, möchte ich jeweils erwidern. ‘Du findest also keine Freude an schönen Dingen?’
‘Doch doch’, mag er antworten. ‘Sieh’ dir nur ‘mal diesen persischen Teppich an, diese verschlungenen Muster, oder auch diese nachtschwarze, aus Granit gehauene Vase. War übrigens nicht gerade billig. Aber diese kühle Schlichtheit, verbunden mit einer stilgerechten Noblesse…’
‘Wieso läufst du dann in Lumpen gekleidet herum?’, hake ich nach.
‘Ach weisst du’, hustet er. ‘Mit solch’ oberflächlichen Menschen, die mich bloss wegen meines Äusseren schätzen, mag ich mich gar nicht erst abgeben.’
‘Aber die Vase…’, beginne ich und fahre mit meiner Hand durch die Luft.
‘Ha!’, knurrt er. ‘Du willst doch nicht ernsthaft einen Menschen mit einer Vase gleichsetzen. Weisst du, bei Gegenständlichem geht es bloss ums Äussere, es gibt ja nichts anderes. Doch Menschen sind beseelte Lebewesen, wir besitzen ein Inneres, den Kern unserer selbst, und wie kannst du sagen, du magst jemanden, wenn dieser eine abgründige Seele besitzt, ja, wenn du diesen inneren Kern gar nicht kennst?’
Ich fuhrwerke weiter mit meinen Fingern in der stickigen, von beissendem Tabakrauch erfüllten Wohnzimmerluft. Mir fällt nichts mehr ein. Recht hat er ja, die Seele, die wohlgeformte…
Ein Schluck Cognac verirrt sich in meine Kehle. Ich muss husten und ziehe gleichzeitig Worte aus meinem Schlund.
‘Deine Freundin sieht aber ziemlich gut aus, nich’?’
Er hält inne, schwenkt den Schnaps in seinem Glas hin und her, die Eiswürfel geben ein leises Klirren von sich, als sie gegeneinander stossen. Der leicht trockene Klang, als seine Fingernägel über seine Schläfenhaut schrappen, irritiert mich. Dann erscheint ein klaffender Spalt zwischen seinen Lippen, er zerbeisst ein paar Sätze, bevor er Worte, spröde und kalt wie Novemberregen, in die erdrückende Stille tropfen lässt.
‘Ach, weisst du, wenn du ihr so zusiehst, wie sie den Boulevard entlang läufst, dann’, er unterbricht sich kurz, um schnaufend Atem zu holen. ‘dann weisst du erst, was Schönheit bedeutet.’
endlosrekursion - Ach ja, die Ästhetik