Monatsarchiv für October 2008



Wer Risiken eingeht und dafür bezahlen muss, ist kein Opfer

Was Michael Shermer hier erzählt, ist nicht nur der Kern des Kapitalismus (Wer Risiken eingeht, muss die Kosten für diese zahlen. Wer nicht bereit zu zahlen ist, der soll ganz einfach keine Risiken eingehen.), sondern lässt sich auch auf die Alpendörfer und Uferbezirke der Schweiz anwenden. Wer hier sein Haus an einem Flussufer baut, an einem von Lawinen oder Erdrutschen gefährdeten Hang, der muss sich im Fall einer Überschwemmung, einer Lawine oder dergleichen nicht für das eingegangene Risiko gerade stehen, sondern kann sich auf staatliche Hilfe verlassen. Er kann sogar darauf pochen, dass die Öffentlichkeit für risikomindernde Massnahmen wie Dämme oder Hangverbauungen aufkommt. Ich habe gewiss nichts dagegen, wenn Leute Risikozonenbewohner bemitleiden und ihnen per Geld- oder Güterspende helfen wollen, doch niemand sollte dazu gezwungen werden. Genauso absurd dünkt es mich, Alpendörfer um jeden Preis am Leben zu erhalten. Um den Preis von millionenteuren Schutzmassnahmen, genauer gesagt. Wenn jemand in einem schmalen Tal am Rande eines Hochrisikohanges sein Chalet bauen will und sich vor Lawinen schützen will, dann darf er dies selbstverständlich tun. Doch wieso muss ich ihm dies bezahlen? Wieso wird jemand, der sehr wenige Risiken eingeht, mit Gewalt dazu gezwungen, für die Extravaganzen anderer zu bürgen?




Hinterzieht eure Steuern!

Die Organisation der Industriestaaten (OECD) will die weltweite Finanzkrise nutzen, um Steuerparadiese auszutrocknen. Dabei gerät auch die Schweiz ins Kreuzfeuer. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück forderte, die Schweiz auf die Schwarze Liste der OECD zu setzen.
[...]
Steinbrück bedauerte, dass die Schweiz, Österreich und Luxemburg zu den Steueroasen zählen. Die Schweiz liefere nicht die Informationen, um Steuerflucht nachzuweisen, sagte er. «Das ist das Problem.»

Steuerflucht sei aber nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. «Wenn wir nicht aufpassen, verliert unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem Legitimation. Die Menschen verweigern ihre Zustimmung», meinte der deutsche Minister.

Ich verstehe weder Steinbrücks Wortwahl, noch seine Argumentation.

Wenn niedrige Steuern und ein starkes Bankgeheimnis so schlimm sind, wieso bezeichnet er dann Staaten, die exakt diese zwei Dinge haben (Wozu die Schweiz nicht gehört. Unsere Steuern sind vielleicht im internationalen Vergleich gemässigt. Zu hoch sind sie aber immer noch.) als Oasen und Paradiese? Beides bezeichnen wunderschöne, wenn auch teils imaginäre, Dinge. Gewiss mag es jenem, der in der Wüste sitzt, unfair erscheinen, dass andere sich in der Oase ausruhen können. Doch diese Problem wird dadurch gelöst, dass man mehr Oasen schafft. Nicht, indem man alle Oasen zuschüttet. Zwar werden dadurch die Wüstengänger gleicher und der Neid dürfte gegen Null tendieren, aber dafür geht’s nun ein paar Leuten mehr miserabel. Ist es nicht vernünftiger, dass es ein paar wenigen Leuten gut geht statt allen extrem schlecht?

Ich halte es für exzellent und höchst verständlich, wenn hohe Steuern ihre Legitimität verlieren. Wenn Steinbrück meint, dass unser ganzes System über die Kante des Abgrundes fällt, wenn immer mehr Leute wütend darüber sind, dass ein Drittel bis die Hälfte ihres Einkommens in die Kasse des Staates fliesst, dann scheint er ein sehr räuberisches, etatistisches System zu vertreten, das mir mehr Angst macht als ein paar herum streunende Psychopathen.

Was Steinbrück errichten will, ist ein grosses, weltumspannendes Steuerkartell, so dass keiner mehr ein Land verlassen kann, um in einem anderen weniger Steuern zu zahlen. Doch genau dieser zwischenstaatliche Steuerwettbewerb ist es, der dafür sorgt, dass Nationen die Steuern nicht beliebig erhöhen können. Denn tut dies eine Nation, dann geschieht mit ihr das, worunter Deutschland momentan leidet. Geldströme fliessen ab in Niedersteuernationen. Dazu wird das Volk unruhig. Kommen andere Nationen mit einem tieferen Steuersatz über die Runden, dann fragt man sich als Bürger eines Hochsteuerlandes, ob man diese Staatsausgaben nicht effizienter gestalten könnte. Hätte man ein Steuerkartell, dann könnte man beliebig hohe Steuern als zwingend nötig propagieren und die Ineffizienz würde beliebig wuchern.

Dazu muss man sich in Diskussionen wie dieser immer vor Augen halten, dass Etatismus ein Trugschluss ist und Steuern einzig mit dem staatlichen Gewaltmonopol durchgesetzt werden können. Steuern zu erheben läuft also darauf hinaus, dass, wenn irgendjemand diese nicht bezahlt (Weil er eh schon knapp bei Kasse ist oder meint, sein Geld besser ausgeben zu können als der Staat (Was grundsätzlich der Fall ist, da man mit fremdem Geld immer leichtsinniger umgeht als mit dem eigenen.).), früher oder später jemand mit geladener Pistole an seine Tür klopfen wird. Dies scheint moralisch wenigstens ein bisschen fragwürdig zu sein.




Skizzen eines libertären Staates

Wären die Wirtschaft und das Individuum nicht vom Staat geknechtet, existierte also ein wahrlich libertärer Staat (Dazu gehört auch der fälschlich als Neoliberalismus bezeichnete völlig freie Markt, der nie existiert hat und nun für die Finanzkrise verantwortlich gemacht wird. (Obwohl es keine sonderlich grosse Schwierigkeit ist, nachzuschlagen, wo die Verknüpfung zwischen hochrangigen Politiker, die den Ärmsten ein Eigenheim ermöglichen wollten, und Fanny und Freddie und deren staatlichen Garantien liegt, des weiteren eine gewisse Zinspolitik einer nahmhaften Person. Aber lest dazu besser unten verlinkten Text.)), dann sähe die Welt wahrlich anders aus. Jeffrey A. Miron (”a senior lecturer in economics at Harvard University”) skizziert das Libertäre Land.

In Libertarian Land, individuals and businesses would take risks, but they would think long and hard about these risks. Some individuals and businesses would profit handsomely from smart risk-taking, but many would earn modest returns on average because their seemingly “excessive” returns in good times would be balanced by big losses in bad times.

Reasonable people can debate whether consistent pursuit of libertarian policies would have improved U.S. economic performance over the past two centuries. They cannot claim, however, that recent events demonstrate the failure of libertarian policies, since those policies have not been employed.

Nor can they say, as Weisberg contends, that “libertarian apologetics fall wildly short of providing any convincing explanation for what went wrong.” In fact, by theorizing, anticipating, and underscoring the inevitable failure of mixing free-market dynamics and politically driven interventions into the economy, libertarians explain both what’s going on and how to avoid its periodic repetition.

At a minimum, the jury is still out on whether a truly libertarian policy regime is desirable. With luck, some government will one day have the courage to give it a try.1

  1. reason.com - The End of Libertarianism and Other Adventures in Financial Policy Fantasy []



Verrückte Fatwas

Wären Fatwas nicht üblicherweise so tödlich, dann dürfte man sich über jene Fatws amüsieren, die den Tod von Mickey Mouse fordert. Oder jene, die will, dass in Restaurants Gurken von den Tomaten getrennt und nie zusammen auf einen Teller gelegt werden, da erstere männlich, letztere aber weiblich seien und man die beiden Geschlechter strikt trennen müsse. Und dann wäre da noch die Bekleidungspflicht für Geissen. Denn es dürfe ja nicht sein, dass man deren Genitalien sehen könne.1

  1. memri - “The Shame of Mosul” / via achse des guten - Kill Mickey Mouse But Don’t Fuck The Tomatoes! []



The Economic & The Moral Case For Tax Havens

Na, wenn selbst das Cato Institute die Steuerpolitik der Eidgenossenschaft lobt:

via cato-at-liberty




Hätten Kakerlaken Götter, glichen diese Kakerlaken

Oder mit den Worten Xenophanes:

The Ethiops say that their gods are flat-nosed and black, while the Thracians say that theirs have blue eyes and red hair. Yet if cattle or horses or lions had hands and could draw, and could sculpture like men, then the horses would draw their gods like horses, and cattle like cattle; and each they would shape bodies of gods in the likeness, each kind, of their own.1

Kakerlaken Jesus

(gefunden beim po8)

  1. wikipedia - Xenophanes []



Der Mensch ist frei geboren - konfessionsfrei

Die Freidenker-Vereinigung Schweiz wollte Plakate mit der Aufschrift “Der Mensch ist frei geboren - konfessionsfrei” in verschiedenen öffentlichen Verkehrsmitteln platzieren. In Bern, Thun und St. Gallen hatten sie jedoch keine Chance. Die dortigen Verkehrsbetriebe konnten scheinbar gut auf das Geld verzichten und meinten bloss, religiöse Gefühle könnten verletzt werden.

Ein wunderbares Beispiel dafür, dass religiöse Gefühle über allem anderen stehen. Scheinbar haben Gläubige aller Nationen ein spezielles Organ, das sie extrem sensibel auf Kritik (Wobei obiger Spruch sanfter ist als ein junges Lämmchen.) reagieren. So sensibel, das die Äusserung von Kritik Tierquälerei darstellt.

Doch was ist mit den Gefühlen von Atheisten, Vegetariern, Bauern, Autofahrern, Graffiti-Sprayern, Nicht-iPhone-Besitzern und Agoristen?

Wer keine religiösen Gefühle verletzen will, der ist nicht ein Philanthrop, sondern zeigt, wes Geistes Kind er ist.

Und nun: Geht fröhlich Geister austreiben!

Oder wie es Andres Kyriacou ausdrückt:

Oder denken die Werbeverantwortlichen der diversen Verkehrsbetriebe, dass Atheisten etwas weniger mimosenhaft reagieren als ihre besonders gläubigen Zeitgenossen? Mit dieser These könnten sie Recht haben. Frei geboren zu sein befreit. Lebenslänglich.1

  1. andreas kyriacou - Die Gedanken sind frei - ausser bei gewissen Verkehrsbetrieben []



What’s wrong with you, Mr. Ziegler?

Sich mit den Haaren in einer Kreissäge zu verfangen, ist wohl gemütlicher, als diese endlosen Wehklagen über den Neoliberalismus. Ich meine bloss, wie schwer kann es sein, die wirkliche Bedeutung des Begriffes Neoliberalismus nachzuschlagen? Jener Neoliberalismus, der genau jenes Primat des Staates über die Wirtschaft fordert, das seit jeher existiert hat. Die Wirtschaft war nie frei, nie dereguliert. Der Marktanarchismus ist so tot wie ein Stück Kohle. Jean Ziegler meint mit dem Neoliberalismus also den Anarchokapitalismus und kritisiert etwas, das schlicht inexistent ist.

Es ist langer her, seit ich Ziegler gut fand. Und mit meinen jungen Jahren will das was heissen. Ich sehe, dass sein Populismus, der in beinahe fahrlässige Unkenntnis der Themen, über die er spricht, ausartet, sehr viele Leute bewegt und er für viele ein Idol und eine Heiligenfigur darstellt. Aber ich verstehe nicht, wie durchaus intelligente Personen seine Fachkenntnis und seine intellektuelle Schärfe bewundern können. Zwei Dinge, die er vielleicht besitzen mag, in verlinktem Interview hingegen rein gar nicht offenbar werden.

Ein kleines Beispiel. Ziegler kritisiert die liberalisierten Weltmärkte und macht sie für Hungersnöte verantwortlich. Schuldig sei diese schrankenlose Globalisierung, weil europäische Staaten Agrarsubventionen kennen würden. Zugegeben, auch ich kritisierte Agrarsubventionen. Allerdings stellen diese das Gegenteil von Liberalisierung und freien Märkten dar. Sie sind Zeichen eines zu starken Staates. Ein Staat, den Ziegler noch weiter stärken will. Ein wenig paradox.

Zwei Müsterchen seiner Wut (Das erste zeigt, dass er die Theorie von Angebot und Nachfrage noch nicht ganz begriffen hat. Am zweiten sieht man den Klassenkämpfer in Ziegler wunderbar. Jener Klassenkämpfer, der die Nazikeule schwingt, grossartige Kollektivisierungen vornimmt und “Ausrotten!” für einen wertvollen Beitrag zum politischen Diskurs hält):

Wenn die Menschen in der Herrschaftswelt begreifen, was für ein Irrweg diese spekulative globalisierte Kapitalismus-Ordnung war. Absurd und mörderisch zugleich. Mörderisch, weil sie tötet, und absurd, weil sie unnützerweise tötet. Weil man ja alle materiellen Probleme lösen könnte mit diesem einzigartigen Überfluss an Ressourcen.

Der globalisierte Dschungel-Kapitalismus mit seiner Gier, mit seiner Deregulation, mit seinem Irrglauben, seinem Lug und Betrug muss verschwinden. Dieses ganze Weltbild muss verschwinden. Das muss wie die Nazis in den Eimer geworfen werden!1

  1. Frankfurter Rundschau - “Tribunal für Spekulanten” / via Gebloggte Welten - Klare Worte []



Was Atheisten wollen

We want to change the culture as a whole so people make rational decisions about government and education, rather than relying on superstition and ignorant authority, and that’s what ought to scare them more. We have the goal of making people think…1

  1. PZ Myers - Fear of the godless horde (Der damit eher die Bewegung des Neuen Atheismus meint als jeden einzelnen Atheisten dort draussen. []



Die Unmöglichkeit von gerechten Löhnen und die Unsinnigkeit von Lohneinschränkungen

Gerechtigkeit ist subjektiv. Daran gibt es nichts zu rütteln. Jeder versteht etwas anderes unter Gerechtigkeit. Der eine findet totale Lohngleichheit gerecht, der andere meint, ein Bauarbeiter sollte doch wegen der körperlichen Belastung mehr verdienen als ein CEO. Dann gibt es jene, die Anarchie wollen.

Somit bin ich in der komfortablen Lage, sagen zu können, ob ein Manager seine zwanzig Millionen pro Jahr verdiene, liege im Auge des Betrachters und dürfe somit nicht in den Granit der Gesetzesbücher gemeisselt werden.

Doch das ist nicht meine Hauptkritik an Maximallöhnen. Was mir daran und an den Mindestlöhnen ganz und gar nicht gefällt, ist die Einschränkung der Eigentumsrechte und der Vertragsfreiheit. Wenn der Arbeitgeber sein Eigentum und der Arbeitnehmer sich und seine Fähigkeit, diese spezielle Arbeit zu verrichten, auch wirklich besitzen sollen, dann darf keine andere Instanz den von ihnen freiwillig abgeschlossenen und nur sie zwei betreffende Vertrag für ungültig oder widerrechtlich bezeichnen. Denn die Verantwortung, was das Individuum mit seinem Eigentum machen will, liegt einzig bei der Einzelperson selber. Das Gleiche gilt für den Arbeitnehmer. Wenn dieser bereit ist, für ein paar Cents die Stunde zu arbeiten, wieso sollte der Staat ihn daran hindern?