Revolutionär war der Gedanke: Der User soll nicht länger passiver Konsument sein, sondern selbst Content generieren.
Ein bestechendes Konzept, wird es dadurch sogar möglich, Geld aufzuhäufen (sich wahlweise auch vom tobenden Volk mit Nesseln auspeitschen lassen), indem man andere Leute für sich arbeiten lässt. Der Vergleich ist zu weit hergeholt, doch warum erinnert es mich nur so an sklavische Arbeitsteilung? Ganz im Sinne des berühmten: ‘Ich gebe dir ein Stück Brot, ein Schluck Wasser, ein schiefes Dach über dem Kopf, dafür krüppelst du dich liebend gerne zu Tode und ermöglichst mir ein tägliches Filet Mignon.’
Sorry, ich schweife ab. Jene Idee jedoch führte dazu, dass sich aus glitzernden, blinkenden Homepages und unscharf geschossenen Selbstporträts ein Web 2.0 entwickelte mit rundeckigen Blogs und unscharf geschossenen Selbstporträts. Social Networking nennt man dies, wozu auch Partyportale begünstigt, auf denen sich jeder frei und franko lächerlich machen darf. Dies nennt man dann Demokratie, womit wir auch schon beim Problem angelangt wären: die Blogosphäre ist ein überaus demokratischer Ort: Die Regeln, das heisst Sitten und der allgemeine Umgangston, sowie auch der Wert von diesen oder jenen ‘Inhalten’, werden von der Mehrheit festgelegt.
Wer sich etwas auskennt mit dem Abgründen des menschlichen Daseins - beispielhaft dafür Stadtbezirke, die zwar stark frequentiert werden, sich aber jedoch trotzdem nur spärliche, meist rote Beleuchtung leisten können und aus denen hin und wieder gar tierisches Schnurren und Gurren, Knurren und Murren dröhnt - ahnt jedoch spätestens jetzt, dass hinter der cleanen, flachen Oberfläche des Web 2.0 eine dunkle Seite einer brillianten Idee wohnt, die ungleich umtriebiger ist als ihre gute Seite. Doch wer möchte schon der Menschheit ihre triebhafte, tierische Menschlichkeit absprechen?
der dissident - Das Internet als Krankheit
der verwerter - Das böse Internet
Kritik ist allgegenwärtig, gegen jedermann gerichtet, stellt gar eines der wichtigsten ‘Stilmittel’ in der Medienlandschaft und auch der Politik dar. Anders ausgedrückt: Indem man sich von anderen distanziert, definiert man sich selbst.
Darüber, dass Kritik auszüben, bitter nötig ist und einen Grundpfeiler der Meinungsfreiheit darstellt, lässt sich nur schwerlich streiten. Wenn man einen Fehler sieht, sollte man den auch benennen dürfen. Klar. Manches Verhalten darf nicht toleriert werden. Ebenso offensichtlich. Doch neben dieser positiven Seite hat die Kritik noch eine andere, finstere, abgründige.
Ich meine keineswegs den Fakt, dass gewisse Menschen sehr dünnhäutig sind, gar mental schwächeln und man des guten Stils wegen und aus Rücksicht auf ihre Empfindlichkeit sich davor hüten sollt, diese Personen zu kritisieren. Man will ja auch nicht Schuld daran sein, dass jemand eine Sinnkrise erleidet oder gar weinend nach Hause rennt. Es wäre auch verwerflich, jemandes noch so krude Ideen zu kritisieren, wenn der Tendez zum Suicide Bombing zeigt.
Nein, ich spreche von der richtig düsteren Seite der Kritik.
Davon, dass die Ausübung von Kritik ein sehr probates Mittel ist, sich selbst darzustellen, sich darüber hinaus selbstgerecht fühlen zu dürfen. Eine bare Schuldzuweisung. Das Garn, mit dem man seine Erzählungen über die eigene ach so moralisch korrekte Haltung nähen kann. Ein Scheinwerfer bleibt sicherlich auf das eigene Antlitz gerichtet, vermag man bloss laut genug zu nörgeln.
Nun, ich habe keine Mühe mit Kritik, solange sie gerechtfertigt ist, das heisst, sich auf Tatsachen stützt und nicht bloss aus der Luft gegriffene Vorwürfe besteht. Was dahinter steht, interessiert mich eher weniger. Selten habe ich mir Gedanken über die Intention, diese oder jene Kritik zu formulieren, gemacht. Häufig erwischte ich mich bei einem zustimmenden Kopfnicken, wenn Kritik ausgeübt wurde, schien sie doch so bitter nötig.
Vermutlich hätte ich genauer hinhören sollen, bei den Lästereien, beim Kritteln und Mäkeln. So hätte ich meinem Irrtum vorbeugen können, zu glauben, Kritik sei ein Mittel, seine Unzufriedenheit auszudrücken und Zustände zu verbessern. Gerade letzteres ist sie in seltenen Fällen. Vordergründig mag sie es schon sein, doch die wahren Gründe für ihre Existenz will ich doch anderswo vermuten.
Lüsterne Menschen harren mit gierigen, von Geiferfäden entstellten, Fratzen vor dem Kiosk und starren auf die Schlagzeilen. Die Masse der Pendler wankt durch die Bahnhofshalle, die Gratiszeitungen an die Schädel gepresst.
Diese Tage wird die Sensationsgier des Volkes einmal mehr befriedigt. Der Skandal wird inszeniert. An vorderster Front dabei: Die Medien und deren Sklaventreiber: Die Leser.
Natürlich spreche ich vom FC Thun und der Affäre mit dem 15-jährigen Mädchen.
Es ist beinahe beruhigend zu sehen, wie aus einer kleinen, rechtlichen Streitfrage ein landesweiter Skandal anwachsen kann. Gewiss, es ist keine schöne Sache, die hier geschehen ist. (Beurteilen, wer nun denn im Recht ist, mag ich nicht, zu viele Falschinformationen machen die Runde. Zumeist angerührt mit einer gehörigen Portion Entrüstung.) Doch im Grunde geht es um eine Sache, die nur die beteiligten Personen etwas angeht und, um ehrlich zu sein, die einfacher zu klären wäre, hätten nicht Horden von Journalisten und Krittelschreibern Spieler, Mädchen und Untersuchungsbeamte in Beschlag genommen. Doch der Lesermund schreit nach Sexgeschichten, da kann man sich auch am besten drüber unterhalten. Und sich selbst so schön selbstgerecht fühlen.
Doch sachdienlich ist der ganze Skandal überhaupt nicht. Da kann man sich noch so sehr beklagen, welch’ Unrecht dem Mädchen doch geschehen war, wenn es aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwinden könnte, ginge es ihm wahrscheinlich besser. Aber, na ja, man darf dem sensationsgierigen Volke nichts vorwerfen, die Zeit war einfach reif für einen neuen Skandal. Zu lange ist es her, seit die letzte Sensation die Schlagzeilen erschütterte. Ganz im Vertrauen, es ist doch viel interessanter über eine Sex-Affäre zu lesen, als sich mit syrischer Politik auseinandersetzen zu müssen.
Dann wäre da noch die Realitätsverweigerung der Buntblättchenleser, über die man sprechen könnte. Ich mein’ ja nur, Groupies sind nichts Neues, und in einem Provinzstaat wie der Schweiz reichen ein paar Zweitklassfussballspieler schon aus, um ein paar Mädchen durchdrehen zu lassen. Viele, die ein wenig in der Öffentlichkeit stehen, ziehen wenigstens eine Hand voll Groupies an. Denn dafür wollten sie sich ja gerade mit einem Becherglas voll Ruhm bekleckern.
Viel Aufregung um nichts, wie man es kennt in unseren von Populärjournalismus und bildchengeilen Konsumenten bestimmten Zeiten.
der dissident - Medienkritik mit dem FC Thun
Was ist gut, und was ist schlecht?
Die Frage der Philosophie, der Religion, aber auch der Politik.
Jahrhundertelang wurde darüber sinniert, Gelehrte verloren darob ihren Verstand. Kulturen radierten sich im Zank um diese Frage gegenseitig aus.
Ich dachte, ganz ehrlich, man hätte nun endlich einen Konsens gefunden: Dass übergeordnete Werte nicht existieren, dass Gut und Böse stets im Auge des Betrachters liegen. Einzig die Kultur weiss die Werte zu formen, und die Subjektivität.
Dass viele meinen, dem seie nicht so und somit einen Werteabsolutismus vertreten, der zu den meisten Zeiten durchaus üblich war, nur meistens mit etwas blutigen Konsequenzen, finde ich doch leicht bedenklich. Wie Menschen agieren können, die die Wahrheit auf ihrer Seite glauben, wissen wir alle. Doch wieso gibt es immer noch gewisse Werte, die wir als universal ansehen?
Weil wir nichts anderes als Toren sind. Ethik ist zwar ein Teilgebiet der Philosophie, doch dass diese sehr unterschiedliche Ansichten vertreten und zumeist nichts anderes tun als flott zu denken, muss man dabei auch bedenken. Nun, das Problem ist ein ganz einfaches: Werte sind nicht rational. Man mag argumentieren, wenn doch jeder seinen Verstand gebrauchen würde, dann müsste doch ein jeder begreifen, dass es nichts gutes an sich haben kann, die Leben anderer Leute eigenmächtig zu beenden.
Leider nein, denn hier wird schon eine Prämisse aufgestellt: Nämlich diese, dass der Mensch ein grundsätzliches Recht auf sein Leben hat. Dies ist eine relativ neuzeitliche Ansicht. Und soweit man nicht an übergeordnete Mächte, sprich: Gott, glaubt, ist dies keineswegs ein naturgegebenes Recht. Das Einzige, was in der Natur zählt sind die Gene. Und die wollen sich nunmal verbreiten. Manchmal nehmen sie dazu krude Theorien in Anspruch und propagieren Kultur.
So what? Die Gesellschaft würde besser funktionieren, würde ein jeder erkennen, dass er ein Sklave seiner Gene ist. Womöglich. Wahrscheinlich jedoch nicht. Eine Gesellschaft braucht Werte um überleben zu können. Doch die Begründungen, wieso jener Wert nun zählt und nicht der andere, sind leider nur subjektiv und kulturgebunden gültig,
Doch genau von jenen Gut/Böse-Schemen nährt sich die menschliche Hybris. Könnte man keine Absolutheit seiner eigenen Ansichten proklamieren, wäre es unendlich viel schwerer, selbstgerecht zu sein. Kann man sich über andere erheben, gerade moralisch, wenn man die Wahrheit nicht im Rücken weiss?
Nein, deshalb sage ich: Bedenkt, was egoistische Gene bedeuten. Unter der Last dieser Erkenntnis dürfte die Überheblichkeit schwinden wie frischer Schnee, der unter Nieselregen dahin schmilzt.
gegenstimme - Politically Correct? - Eine Replik
Einen multiplen Orgasmus wird die Blogosphäre wohl nie erleben, doch die eine oder andere Spitze wird erklimmt werden. Herbe Tiefschläge und gravierende Veränderungen erwartet sie, doch ist Kleinbloggersdorf ein derart idealer Ort des Amusements, der Bildung und des Meinungsaustausch, dass sie noch lange nicht von der medialen Bühne verschwinden wird.
Doch wie steht’s mit der Werbung? Werbung aufzuschalten ist einfach und generiert rasch ein paar Franken, reich werden damit selten, doch gerade weil etliche Blogger (z.B. Studenten) finanziell nicht in allzu guten Verhältnissen leben, sind viele froh um jeden Zehndollarschein, den sie nach Hause tragen dürfen, symbolisch verstanden.
Allerdings: Banner sind an einem Tiefpunkt angelangt. Eine gewisse Abstumpfung macht sich breit, jegliche Werbung wird entweder gezielt geblockt oder routiniert übersehen. Kontextsensitive Werbung und Textads springen in die Lücke. Doch wie lange? Auch diese Werbeformen werden irgendwann an ihr Ende kommen und von etwas Neuem oder Altem abgelöst werden.
Eine gewisse Ernüchterung scheint sich über die Blogosphäre zu legen. Enttäuscht von zu kleinen Werbeeinnahmen werfen etliche das Handtuch und waschen ihr Hemd weiss. Mit viel Reue und noch mehr Kritik an jenen, die Adsense noch nicht abgesagt haben und froh über die paar hundert Franken sind, die sie mit Trigami im Monat verdienen können.
Gehört die Zukunft also den werbefreien Blogs?
Wenn man sich an ideologischen Altlasten festklammern will, dann gewiss. Doch über ein bestimmtes Mass an Werbung sollte man schon hinwegsehen können und nicht wegen ein paar Bannern ansonsten wunderbare Blogs auf Teufel komm raus meiden. Rationale Toleranz wäre angesagt. Doch einige werben lieber damit, nicht zu werben. Ein Oxymorn, klar, doch sich selbst zu widersprechen war noch nie eine grosse Kunst.
Ich frage mich gerade, ob jene Ad-Hasser auch konsequent alle Zeitungen direkt in den Müll werfen, sobald die erste Werbung auftaucht. Ich denke nicht, denn scheinbar geht das Übersehen von Werbung doch, bloss in der Blogosphäre ist man nicht gewillt dies zu tun, eine Prise Selbstgerechtigkeit dürfte wohl auch stets im Spiel sein.
Doch welchen Sinn machen werbefreie Blogs? Sie können eine enorme ästhetische Komponente im Blogzirkus darstellen. Zumeist sind die werbefreien Blogs jedoch durch hässliches Design, grausliche Buttons und noch entsetzlicheren Schreibstil verunstaltet.
benkösblog - reich durch google-adsense…
bloggin’ chm - Aktion: Proud to be AdFree!
bloggin’ chm - Es geschehen noch Wunder…
bloggin’ chm - Fertig schluss!
der leumund.ch - Eine kleine Bitte…
Das Schweizer Bildungswesen ist im Kampf gegen die unseligen Horden der Kreationisten noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen.
Wie kann es geschehen, dass Schulbuchautoren die Evolutionstheorie mit dem Schöpfungsglauben gleichsetzen und darüber erstaunt sind, dass jene Untat kritisiert wird?
Ein Schweizer Problem?
Leider nicht, im Westen erstarkt der Glaube wieder, nachdem der Atheismus ein kleines Hoch hinter sich hat. Doch nicht etwa der Glaube an sich ist das Problem: Die sich verbreitende Meinung, Wissenschaft sei bloss ein Weltbild neben vielem, ist gefährlich. Doch genau dies ist es nicht, die Wissenschaft ist seit jeher ein Instrument, um die Realität zu beschreiben. Anstatt auf reine Gedankenkonstrukte und Märchenbücher stützt sie sich auf Fakten. Evidenz, die immer wieder geprüft wird, meist jedoch bloss mit unwissenschaftlichen ‘Argumenten’ beschmiert wird. Beunruhigend sind ja gerade jene, die vorgeben, eine Theorie (z.B. Einsteins Relativitätstheorie) widerlegt zu haben, jedoch nicht etwa in den Diskurs mit Wissenschaftler treten (Was auch schwierig wäre, denn häufig sind die Leute, die solche Behauptungen aufstellen zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens Wissenschaftler gewesen.), sondern Billigstreifen drehen und dies als die grosse Wahrheit verkaufen. Ähnlich der Unzahl Esoterikern und Pseudowissenschaftlern. Diesem Problem könnte man ein wenig gelassener begegnen, wenn man den Schülern frühzeitig wissenschaftliches, kritisches und sachinteressiertes Denken beibringen würden. Was auch bedeuten würde, dass man zumindest allen Gymnasiasten erklären müsste, wie denn eine Religion genau funktioniert (Dogmen) und wie sich wissenschaftliche Theorien davon unterscheiden.
Doch was tut eine Biologielehrerin an einem Fribourger Collège?
Sie erklärt in circa zwei Sätzen die Evolutionstheorie und fragt dann, ob man an die Evolution oder an die Schöpfung glauben würde. Es scheint sie nicht zu kümmern, dass ihre Frage völlig falsch formuliert ist, sie scheint es nicht einmal zu bemerken.
Ja, kein Wunder dass selbst in der Schweiz Horden von Maturanden zu Kreationisten mutieren.
darwins erben - Schweiz: Gilt die Bibel oder Darwin?
der dissident - Dogma Evolution
Neun Tote. Ein Amoklauf. Südfinnland. Wieder einmal eine Schule. Für einmal nicht in den USA.
Warum?
Die Presse findet die üblichen Verdächtigen, von Hitler über Rammstein bis hin zu Mobbing.
Daneben jedoch lässt sie Pekka-Eric Auvinen selbst zu Wort kommen:
Ich bin ein zynischer Existenzialist, eine antihumaner Humanist, ein asozialer Sozialdarwinist, ein realistischer Idealist und gottgleicher Atheist.
[...]
Ich bin bereit, für meine Ideale zu kämpfen und zu sterben. Ich, als natürlicher Selektierer, werde alle eliminieren, die ich als unbrauchbar ansehe, Schandflecke der menschlichen Rasse und Fehlschläge der natürlichen Selektion.
[...]
Und erinnert Euch: Das sind mein Krieg, meine Ideen und meine Pläne. Schiebt die Schuld meiner Taten nicht auf andere. Beschuldigt nicht meine Eltern oder meine Freunde. Ich habe niemanden über meine Pläne erzählt und habe sie nur in meinen Gedanken behalten. Beschuldigt nicht die Filme, die ich sehe, die Musik, die ich höre, die Spiele, die ich spiele oder die Bücher, die ich lese. Nein, die hatten damit nichts zu tun. Das ist mein Krieg: Ein Mann gegen die Menschheit, die Regierungen, die schwachen Massen dieser Welt! Keine Gnade für den Abschaum dieser Erde! DIE MENSCHHEIT IST ÜBERSCHÄTZT! Es ist an der Zeit, die NATÜRLICHE SELEKTION & DAS ÜBERLEBEN DER TAUGLICHSTEN zurück auf Kurs bringen!
Niemand wird seine Worte hören, erst recht nicht verstehen. Er hat Recht, kein Buch der Welt macht jemanden zum Amokläufer. Gleichzeitig hat er auch Unrecht, sehr wohl ist es sein Umfeld, das ihn geformt hat, doch niemand, niemand konnte ahnen, dass daraus gleich…
Seine Gründe hat er mit ins Grab genommen, obige Zeilen bloss hohle Phrasen, er nennt seine Motivation, doch über die Ursprünge selbiger verliert er kein Wort, kann er nicht, denn er kennt sie nicht. Manche Leute werden anfügen, so sei es halt mit diesen Misanthropen, mit diesen Zynikern, den Darwinisten, alles nur Scheusale. Nein, Ideen haben mit seiner Tat wenig zu tun, kein noch so krudes Weltbild macht aus einem Menschen einen Mörder. Er ist eine verirrte Seele, wirr und labil. Vielleicht war er bloss das Opfer eines psychischen Defekts, vielleicht kamen zu viele verschiedene Faktoren zusammen. Man weiss es nicht, wird es nie wissen. Psycho- und Soziopathen gehören zu einer Gesellschaft dazu. Das mindert die Tragik nicht und entschuldigt sein Verhalten nicht, doch es hilft, die Realität nicht aus dem Auge zu verlieren. Nun nach Schuldigen zu suchen wäre falsch, lasst die Leute trauern, in aller Ruhe. Ohne mediales Grossecho.
Ich klage die Presse an. Ihr geht es nicht mehr um die Weitergabe von Informationen, sachliche Berichterstattung also. Das Ziel ist die Empörung, der Leser, der seine oberflächlichen Gedanken und Verurteilungen dazu absondern kann, ihm ist es egal, ob nun wegen einem Amoklauf, oder einem Ehekrach unter Promis. Hauptsache ein Gesprächsthema, über das man sich ereifern kann. Voyeurismus. Einblicke in einen ‘verwirrten’ Verstand kriegt man ja nicht alle Tage. Einblicke, die nicht einmal an der Oberfläche kratzen, dennoch wunderbarer Lieferant für Entrüstung und Entsetzen. Genugtuung schliesslich, man hat’s ja gewusst, diese Brutalo-Musik ist nichts für einen Menschen… Mit dem Finger auf andere zeigen zu dürfen und sich so selbstgerecht wie heilig fühlen. Ekelhaft.
R.I.P., und ich hoffe für alle Angehörigen, dass der Medienrummel bald vorbei ist. Sie haben ihn nicht verdient.
20min - «Blut auf deinen Händen»
20min - «Ich als ein natürlicher Selektor werde alle eliminieren»
20min - Neun Tote bei Finnland-Amok: Täter gestorben
Die einstige Kolonialmächten tragen eine schwere Schuld auf sich. Sklaverei. Rassismus. Ausbeutung. Sich auf Kosten armer Urbevölkerungen zu bereichern.
Allmählich jedoch ist diese Schuld abgetragen, doch die Mahner verstummen nicht. Keineswegs könne man die einstigen Sklaven übervorteilen, was auch immer man ihnen gäbe, sie hätten es verdient. Ihrer unterdrückten Urgrossmutter wegen.
Offenbar bereitet es manchen Kreisen Freude, die Schuldgefühle in uns immer wieder neu anzufachen. Ein im Grunde ehrenhaftes Vorhaben, wenn es doch nicht alle paar Wochen mal pervertiert würde. Die Medien spielen treuherzig mit und verkaufen mit polarisierenden Statements grössere und grössere Auflagen, nicht wissend.
Die Gleichmacher wüten derweil weiter, als ob alle Kulturen gleich wären und ein jeder Mensch die gleichen Voraussetzungen mit sich brächte, haben sie sich wie die hungrigen Haie auf ein kaum der Rede werten Faux-Pas einer englischen Radiosprecherin gestürzt. Die Schwarzen sollen doch in der Nacht bitteschön nichts Dunkles tragen, sie habe vor kurzem deswegen beinahe einen überfahren, wagte sie in die Öffentlichkeit zu nuscheln. Wo hier bitteschön der Rassismus ist, frage ich mich immer noch.
Doch mit Rassismus oder der Ablehnung von Anders Aussehenden hat der darauf gefolgte Aufschrei nur wenig zu tun. Vielmehr pflegen wir eine Kultur der kollektiven Schuld. Von Kindesbeinen auf lehrt man uns die Vergehen und Verbrechen, gar abscheulichen Taten unserer Vorfahren. Wo auch immer ein Problem entbrennt, das alte Europa hat sicher seine Finger im Spiel. Gehabt, besser gesagt. Denn trotz grossem, vielfach kritisierten, Konsum sind die westlichen Staaten in den letzten paar dutzend Jahren doch verdächtig friedlich geblieben. So sehr auf Demokratie und Menschenrechte bedacht, dass wir ein Vorbild für alle anderen Nationen sein könnten.
Aber eben, das fünfhundertjährige Erbe, das auf unseren Schultern lastet. Unser Reichtum wird uns vorgeworfen, weil er auf dem Kolonialismus fusse. Schulden kann man zwar begleichen, doch viel schlimmer sind die Schuldgefühle, die für immer Part der kollektiven Erinnerung einer Kultur bleiben. Mitunter können sie ganze Völker in die Knie zwingen.
Doch ganz ehrlich gefragt: Macht es Sinn, ein siebzehnjähriges Mädchen anzuklagen und ihm eine moralische Last aufzubürden, bloss weil es hier und nicht einige hundert Meilen südlicher geboren wurde?
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Das Handicap-Prinzip:
Ein Individuum erscheint sehr attraktiv, wenn es zwar einen offensichtlichen Nachteil gegenüber anderen besitzt, sich im Kampf um das Überleben jedoch trotzdem behaupten kann.
Was geschieht, wenn man dieses Prinzip auf die Sprache überträgt?
Erstens fühle ich mich in einem gewissen Masse geschmeichelt. Einen guten Teil meiner Zeit verbringe ich gerade damit, Literatur im weiteren Sinne zu produzieren. Ich schreibe, einfach ausgedrückt. Daneben atme ich Informationen, Wissen und Poesie ein wie die leicht metallische Luft hier vor dem PC. Fingerspitzen, die über die Tastatur fliegen, ein knattriges Stakkato, immer, wenn wieder ein Gedanke ausformuliert ist. Dies alles nur, weil vor Jahrtausenden Frauen mehr Gefallen an Männern gefunden haben, die sich anständig ausdrücken konnten und nicht bloss von Grunzlauten Gebrauch machten?
Ich weiss nicht so recht. Gewiss, hier ist das alte Schriftstellerzitat, das besagt, ein jeder Autor schreibe nur, um Frauen damit leichter rumzukriegen. Ein Fakt, den nur wenige abstreiten würden?
Durchaus, erfahre ich doch am eigenen Leibe, dass ’schriftstellerische’ Fähigkeiten als rares und bewundernswertes Gut gehandelt werden. Mir ist dies zumeist ein bisschen peinlich, auch weil ich stets meine, diese Aufmerksamkeit nicht zu verdienen und keineswegs besonders gut schreiben zu können. Obwohl die Freue durchaus auch auf meiner Seite liegt, abhängig natürlich auch, von wem das Lob stammt.
Doch die ganze Hochsprache auf das Handicap-Prinzip zu reduzieren, scheint mir etwas gewagt. Die Theorie ist zwar durchwegs einleuchtend, doch könnte Sprache nicht auch einfach ein Abfallprodukt der Evolution sein? Zufällig entstanden und dann rasch verbreitet?
Seinen Reiz hätte der Gedanke jedoch schon. Sich vorzustellen, dass vor dutzenden Jahrtausenden jene Leute besonders begehrt waren, die nebst dem harten Bauerndasein noch Zeit fanden, diesen beerentragenden Strauch zu benennen oder ungezwungen beim nächtlichen Mahl ein holpriges Gedicht zum Besten zu geben, besitzt eine gewisse Faszination. Doch ein gewisses flaues Gefühl im Magen bleibt.
Goethe sei also nichts weiter als das Resultat eines Sex-Faktors?
darwins erben - Ist Sprache wie ein Pfauenschwanz?
oder Wieso eine selektive Wahrnehmung bei der Bestätigung der eigenen Ansichten so förderlich ist
oder Wer im Blogwald nur schlechte Blogs sucht, wird nie ein gutes finden
Anzunehmen ist, dass jedermann aktiv oder passiv nach Belegen und Beweisen für die Richtigkeit des eigenen Weltbilds sucht. Allerdings gibt es solche, die kann man durch ein stichhaltiges Argument umstimmen und ihre Ansichten noch einmal überdenken lassen, dann gibt es aber noch diejenigen, die sich beinahe krankhaft an ihren Dogmen festklammern, die man auch mit dem argumentativen Vorschlaghammer nicht zum Nachdenken bewegen kann. - Wir alle kennen sie. Die Heerscharen von Wundergläubigen als Beispiel, aber auch gewisse Weblogs, deren Schlünden Rudel von Selbstgerechten entströmen.
Doch gerade die sind es, die Ströme von Besuchern und Lesern anziehen. Kaum einer sucht dabei nicht nach einer Bestätigung für seine eigenen Vorurteile. Gleich, ob der Visitor nun zum Posting nickt oder den Kopf schüttelt.
Warum nur, frage ich mich manchmal. Welcher vernünftige Mensch lässt es geschehen, dass er seine eigene Meinung pervertiert und aus ihr eine fanatische Ideologie kreiert, in der bloss Feinde und Freunde existieren, jeder durch bestimmte Schemata klassifizierbar. Meist fällt mir ein paar Momente später ein, dass Vernunft ein selten’ Gut ist und nur wenige wagen, sich ihres Verstandes zu bedienen.
Doch heute, da habe ich dieses Kribbeln in den Fingern, das mich veranlasst, weiter zu suchen, nach Gründen, obwohl ich weiss, dass nur mehr und mehr Fragen auftauchen werden. Doch erst muss ich die richtigen Fragen finden, bevor ich Realitäten schürfen kann.
Ist es eine gewisse Furcht? Angst davor, man könnte falsch liegen? Sein Leben lang schon auf bestimmte Scheinfakten vertraut, die sich nun in Schall und Rauch auflösen und sich dies einzugestehen würde solche Scham, solchen Schmerz verursachen, dass man alles tut, um seine Ansichten in Beton zu giessen?
Oder sind Ideologien alle dieselben? Egal, ob man islamischer Fundamentalist ist, evangelikaler Kreationist oder unbelehrbarer Neonazi? Geht es bloss um die Sicherheit, die eine Ideologie einem bietet? Das Gefühl, geborgen zu sein (in einem noch so abstrusen Gedankenkonstrukt) und sich immer auf der Seite der Wahrheit und des Guten wähnen zu dürfen?
Kann man tatsächlich so ein eitel’ Menschenkind sein, dass man sein Leben dafür zu geben gewillt ist, Fehler nicht eingestehen zu müssen?