Froh bin ich, besitze ich nicht die us-amerikanische Staatsbürgerschaft. Nein, nicht etwa, weil ich dort nicht leben möchte [das wäre immerhin eine Option, und es gibt nicht viele Nationen, die für mich lebenswert sind, die USA sind es, da und dort], sondern weil ich nicht wählen gehen könnte. Ich möchte zwar, als guter Bürger und Demokrat will ich natürlich an der Politik partizipieren. Doch es ginge nicht, ich könnte es mit meiner Gesinnung nicht vereinbaren.
Wieso? Es wären doch ein paar gute darunter, der Schwarze zum Beispiel, ziemlich liberal, auch mit Sachverstand?
Einst hätte ich, doch heute, da ich ein weiteres Stückchen der Wirklichkeit kennen lernen durfte, nicht mehr:
Meeting the threat of global climate change will take hard work and faith, Obama said.
“Not a blind faith, not a faith of mere words, not a faith that ignores science, but an active searching faith,” said Obama, a member of the United Church of Christ. “It’s a faith that does not look at the hardship and pain and suffering in the world and use it all as an excuse for inaction or cynicism, but one that accepts the fact that although we are not going to solve every problem here on earth, we can make a difference.”
Was denn nun, Herr Obama? Sollen wir jetzt etwas unternehmen, um den Klimawandel zu stoppen? Oder doch besser beten? Ah, ich sehe, während wir den Klimawandel zu stoppen versuchen, sollen wir Gott suchen [Das wird lustig, wie die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, nur dass es hier gar keine Stecknadel gibt.], uns dabei jedoch im Klaren sein, dass wir dazu gar nicht im Stande sind.
Nun, der Mann hat definitiv eine Schwäche für Oxymora und treibt das Multi-Tasking auf die Spitze. Aber ich rate Ihnen, Herr Barack, den Begriff beten öfter zu verwenden, das kommt dem Hörensagen nach bei den Wählern gut an.
Noch begriffsstutziger zeigt sich jedoch ein anderer Sektenanhänger, diesmal nicht der United Church of Christ, sondern der Southern Baptists.
Oh, I believe in science. I certainly do. In fact, what I believe in is, I believe in God. I don’t think there’s a conflict between the two. But if there’s going to be a conflict, science changes with every generation and with new discoveries and God doesn’t. So I’ll stick with God if the two are in conflict.
Einleuchtend. Wieso sollte Herr Huckabee auch seit langem überholte Ansichten aufgeben, wo doch hunderte von Fakten dagegen sprechen?
Nun ganz im Ernst, Amerika hat solche Komiker nicht verdient. Manch einer mag die Staaten als Satan persönlich ansehen, doch wir alle wissen, dass Satan nur bei Dante zu finden ist. Zudem haben die Amis, die Betawölfe, um genau zu sein, den Hip Hop erfunden. Davor noch den Jazz. Welch anderes ‘Volk’ hat jemals etwas vergleichbares geschafft? Genau, nur wir Schweizer mit Ulysse Nardin.
Herzliches Halloween euch allen, und treibt’s nicht zu arg mit den Geistern und Untoten.
[Wenn schon, dann mit Frischfleisch.]
allhiphop.com - A God (Emcee) Complex
pharyngula - Obama is vexing me
pharyngula - What did America do to deserve these idiots?
We must face the facts: our lives, in the grand scheme of things, are short. Like the leaves falling from the tree, we bloom, flourish, and inevitably wither. Vast expanses of time preceded each of us, and equally vast expanses of time will follow us. We were not there, will not be there, to know what happens; we will never meet the people who inhabit those times, as they will never meet us. Our existence is, as Robert Ingersoll said, like a narrow vale between two cold and barren peaks.
Die Worte sprechen für sich, meine baren, armseligen, würden nur die Schönheit obenstehender Zeilen zerstören. Zerknüllen wie ein misslungener Papierflieger und in den Mülleimer werfen. Wenn nicht…
daylight atheism - Fragile Trappings
Hier und dort sind derartige Zeilen zu finden: Seelenstrips.
Seit jeher gab es Exhibitionisten, heute ist die Bandbreite an Möglichkeiten zur Entblössung gross. Einerseits die klassich fleischliche, auf die ich hier nicht eingehen werde, andererseits die seelische. Anstatt sich endlich ein Herz zu fassen und mit dem engsten Freund über die eigenen Gefühle zu sprechen
“Nun ja, weisst du, es bedrückt mich halt schon etwas, dass…”
wendet sich der Zeitgenosse an die Medien, entweder tränenüberströmt an den lokalen Privatsender oder grammatikalisch unkorrekt an Kleinbloggersdorf
“Verdammt, mir geht’s echt beschissen, wisst ihr, was gestern passiert ist…”
Ich frage mich erstens, wieso dem so ist, und zweitens, ob dies eine gute Entwicklung ist.
- Warum nur, frage ich mich, wenn ich wieder über den einen oder anderen derartigen Blogeintrag stolpere. Wieso ist es dir nur ein solches Bedürfnis, uns hinter Bits und Nicknames Verborgenen, mitzuteilen, dass dein Meerschweinchen gestorben ist? (Wenn’s hochkommt Personen des engsten familiären Umkreis.) Suchst du Mitleid? Anteilnahme? Begreifst du, dass mancher einer schnell weiterklickt und sich bei solch intimen Äusserungen peinlich berührt fühlt - Vergleichbar mit der Situation, wenn man zufällig Fetzen eines Gesprächs mitbekommt, das höchstens zwei Personen etwas angeht und einem die Schamräte ins Gesicht treibt. - während der andere, so freundlich sein Beileid Äussernde, bloss heuchelt - Weil dies im Internet so leicht fällt. Ein paar Worte sind schnell getippt. - ?
- Momentan sind solche Posts noch eine Randerscheinung. Doch, soweit ich dies beurteilen kann, eine, die sich rasch verbreitet. Welches wären die Folgen für unsere Gesellschaft, wenn aus dieser Entwicklung ein Trend und schliesslich Alltag würde? Möglicherweise eine gewisse Desensibilisierung. Ein Abstumpfen gegenüber von gezeigter oder geäusserter Trauer? Folgt unserer Epoche nun eine Zeit, in der eine freundliche Umarmung, wenn der Kompagnon wässrige Augen hat, selten geworden ist?
Nachdem sich in der Blogosphäre unzählige bereits körperlich entblösst haben, folgen nun Heerscharen, die Seelenstriptease betreiben?
Beruhigend war dahingehend die Nachricht, dass auf Myspace viele Profile nur noch für die Personen zugänglich sind, die in der Kontaktliste stehen.
So möcht’ ich doch alles, bloss keinem Groupie den Lieblingspolitker miesreden. Deshalb verzichte ich in den nachfolgenden paar Zeilen auf Namen.
Eigentlich will ich nur mein Erstaunen zum Ausdruck bringen, darüber, wie wenig manch einer seine eigene Geschichte kennt und wie wenig Dankbarkeit den längst dahingegangenen Vorvätern entgegen gebracht wird.
Beinahe bewundernswert sind jene, die im gleichen Satz sagen, die Geschichte dürfe sich unter keinen Umständen wiederholen, wie sie die Erlaubnis für umfassende Onlinedurchsuchungen geben, bei denen jeder an den Ast gehängt werden soll, der leicht heikle Texte besitzt oder gar per google nach schlimmen Schlüsselworten sucht. Die Frage stellt sich nun natürlich, wie die Bürger denn eine Wiederholung der Geschichte verhindern sollen, wenn sie selbige gar nicht kennen. Doch das ist ein unwichtiges Detail, von Bedeutung ist einzig und allein, dass man endlich in den Krieg eintritt gegen einen Gegner, der seine Server schon längst in muffigen Hinterzimmern in Südostasien laufen hat. Dass Verfassungsfeinde jedoch bisweilen gewitzte Köpfe sind und mittels diversester Wege in Kontakt mit Gleichgesinnten treten können, scheint man nicht beachten zu wollen. Dass man beim Beschreiten dieses ‘Antiterror’pfades einen ganzen Haufen Bürgerrechte mit Füssen tritt und man dem Leuten die Gelegenheit nimmt, ganz privat über die Regierung zu fluchen - so dass diese ihre eigentlich irrelevante, da meist nicht vorhandene Wut aufs Etablissements andersweitig ausleben - ist ebenfalls eine Nebensächlichkeit.
Traurig nur, dass es gerade Politiker sind, die die Konsequenzen ihres Tuns offenbar nicht mehr abschätzen können.
bada$$mood - Online kommen die Spione
Das verfluchte siebte Jahr ist zwar hier, Blogs gekommen und verschwunden im Rhythmus der Gezeiten, doch mit dem Alter kommt die Einsicht, sagt man so schön.
Ich bin ein wenig stolz darauf, ankündigen zu dürfen, dass der Hype um Blogs nun vorbei ist. Ganz inoffiziell, aber gerade in Anbetracht des Alters der Blogosphäre und der Alltäglichkeit, mit der über Blogs gesprochen wird. Selbst die Printmedien haben diese Unsitte beendet, Blogs als The Next Big Thing zu betiteln.
Beinahe bin ich froh darüber. Es scheint sich zwar nicht so zu verhalten, dass die meine Ansprüche nicht erfüllenden Blogger in Ruhestand gehen, doch man darf sie getrost ignorieren.
Fatal - für mich persönlich - ist die Erkenntnis, dass sich trotz vieler geklärten Fragen die Fronten verhärtet haben. Grabenkriege und monatelange Scharmützel gehen weiter. Nach dem alten Muster von verschiedenen politischen Ansichten, aber auch solche Dinge wie die Existenzberechtigung gewisser Blogs betreffend. Ich finde dies ja sehr schade, besonders, da es zeigt, dass manche Leute entweder von einem manischen Berichtigungswunsch [dass man anderen das Recht auf eine eigene Meinung abspricht und das eigene Weltbild als das einzig gültige darstellt ist ja altbekannt, aber allem Anschein nach beliebter denn je] besessen sind oder schlichtweg den unsubscribe-Button in ihrem Feedreader noch nicht gefunden haben. Etwas Mitleid habe ich für beide übrig, für erstere ein wenig mehr, da bei zweiteren wenigstens noch die Chance besteht, dass sie ihr Verhalten ändern können.
Ich wollte an dieser Stelle eigentlich auf ein paar Blogs hinweisen, die aber gar schlecht und stossend sind, doch da mir jede weitere Zeile nicht mehr bezahlt wird, möchte ich bloss noch seufzend gestehen, wie gross mein Amüsement über Blogger ist, die über Tag und Jahr nicht merken, dass sie als Gespött und Hofnarr der Blogosphäre gehandelt werden.
Das mag den einen oder anderen erstaunen, die meisten jedoch zu fanatischer Realitätsverweigerung veranlassen:
Al Gore und auch Blocher bedienen sich der gleichen rhetorischen Schublade. Beide appellieren an die Kollektivängste ganzer Bevölkerungsschichten.
Bei ersterem, wie auch bei letzterem, brechen, kaum seine Rede beendet, dutzende bis hunderte Leute in huldigenden, frenetischen Applaus aus. Dabei lassen die Redner keinerlei Zweifel daran, dass sie die einzigen Heilsbringer sind und das Volk sich von der Geissel erlösen könne, wenn es bloss niederkniet und alles tut, was ihm sogleich befehligt wird.
Sowohl beim Klimawandel, wie auch bei der Ausländerkriminalität, muss man jedoch ein genauestes Auge auf den Realitätsbezug des jeweiligen werfen. Zwar sind beide für sich genommen durchaus real und bisweilen bedenklich. Was jedoch prophezeit wird, die Misere, die folgen wird, gibt man sich dem Erlöser nicht sofort hin, ist eine Ausgeburt diffusester Ängste.
Nicht nur, dass die Frage immer noch offen steht, ob von Immigranten verübte Delikte tatsächlich zugenommen haben oder sich bloss die Wahrnehmung dafür geschärft hat, auch kann mir kein Aktivist je sagen, was denn genau so schlimm an einer Klimaerwärmung sein soll. Einzig berufen sie sich auf die Worst Case Szenarien, doch inwiefern selbst köstliche sieben Grad Zuschlag die Welt zum Negativen hin verändern, können sie nicht erklären. Man schlägt also aus einer Furcht politisches und stimmgewaltiges Kapital, die nicht unbedingt begründet ist.
Doch am schlimmsten finde ich ja nicht eine gewisse Nähe von Blocher und Al Gore, was einen womöglichen Realitätsverlust anbelangt, sondern die Reaktionen ihrer Kontrahenten. Da wie dort gibt man sich der schlichten Leugnen und dem böckischen Verweigern hin. Anstatt darauf hin zu weisen, dass sich jene Sache zwar so verhält und nun wirklich nicht hinnehmbar ist, die Dramatik jedoch weitaus geringer ausfällt und man doch bitteschön dringender Probleme behandeln wolle.
project syndicate/bjorn lomborg - Ein unbequemer Friedensnobelpreis
sajonara - Amerikaner würden Al Gore wählen
weltwoche - Der grüne Star
Ein gar wunderliches Verhalten legen bisweilen mir langjährig bekannte Gesichter an den Tag. So wieder gestern geschehen, als mir eine zwar nicht nahe stehende, aber doch etwas vertraute Person erklären möchte, ich sei am Tode jenes kleinen chilenischen Kindes schuld, das heute ganz sicher gestorben ist.
Meine verdutzte Frage, inwiefern mein zwar globalisiertes, aber doch nicht in jeden Haushalt und ganz sicher nicht bösgläubiges Agieren den Tod eines anderen, etliche hundert Meilen von mir entfernten Menschen hervor gerufen haben soll, wurde darauf hin glatt überhört.
Dafür durfte ich mir - mir! ich, der sich selbst manchmal gar einen Kaptialisten und Materialisten - in manchen Kreisen eine Todsünde und Beweis für einen gar grässlichen und zutiefst verabscheuungswürdigen Charakter - und der fern davon ist, bedauernswerten Irrtümern von sektiererisch tätigen Personen zu lauschen - anhören, dass nicht spezifisch meine Gedanken, aber doch die eines jeden, der nicht 24/7 für das Gute [sic!] betet, das Elend der Welt fördern. Die daraufhin nicht von mir verlangte, aber doch vorgetragene Begründung tat ich meinen Gemüt nicht an, sondern liess meine Gedanken mal dorthin mal dahin schweifen. Ich gebe ja schon zu, dass ich ab und an zur Oberflächlichkeit tendiere - die ich jeweils sofort dahingehend interpretiere, dass mein Sinn fürs Ästhetische halt so gross ist, dass die Auswirkungen hin und wieder Menschen treffen können - eine Begründung, die den Intellektuelleren rasch einleuchtet und durchaus verständlich ist. Man mag ja, so klopfen sie mir väterlich und gönnerisch auf die Schulter, auch nicht sein ganzes Leben neben einem Ungesicht aufwachen. Äussere Schönheit, so fügen sie jedoch immer und manchmal etwas gar hastig an, bedinge jedoch auch einem frohen, lieblichen und guten Inneren, sonst sei das noch so hübsche Antlitz meine Hingabe nicht wert. Ich erwidere in solchen Situationen jeweils nicht, dass ich mir durchaus Situationen vorstellen kann, in denen es bloss einem flotten Aussehen bedingt, sondern nicke bedächtig und falte meine Hände. Denn, so musste ich feststellen, in den von mir bevorzugten Kreisen herrscht noch immer die Irrlehre, ein Raum voller hübscher, aber mit Geisteswitz nicht geschlagenen Mädchen könne mir doch nicht zusagen, ja, sich darin auszuhalten wäre moralisch zutiefst verwerflich und enorm oberflächlich. Meine Lebensphilosophie, die Ästhetik meines Umfelds zu maximieren, widerspricht jenen humanistischen Gedanken jedoch sehr, so dass ich noch nie Stellung bezogen habe, wenn sich eine Diskussion in diese thematischen Gegenden verlagert hat. - doch, dass gewissermassen auf jedem eine universelle Schuld laste, erscheint mir doch etwas weit hergeholt zu sein.
Selbst unter Personen, die keineswegs gläubisch oder esoterisch argumentieren, ist die Vorstellung einer Kollektivschuld hiesiger Kreise weit verbreitet. Zwar griff ich letztgenannte Problematik schon das eine oder andere Mal auf, doch angesichts des angeschnittenen Themas, bin ich gewillt, mich noch einmal in bodenlose Gefilde vorzuwagen. Die lieblos Sozis betitelten Personen, bürden mir immer eine Urschuld auf, wenn ich mich auch nur leicht positiv zur Globalisierung äussere. Der Kolonialismus, pflegen sie auszustossen, und überhaupt, unser ganzer Wohlstand basiert auf dem Leid anderer. Während sie weiter moralisieren, gebe ich mich zufrieden mit der Erkenntnis, wie realitätsfern und perspektivenlos mein Gegenüber doch spricht.
Doch wenn ich unten verlinkte Texte lese, resp. die darin behandelten Vorfälle, kann ich mir ein Kopfschütteln selten verwehren. Es wird mir dann jeweils wieder schlagartig bewusst, wie unfrei und von alten, heute längst als falsch bekannten Gedankenkonstrukten die einen, wie die anderen denken. Mir kräuselt es geradezu die Zunge, wenn jemand den Zufall als unwahr und überhaupt unwichtig für das Werden und Vergehen allen Daseins bezeichnet.
daylight atheism - A World in Shadow V
surgeonsblog - Bless the Child?
Es scheint des Menschen dringendster Wunsch geworden zu sein, so tief und selbstbefleckend wie möglich in den Leben anderer herum wühlen zu dürfen.
Anders kann ich mir die seit meinem Eintritt in die Medien- und Konsumlandschaft andauernde - und wohl hunderte Jahre davor entstandene - Klatschbesessenheit nicht erklären. Es ist mir wohl bewusst, dass man dies mit ein wenig Evolutionsgeschichte und Psychologie erklären könnte, wie wohl jedes andere Verhalten der Menschen, doch meine Verwunderung darüber ist wegen dem nicht kleiner.
Es liegt mir nur allzu fern, über das Handeln anderer Menschen zu mäkeln oder gar zu urteilen - ausser ich persönlich bin davon betroffen, mein Vertrautenkreis oder die Menschheit als gesamtes - jedoch verspüre ich dann und wann den Drang - wenn zum Beispiel dieser oder jene mit verzückter Miene vor dem Bilderkasten hockt und in seltsamer Eintracht mit den Talkshow-Gästen mitfiebert und sich durch entsetzte Blicke meinerseits nicht davon abhalten lässt, dann und wann einen heiseren Schrei und ein paar Wortbrocken dem millimeterdünnen bewegten Bild entgegen zu werfen - diesem oder jener ins Ohr zu brüllen: “Get your own life!”.
Ab und an, da ertappe ich mich dabei, wie ich in Gedanken händeringend fluche und mich in sehr direkter Weise nach seiner oder ihrer mentalen Gesundheit zu erkundigen. Beispielsweise in jenen Momenten, da ich mitbekomme, wie sich jemand über diese unverständliche Tat jener fiktiven filmischen Person aufregt, die in der zur Zeit angesagten Serie eine Hauptrolle besitzt. So möchte ich hier doch nicht den Richter spielen und diesem oder jener das Recht absprechen, sich in gewisser Weise mit erfundenen Charakteren zu identifizieren oder wutentbrannt nach einem so nicht erwarteten Ende eines Filmes aus dem Kino zu rennen, doch fragwürdig finde ich solch unreifes, geradezu krudes Verhalten schon.
Doch vermutlich bin ich bloss ein wenig empathisches Menschenskind - dagegen spräche, dass mir das Schicksal meines Vertrautenkreis bisweilen ganz schön zusetzen kann -. Wahrscheinlich jedoch sollte ich bloss kaltblütig diese Charakterschwäche ganzer Nationen zu meinem eigenen Vorteil benützen und Mitleid heischende und heuchelnde Schlagzeilen produzieren. Meine Manteltasche würde es mir danken, mein Gewissen nicht.
Nach ellenlangen Diskussionen, in der sich viele profilieren wollten und die meisten ein Stückchen vom Traffic-Kuchen abschneiden wollten, ist endlich wieder etwas Ruhe eingekehrt in der Blogwelt. Gewiss doch, die Selbstgerechten predigen weiter und Gutmenschen zündeln weiter, aber so lange man keine einschlägigen Blogs im Feedreader stehen hat, bleibt man unbehelligt von der Relevanzfrage. Dass sich der eine oder andere Katzencontent unter mein Auge schleicht, ist jedoch unvermeidbar. Im Grossen und Ganzen herrscht jedoch wieder die seltsame Einträchtigkeit zwischen Selbstmitleid, aussagelosem Brimborium und den paar wenigen guten Texten.
Nein, die konstanten Blogs, bei denen die Qualität zwischen Header und Footer heraus tropft, sind weiterhin rar und in der öden Wildnis spärlich gesät. Doch wenigstens sind die grossen Themen vorbei. Die Nachwehen von Burma sind zwar noch zu spüren, in der Schweiz werden die Wahlen wohl auch erst in ein paar Tagen fertig besprochen sein, doch die meisten Blogger kehren wieder vor der eigenen Türe. Nun gut, genau dies tun sie nicht, aber wenigstens kümmern sie sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten. Meistens.
Es mag erstaunen, dass gerade ich dies gutheisse, wenn nicht befürworte. Jedoch muss der geneigte Leser auch sehen, dass die wichtigsten Schlachten geschlagen sind. Anzuerkennen, dass bei jedem sporadisch ein Blogblues auftritt, gehört genauso wie die - traurige - Tatsache, dass nicht das geringste Interesse an einem Bloggerverein vorhanden ist, zu den Erkenntnissen, die man hätte erlangen können. Ebenso scheint es nun relativ klar zu sein, dass Blogs keine generelle Relevanz haben müssen, sondern einzig eine subjektive. Den einen oder anderen vermag es noch zu überraschen, dass im Internet sehr kontroverse Themen diskutiert und herumgereicht werden. Leider scheint sich der Fakt, dass Wertungen und Bewertungen nie etwas anderes sind als Ansichtssache und somit Teil des persönlichen, durch diverse Einflüsse geformten und geprägten Weltbild, noch nicht etabliert zu haben. Schade, doch im zutiefst demokratischen Prozess der Meinungsbildung habe ich meine Aussage wohl noch nicht vereinfacht genug bei jeder passenden Gelegenheit wiederholt. Anders ausgedrückt, ich war zu wenig selbstreferenziell.
Wenigstens hat mich die Leere wieder. Die samtene, melancholische Düsternis. Gut geeignet, um einen Schlachtplan zu entwerfen.
Volatile Wählermassen. Das Stichwort der gestrigen Hochrechnungen und Wahlanalysen. Zwar kristallisierte sich bereits vor etlichen Wochen heraus, zu wessen Gunsten sich die Machtverhältnisse im Bundeshaus verschieben würden. Dass vor allem zwei Themen, Ausländerproblematik und Klimawandel, das Volk bewegen, konnte man ohne grossen Aufwand zu betreiben auf dem eidgenössischen Sorgenbarometer ablesen. Gerade der Hype um Al Gore und die brandheisse Diskussion um gewalttätige jugendliche Ausländer hätten den Verlierern der diesjährigen Parlamentswahlen zeigen müssen, mit welchen Themen man Wähler gewinnen kann. Um zu erkennen, dass die Wähler jene Leute, resp. Parteien nach Bern schicken würden, die sich ihren Sorgen annehmen, da bräuchte man bloss 1 und 1 zusammen zu zählen. Doch Kenntnisse der Mathematik und ein Gespür für die siedende Volksseele scheinen keine Voraussetzung für Parteisekretäre und -präsidenten zu sein.
Statt dies sich und der Partei einzugestehen, greifen nun in den Nachwehen der Wahlen viele Parteivertreter zu kruden Ausflüchten. ‘Unerwartet’ sei das Resultat. Man müsse nun ‘über die Bücher’. Kein Kommentator konnte sich jedoch dazu durchringen, dass man vielleicht etwas falsch gemacht hätte oder gar am Volk vorbei gesprochen hätte. Doch genau dies müssten die Parteien begreifen, die Wahlen sind ein demokratischer Entscheid. Dies heisst auch, dass diejenigen ins Parlament gewählt worden sind, die das Volk und seine Anliegen am besten repräsentieren. 15 Millionen Wahlkampffranken mögen für einen guten Auftritt sorgen, Wähler lassen sich jedoch damit keine kaufen. Somit ist es völlig irrelevant, sich nach deren Ursprung zu erkundigen. Massive Realitätsverweigerung zeigt sich auch bei den Freisinnigen. Man gibt sich schockiert. Man habe doch überzeugende Sachpolitik gemacht, wird moniert. Tut mir leid für euch, doch Sachpolitik interessiert vielleicht ein paar verstaubte Altherren. Heute wird mit Emotionen Politik gemacht. Selbst der Kniefall von Warschau war ein grandioses Beispiel dafür, dass Politiker nicht nüchtern und trocken politische Entscheide abwägen sollen, sondern das Herz des einfachen Mannes treffen dürfen. Willy Brandt machte dies, auch Kennedy, als er in West-Berliner konstatierte, er sei ein Berliner.
Unter dem Schlussstrich bleibt nicht mehr viel übrig. Ein nervenraubender Wahlkampf, nationales Gestöhn und die Angst vor negativen Schlagzeilen in Auslandsmedien. Wie gross die Unkenntnis der wenigen betreffenden ausländischen Journalisten jedoch zumeist war, dieser Problematik hat sich dann jedoch keine nationale Zeitung angenommen. Die völlig richtige Feststellung, dass die eidgenössische Politik international kein Thema ist, dann eher schon bernische Zimtweggen, ging in der allgemeinen Hysterie unter.
Schlussendlich wird man sich einzig und allein wegen der Schäfchenplakate an die Parlamentswahlen 2007 erinnern. Irgendwann wird man dann auch den dazugehörigen Kontext vergessen haben und rückblickend nur noch an ein paar süsse Schäfchen denken.
arlesheim reloaded - Gastkommentar
die achse des guten - Das Schweizer Volk hat wieder falsch gewählt
unkultur - Was haben Burma und die Schweizer Wahlen gemeinsam?